„Warum soll ich mich verändern?“

Für jeden satirebegierigen Jugendlichen gehörte 1980 das erste Buch von Otto Waalkes genauso zum Leserepertoire wie MAD-Hefte. Obwohl der älteste Ostfriesenwitz (63) auf Bühnen, im Fernsehen und im Kino immer noch sehr präsent ist, lag seine künstlerisch produktivste und beste Phase zwischen Mitte der 70er und Mitte der 80er Jahre. Wie lustig er heute noch ist, davon kann man sich bei seinem Live-Auftritt am 20. September in der Arena überzeugen. 16vor sprach mit Waalkes übers Älterwerden als Komiker, über sein Interesse an ernsten Rollen und über den Vorwurf, er würde seit 25 Jahren dieselben Witze aufwärmen.

16vor: Haben Sie heute schon jemanden zum Lachen gebracht?

Otto Waalkes: Den ganzen Tag. Wenn die Leute mich sehen, lachen sie mich an. Das finde ich sehr angenehm. So lässt es sich leben.

16vor: Es stört Sie also nicht, dass man in der Öffentlichkeit von Ihnen immer erwartet, dass Sie den Affen machen?

Otto: Das braucht man nicht zu erwarten, ich bin so geboren. Ich kann nichts dafür, dass ich nicht ernst genommen werde. Das ist natürlich ein großes Leid, aber was bleibt mir anderes übrig. Ich war neulich in München am Stachus, da stand eine Menschenmenge und einer rief ganz laut: „Da ist Otto!“. Alle drehten sich um und schauten mich an. Ich wurde ganz verlegen. Vielleicht hätte ich doch nicht so laut rufen sollen.

16vor: Sie verfluchen nicht den Tag, an dem Sie den Jodler „Holladihidi“ eingeführt haben?

Otto: Nein, warum sollte ich den verfluchen?! Es kommt natürlich darauf an, was gerade passiert ist. Als meine Eltern gestorben sind, musste das natürlich nicht sein. Ich stehe am Grab meines Vaters, da kommen Fans an und wollen ein Autogramm und Fotos machen. Das interessiert die alles nicht. Egal, wo du bist: Du bist Volkseigentum. Es macht mir aber nichts aus, man lebt damit.

16vor: Ihr Sohn ist jetzt fast Mitte 20. Findet er lustig, was Sie machen?

Otto: Früher fand er es eher peinlich in einem bestimmten Alter. Heute ruft er mich zu sich herunter, wenn er mit Freunden da ist, und sagt „Mach mal irgendwas“. Ich sage „Holladihidi“ und er „Danke, kannst wieder hochgehen“.

16vor: Gibt es derzeit Komiker, die Sie sich gerne angucken?

Otto: Ich schaue mir jeden Komiker gerne an. Ich arbeite ja mit vielen zusammen. Es gibt viele gute Leute, mit denen es sich lohnt zusammenzuarbeiten.

16vor: Zum Beispiel?

Otto: Ich schätze sie alle gleich. Rick Kavanian, Ralf Schmitz oder Mirco Nontschew – das sind alles gute Kollegen, die sehr, sehr komisch sein können. Bully ist wahnsinnig toll, der Mittermeier und wie sie alle heißen.

16vor: In den 70er und 80er Jahren haben Sie viel mit Vertretern der Neuen Frankfurter Schule zusammengearbeitet…

Otto: … einige davon sind leider verstorben. Robert Gernhardt zum Beispiel. Wir haben viele Jahre zusammengesessen, viele Drehbücher entworfen und Fernsehshows geschrieben. Das war sehr fruchtbar.

16vor: Hat der Tod von Robert Gernhardt vor fünf Jahren Auswirkungen auf Ihre Arbeit gehabt?

Otto: Auf jeden Fall, es war ein großer Verlust – für uns alle. Er war ein großer Dichter, ein Meister des Wortes, ein Genie. Aber er lebt in uns weiter und wir haben noch tolle Sachen von ihm, die wir verarbeiten können. Er war seiner Zeit weit voraus.

16vor: Gab es auch mal Kontakte zu jüngeren Generationen des Titanic-Umfeldes?

Otto: Nicht so. Ich arbeitete noch mit Bernd Eilert zusammen und der hat die ganzen Leute um sich rum. Die sind ja auch anderweitig tätig, schreiben für Dieter Nuhr und so. Die haben gute Leute bei der Titanic, aber so viel Kontakt habe ich leider nicht. Ich bin zu viel unterwegs.

16vor: Empfindet man das Älterwerden leichter, wenn man wie Sie, wie ein Journalist mal geschrieben hat, zu „ewiger Pubertät verdammt“ ist?

Otto: Man macht sich nicht so viele Gedanken darüber. Mir ist es noch nicht so schwer gefallen, älter zu werden. Vielleicht kommt das noch.

16vor: Können Sie sich vorstellen, dass für Sie irgendwann komplett Schluss ist mit Klamauk?

Otto: Im Moment fange ich gerade erst an. Es ist ein bestimmter Entdeckungsprozess. Du fängst an, ein bestimmtes Konzept zu suchen: Wie kannst du solche Sachen machen, dass alle sich freuen, dass es gut ankommt, dass du Bestätigung findest? Es ist wie bei einem Maler. Der sagt ja auch nicht: „Nächstes Jahr höre ich auf zu malen.“ Es gibt immer wieder neue Themen. Solange Udo Jürgens und Mick Jagger noch unterwegs sind, kann ich das auch. Johannes Heesters ist das große Vorbild.

16vor: Gibt es eine ernste Rolle, die Sie gerne mal spielen würden?

Otto: Ich wollte mal einen Kommissar im „tatort“ oder so spielen. Aber ich rutsche immer in eine andere Rolle. „Herr Kommissar, der Angeklagte hat gestanden.“ „Die ganze Zeit? Und Sie haben ihm keinen Platz angeboten?“. Warum sollte ich ernste Sachen machen?! Als Charlie Chaplin seinen Stil geändert hat, ging es ihm auch nicht so gut danach. Warum soll ich mich verändern?

16vor: Kritiker werfen Ihnen vor, dass Sie seit 25 Jahren dieselben Witze aufwärmten…

Otto: Wissen die das wirklich? Waren die schon mal in meiner Show? Bestimmt nicht, sonst würden die nicht so etwas schreiben. Aber damit kann ich leben. Wenn das wirklich so wäre, würde ich nicht seit 40 Jahren auf der Bühne in ausverkauften Hallen stehen. Es ist ein seltsamer Vorwurf. Das sind Leute, die nicht merken, dass da eine Entwicklung stattgefunden hat. Mit neuen Witzen kann ich leicht Erfolg haben, aber mit alten Witzen ist es eine Kunst.

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