„Wir sind wie ein altes Ehepaar“
Mit der Komödie „Sonny Boys“, die an diesem Donnerstag Premiere im Studio hat, fällt für Hans-Peter Leu in einigen Wochen der letzte Vorhang als Ensemblemitglied des Theaters. Nach 31 Jahren in Trier geht der Schauspieler in den Ruhestand. Zumindest in dem Erfolgsstück „Josef und Maria“, das seit zwei Spielzeiten stets ausverkauft ist, wird er weiterhin auf der Bühne zu sehen sein – dann aber als Gastdarsteller, wie er im Gespräch mit 16vor erzählt. Zudem sprach der gebürtige Züricher über sein Abschiedsstück, über eine Rolle, die er noch gerne spielen würde, und darüber, dass mal ein Film mit ihm für den Oscar nominiert war.
16vor: An diesem Donnerstag hat „Sonny Boys“ Premiere. Wird dies Ihr letztes Stück am Trierer Theater sein, in dem Sie mitwirken?
Hans-Peter Leu: „Josef und Maria“ werde ich als Gast weitermachen. Das Stück, das wir vor zwei Wochen abgespielt haben, wird in der nächsten Saison wiederaufgenommen.
Vielleicht werde ich auch was drehen. Man hat ja sonst nie Zeit dafür. Ich habe mal vor etlichen Jahren mit Gerd Dudenhöffer Fernsehen gemacht. In drei Sendungen der ersten Staffel von „Familie Heinz Becker“ war ich dabei. Mit dem Kollegen Hänig habe ich auch mal in einem Film mitgespielt. Es war sehr sehr kompliziert, für die Drehtage frei zu bekommen. Mit diesem Film, „Twin Sisters„, wurden wir sogar für den Oscar nominiert als bester ausländischer Film. In den Benelux-Ländern war er monatelang ausverkauft, hier lief er zwei Wochen im „Broadway“.
Ansonsten will ich erst einmal reisen. Man hat immer nur im Sommer Zeit, ansonsten kommt man überhaupt nicht weg. Ich werde es nutzen, jetzt auch mal zu anderen Zeiten wegzufahren.
16vor: Sie sind Frankreichliebhaber. Geht es jetzt häufiger dorthin?
Leu: Nicht unbedingt. Nach einem längeren Urlaub bin ich öfter mal fünf, sechs Tage in Paris. Einmal im Jahr brauche ich das. Ich bin eigentlich Großstadtmensch. Man hält es in Trier gerade so aus, weil viele Touristen hier sind. Frankreich mag ich von der Lebensart her, vom Essen und Trinken her. Mein Vater war Italiener, vielleicht hat es auch damit zu tun.
Das Ziel meiner Reisen ist immer anders. Ich war jahrelang in Griechenland auf verschiedenen Inseln, kenne in Portugal jede Ecke, war auf der Hurtigruten…
16vor: Zieht es Sie noch in die Schweiz?
Leu: Wenig. Ich telefoniere laufend mit einem Freund, den einzigen, den ich dort noch habe. Ansonsten ist meine ganze Familie tot. Ich bin seit über 40 Jahren weg. Meine Freunde habe ich hier und dort, wo ich sonst noch gespielt habe. Ich war sechs Jahre seit dem Tod meiner Mutter nicht mehr in der Schweiz. Aber ich will jetzt wieder hin, gerade nach Zürich, weil sich manche Sachen sehr verändert haben. Das will ich nochmal sehen.
16vor: (Manfred-Paul Hänig kommt in die Garderobe und zieht sich um) Jetzt, wo Herr Hänig hier ist: Sie spielen schon sehr lange zusammen…
Leu: Wir spielen unentwegt zusammen. Wir treffen uns nicht immer auf der Bühne, aber wir spielen unheimlich viel miteinander. Wir sind fast öfter zusammen als mit unseren Frauen. Wir sind wie ein altes Ehepaar. In „Sonny Boys“ kommt das auch ein bisschen durch. Dieses Komikerduo, das nur zusammen funktionierte, arbeitete jahrzehntelang zusammen.
16vor: Es ist also kein Zufall, dass Sie jetzt gemeinsam gerade dieses Stück spielen?
