Mehr Austausch gewünscht
Knapp zwei Jahre lang bereicherte der „karussell e.V.“ das Trierer Kulturleben unter anderem mit Theaterstücken und Ausstellungen. Nachdem die studentische Gruppe in ihrem Domizil in einer ehemaligen Druckerei nicht bleiben durfte, suchte sie ein Jahr lang nach neuen Räumen – vergeblich. Das Team löst sich nun auf, einige Mitglieder haben Anstellungen in anderen Städten gefunden. Bei seinem Abschiedsfestival „Brimborium und Tamtam„, das noch bis Sonntag läuft, lud der Verein am Donnerstagabend zu einer Podiumsdiskussion in die Tufa ein. Unter dem Titel „Trier, deine Kreativen“ wurde anregend und angeregt über die Situation freier Kunst- und Kulturschaffender diskutiert.
TRIER. Angesichts der Anzahl der Leerstände in der Stadt, zum Beispiel in der Paulinstraße, sollte es für einen Künstler oder eine Theatergruppe ein Leichtes sein, zumindest übergangsweise einen Ausstellungsraum oder eine Spielstätte für wenig Geld oder sogar kostenlos zu bekommen. Schließlich dürfte der Besitzer ja daran interessiert sein, dass sein Laden oder seine Halle genutzt wird, um neue Mieter oder Käufer darauf aufmerksam zu machen. Und es sieht auch noch besser aus, wenn die Räume nicht leerstehen.
Diese Erkenntnis ist offenbar noch nicht zu Triers Immobilienbesitzern durchgedrungen – zumindest nicht zu denen, die die Mitglieder vom „karussell e.V.“ um einen Probe- und Aufführungsraum ansuchten. Dutzende leerstehende Objekte, die als Ersatz für das Übergangsdomizil in der alten Druckerei in der Zuckerbergstraße in Frage gekommen wären, haben sich die Studenten angesehen und sogar in einer Ausstellung dokumentiert, doch entweder standen die Inhaber moderner Kultur ablehnend gegenüber oder verlangten eine hohe Miete.
Um auf dieses Problem aufmerksam zu machen, lud der „karussell e.V.“ am Donnerstagabend zu einer Podiumsdiskussion in die Tufa. An der von Dieter Lintz moderierten Runde beteiligten sich der „karussell“-Mitbegründer Roman Schmitz, Karl-Josef „Kajo“ Pieper vom rheinland-pfälzischen Kultusministerium, Peter Oppermann vom Trierer Theater, Moritz Schönecker vom Theaterhaus Jena, Tufa-Chefin Teneka Beckers und Kulturdezernent Thomas Egger. Aber auch das Publikum – etwa 80 Besucher waren gekommen – nahm aktiv und mit überwiegend konstruktiven Wortbeiträgen an der Diskussion teil.
Tut Trier zu wenig für seinen kreativen Nachwuchs? Stößt es überhaupt auf Interesse, dass sich junge Menschen hier kulturell oder künstlerisch betätigen? „Trier, deine Kreativen. Zwei Welten treffen aufeinander“, ergänzte Dieter Lintz vom Trierischen Volksfreund den Titel der Veranstaltung um einen provozierenden Untertitel. Das „karussell“-Team hat keinen Zweifel daran, dass Bedarf für unkonventionelle Kultur in Trier besteht. „Das Trierer Publikum ist sehr aufnahmebereit“, bilanzierte Roman Schmitz. „Die wichtige Frage ist: Wie können diese Impulse gebunden werden?“.
Zwischen der freien Szene und den alteingesessenen Institutionen bestehen oft Ressentiments. Die einen möchten kulturell selbstbestimmt bleiben und halten die etablierten Einrichtungen für unzeitgemäß, die anderen wollen ihren Besuchern ein hohes Maß an Professionalität bieten und die langjährigen Abonnenten auch nicht allzu sehr verstören. Eine Annäherung ist natürlich dennoch möglich – und in Bezug auf die Erschließung neuer Publikumsschichten auch sinnvoll. Peter Oppermann appellierte deshalb an alle Kulturschaffenden, Vorurteile zu überwinden. „Als Student fand auch ich Stadttheater furchtbar“, gestand der Chefdramaturg des Theaters. „Diese Gräben innerhalb der Kulturszene müssen überwunden werden.“
In Jena hat man dies offenbar erreicht. „Dort funktioniert das Theater und die freie Szene zusammen, es gibt eine Mischform“, so Moritz Schönecker. Der gebürtige Trierer, der im „karussell am zuckerberg“ vor anderthalb Jahren „Woyzeck“ inszenierte, ist neuer künstlerischer Leiter am Theaterhaus Jena. Wegen unterschiedlicher Strukturen an den beiden Häusern bezweifelt jedoch Oppermann, dass dies auch in Trier funktioniere. Es sei wichtig, das Profil beizubehalten.