Leu: Wir haben das früher schon mal vorgeschlagen. Jetzt wollte man wissen, welches Abschiedsstück in Frage komme, da haben wir gesagt: „Dieses wäre was für uns.“
16vor: War es Ihr Wunsch, dass Klaus-Dieter Köhler, der Mitte der 90er mehrere Jahre in Trier angestellt war, die Regie bei „Sonny Boys“ übernimmt?
Leu: Mir wurde es vorgeschlagen und ich war sehr schnell damit einverstanden, weil ich mit ihm schon viel gearbeitet habe und auch sehr gerne arbeite. Ich mag ihn auch privat. So gesehen ist das eine Idealsituation.
16vor: Das Komikerpaar Willie Clark und Al Lewis gibt sich auf der Bühne anders als im Privatleben…
Leu: Die haben das letzte Jahr der 42 Jahre, die sie miteinander spielten, gar nicht mehr miteinander gesprochen. Nur noch Text auf der Bühne. Dann haben sie sich elf Jahre nicht mehr gesehen. Willies Neffe ist Manager und will sie vor die Fernsehkamera zerren, damit sie ihre alten Sketche wieder spielen. Das gibt natürlich Konflikte.
„Ich bin ein ernsthafter Mensch. Das sieht man nur nicht auf den ersten Blick.“
16vor: Einige Komiker sind abseits der Bühne eher ernste Menschen. Trifft das auch auf Sie zu?
Leu: Schon, ich zeige das nur nicht immer. Ich mache oft Blödsinn, um gegen das Ernste anzugehen. Weil ich nicht in einem Problem versinken will, rette ich mich selber mal mit Albernheit. Eigentlich bin ich ein ernsthafter Mensch. Das sieht man nur nicht auf den ersten Blick.
Anders als Willie und Al kommen Manfred und ich privat aber blendend aus. Wir haben schon so viel Zeit miteinander verbracht. Es macht sehr viel Spaß zusammen, weil wir uns so gut kennen, dass wir manchmal schneller sind als der Regisseur. Wir wissen vorher schon, wie es richtig geht.
16vor: Wie präsent ist es Ihnen gerade, dass „Sonny Boys“ Ihr letztes Stück als Ensemblemitglied sein wird?
Leu: Das ist mir schon bewusst. Aber es ist nicht unbedingt das letzte. Ich werde danach vielleicht schon noch was machen – wenn ich Lust habe. Darauf freue ich mich: Das ich nicht mehr muss, sondern nur noch spiele, wenn ich Lust habe, worauf ich Lust habe und mit wem ich Lust habe.
Das kann man in einem festen Engagement nicht. Da bekommt man manchmal einen Regisseur aufgedrückt, den man nicht so doll findet. Aber man muss da trotzdem durch, weil es der Job ist und man einen Vertrag hat. Bei den Kollegen ist das nicht ganz so schlimm. In so einem relativ kleinen Ensemble kommt man in der Regel mit jedem mehr oder weniger klar. Wie in jedem anderem Beruf gibt es natürlich aber auch Ausnahmen.
16vor: Mit „Sonny Boys“ verabschieden Sie sich mit einem Wunschstück. Welche Stücke in Ihrer Karriere sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Leu: Was ich nach wie vor gerne spiele, ist „Josef und Maria“. Und vor allem viele Sachen im Studio. Stücke von Dario Fo habe ich gerne gespielt und Musicals wie „Der Mann von Mancha“ und „Cabaret“. Zudem erinnere ich mich gerne an „Nathan der Weise“, wo ich den Klosterbruder gegegeben habe.
„Auf König Lear würde ich mich gerne einlassen.“
16vor: Gibt es eine Rolle, die Sie gerne übernommen hätten, aber nie angeboten bekamen?
Leu: Es gibt wahrscheinlich schon welche. Aber für manche ist es jetzt zu spät, weil ich zu alt dafür bin. Was ich auch gerne gemacht habe, war der Narr in „König Lear“. Auf die Hauptrolle darin würde ich mich gerne einlassen.