Allerdings hat sich das Stadttheater in den vergangenen Jahren bereits für junges Theaters geöffnet, betonte der Stellvertreter des Intendanten und verweist auf die seit über zwei Jahren bestehende Kooperation mit der studentischen Gruppe „Bühne1“. „Wir versuchen, die Leute auch reinzuholen.“ Allerdings dürfe man sich auch nicht das Stammpublikum vergraulen.
Schmitz, der mit dem „karussell“ draußen bleiben musste, geht das nicht weit genug. Er fordert zudem, dass die finanzielle Förderung kultureller Einrichtungen hinterfragt werden müsse. „Das Geld geht nur in bestimmte Institutionen. Dieses Modell muss komplett überdacht werden.“
Das geschieht gerade auf Landesebene. „Wir überlegen, Landesmittel zur Verfügung zu stellen, mit denen freie Gruppen drei Jahre unterstützt werden“, sagte Kajo Pieper, der im „Referat 9821“ für Staatstheater, freie Theater, Bühnenvereine, kommunale Theater und internationale Angelegenheiten zuständig ist. „Qualität braucht Zeit, sich frei von finanziellen Nöten zu entwickeln.“ Allerdings könne auch nicht jede Form von Kunst und Kultur existenzfördernd betrieben werden, entgegnete er Teneka Beckers auf die Frage, was nach den drei Jahren passiere. Sprich: Nur die Guten werden überleben.
Als Pieper von der Stadt mehr Kreativität und Willen fordert, Geld für diesen Bereich locker zu machen, reagiert Egger verärgert. „Wir fördern ungeheuer viel“, wehrt sich der Kulturdezernent gegen den an diesem Abend implizit und explizit bereits mehrfach geäußerten Vorwurf, man würde zu wenig für die freie Szene tun. „Wenn Geld benötigt wurde, hat es das ‚karussell‘ gekriegt.“ Man dürfe jedoch nicht vergessen, dass es 56 Ratsmitglieder gebe, die mitreden wollten, was mit dem Geld passiere.
„Ich versuche auch, Unternehmer davon zu überzeugen, dass es sich lohnt, in Qualität zu investieren“, so Egger. Mit der Trierer Kulturstiftung, die auch das „karussell“ unterstützt hat, sei man inzwischen in der Lage, ingesamt 40.000 Euro jährlich für kulturelle Maßnahmen zur Verfügung zu stellen. Der Beigeordnete bekräftigte: „Ich möchte Kunst- und Kulturschaffenden ein Umfeld bieten, in dem sie mit ihrer Kreativität ihren Lebensunterhalt verdienen können.“
Dazu gehören auch Räumlichkeiten. Bei der Beschaffung ist die Finanzierung nicht das einzige Problem. „Unternehmer rennen mir nicht hinterher und sagen: ‚Ich möchte meine Halle Kulturschaffenden zur Verfügung stellen'“, sagte Egger, betonte aber auch: „Haben Sie Vertrauen. Mir ist sehr viel daran gelegen, der freien Szene einen Raum zu geben.“
Nach der gut zweistündigen Diskussion lässt sich zusammenfassen: Es muss eine noch bessere Auseinandersetzung und Vernetzung unter den Kulturschaffenden geben. Zudem muss die Stadt sich kulturell breiter aufstellen. „Sie soll sich klar zu zeitgenössischer Kultur bekennen und nicht nur auf die Antike setzen“, fordert Teneka Beckers.
Der Stadtrat hat in seiner letzten Sitzung die Verwaltung beauftragt, bis Ende 2012 „Leitlinien der Kulturpolitik“ zur Fortentwicklung der städtischen Kulturinstitutionen und der Trierer Kulturlandschaft zu erstellen. Das nützt dem „karussell e.V.“ – der vielleicht noch ein bisschen hätte durchhalten müssen – zwar nicht mehr, aber durch sein Engagement hat der Verein unter Umständen dazu beigetragen, dass es andere Gruppen und Künstler in Zukunft leichter haben werden, in Trier zu Fuß zu fassen. Nach der Veranstaltung saßen übrigens alle Diskussionsteilnehmer gemeinsam an einem Tisch im „Textorium“.