Ich habe in den Klassikern oft drei, vier Rollen gespielt, weil das Ensemble so klein ist. Das hat mich mit der Zeit genervt. Natürlich ist man anders angezogen und geschminkt, aber die Leute erkennen einen an der Stimme. Man sollte dies nicht übertreiben. Es spricht nichts dagegen, dass einer mehrere Rollen spielt – manchmal ist das Stück so konzipiert, dann ist es witzig. Aber wir haben aus Kostengründen einfach zu wenig Schauspieler.
16vor: Sie sind also gar nicht so unglücklich darüber, zu einem Zeitpunkt, wo es dem Theater finanziell besonders schlecht geht, aufzuhören?
Leu: Nein. Es ist inzwischen so schwierig geworden, weil kein Geld mehr da ist, dass ich unter diesen Umständen wohl nicht mehr in diesen Beruf einsteigen würde. Ich finde es sehr mutig von jungen Kollegen, diesen Beruf noch zu ergreifen. Gerade hier arbeiten die Leute, auch in der Technik, wie die Irren. Wenn sie nicht mehr mit Spaß so arbeiten würden für so wenig Geld, würde das schon längst nicht mehr funktionieren. Was die Leute hier leisten müssen, geht auf keine Kuhhaut.
16vor: Sie haben früher Geige gelernt. Können Sie sich vorstellen, jetzt wieder mehr Musik zu machen?
Leu: Ich mache kaum noch was. Aus Spaß habe ich mal in einer Band gejazzt, und wenn es auf der Bühne zur Rolle gepasst hat, habe ich Geige oder Banjo gespielt. Als Puck im „Sommernachtstraum“ in Gießen habe ich mal eine Geige, eine Mundharmonika, eine Panflöte und Bongos benutzt. Aber ich hatte seit Jahren keine Zeit mehr zum Üben.
Zur Person: Der 1947 geborene Schauspieler Hans-Peter Leu begeisterte sich bereits früh für die Kunst. Schon im jungen Alter studierte er Violine in Zürich und jazzte mit einer Combo in Marseille. Zwei Ereignisse brachten Leu fortan dem Theater und dem Schauspiel näher: als Inspizient auf Tournee mit dem schweizerischen Kabarettduo Walter Morath und Voli Geiler sowie durch seine Mitarbeit beim Stuttgarter „Renitenztheater“ im Jahr 1967, wo er unter anderem die Kabarettgröße Georg Kreisler kennen lernte und bereits hier Netzwerke in die Schauspielszene knüpfte. 1968 sprach Leu bei Schauspielern des Berliner Schillertheaters vor und wurde an die in Berlin renommierte Schauspielschule von Hanny Herter empfohlen, wo Leu auch sofort aufgenommen wurde. Bereits während des Studiums wirkte Leu an den Kammerspielen Moabit mit. Nach dem Abschluss im Jahr 1972 folgte ein Jahr als freier Schauspieler in Berlin.
Stückverträge führten Leu beispielsweise an das Schillertheater („Die Vögel“ in der Regie von Dieter Dorn). Ab 1973 folgten vier Jahre in Festanstellung am Wilhelm Borchert Theater in Münster, wo insbesondere moderne Stücke wie Fernando Arabals „Und sie legen den Blumen Handschellen an“ Leu prägten. 1977 wechselte Leu an das Stadttheater Gießen. Aufgrund seines musikalischen Talents verkörperte Leu neben seinen diversen Schauspielrollen (z.B. Puck im „Sommernachtstraum“ von Shakespeare) jede Spielzeit eine Operetten-Buffo-Rolle oder Musical-Rolle (z.B. Sancho Panza in „Der Mann von „La mancha“. 1981 bewarb sich Hans-Peter Leu bei Intendant Rudolf Stromberg am Theater in Augsburg. Dieser wechselte nach Trier und nahm Leu direkt mit.
Seit 1981 ist Hans-Peter Leu im Festengagement am Theater Trier beschäftigt, wo er neben zahllosen Schauspielen auch immer wieder in Musicals aufgetreten ist. Er ist vermutlich der einzige Schauspieler in Deutschland, der den Maikäfer in „Peterchens Mondfahrt“ gespielt und dabei live Geige gespielt hat. Gerhard Weber ist der fünfte Intendant, den Leu am Theater Trier erlebt.
