„Letztlich bleiben stets wir die Opfer“
Weil für das Chaos-Theater Oropax schon ab November täglich Weihnachten ist, heißt die Weihnachtsshow, mit der das Duo am Donnerstag um 20 Uhr in der Tufa auftritt, „Der 54. November“. Bei goldenem Lametta und schwarzem Humor bescheren die gedopten Chaos-Brüder Volker und Thomas Martins dem Publikum eine neue Welt zwischen froher Besinnlichkeit und ekligem Konsumterror. Der schlimme Alltag der scheinheiligen Vorweihnachtszeit wird für 90 Minuten pulverisiert. Im Interview mit Thomas Martins wird deutlich, was Oropax auszeichnet: Brutale Wortspiele und wunderbarer Nonsens.
16vor: Auf Ihrer Homepage heißt es: „Die schönste Jahreszeit! Mit ver-Laub Herr-Bst ist da.“ Die Zuschauer erwarten also wieder gruselige Wortspiele?
Thomas Martins: Nicht nur Wortspiele, sondern auch Buchstabensuppe!
16vor: Das Publikum – und nicht nur die erste Reihe – wird auch sonst nicht geschont. Manche Menschen haben Panik davor, in eine Show miteinbezogen zu werden. Tat Ihnen mal ein Gast Leid, den Sie als Opfer auserkoren hatten?
Martins: Wir spielen zwar mit der Angst, dass die Zuschauer von uns hopsgenommen werden, letztendlich sind und bleiben aber stets wir die Opfer.
Einer unser wenigen Grundsätze ist es, niemanden auf die Bühne zu holen. Im Ernst ist dies kein Witz.
16vor: Um noch einmal auf das Eingangszitat zurückzukommen: Was finden Sie an der Jahreszeit schön?
Martins: Der Herbst ist für uns die fünfte Jahreszeit, denn wir zählen den Frühling dreifach und den Sommer gar nicht.
16vor: Wo verbringen Sie den 54. November?
Martins: Weihnachten feiern wir fest und froh zuhause. Denn dort ist das Frohe Fest.
16vor: Und was gibt es zu essen und wer kocht?
Martins: Zu essen gibt es Wasser in allen Aggregatzuständen. Vorspeise: flüssig als Wasser, Hauptgang: heiß als Dampf und zum Nachtisch Eis und somit fest.
16vor: Zu Ihren Shows gehört auch der unappetitliche Einsatz von Lebensmitteln, der Bühnen in Schlachtfelder verwandelt. Proben Sie bei sich zuhause?
Martins: Nein, zuhause wird nie geprobt, das machen wir nur auf der Bühne. Also für zuhause.
16vor: Ein Klassiker ist die Duplo-Nummer, bei der Sie sich von Ihrem Bruder mehrere der Schokoriegel in den Mund stecken lassen, daraus eine Kugel formen und an die Decke werfen, wo sie kleben bleibt. Gab es wegen dieser oder anderer Nummern schon mal Probleme mit dem Veranstalter?
Martins: Als im Mainzer Unterhaus, eine der renommiertesten Bühnen in Deutschland, der Saal renoviert werden sollte, bestand der Veranstalter darauf, die geliebten Duplo-Klumpen zu belassen und diese in die Architektur für alle Zeiten zu integrieren. Die Maler entfernten die vielen Klumpen also nicht. Nun kleben die Duplos dort noch immer, allerdings weiß angemalt.
16vor: Woher kommt die Inspiration für die Lebensmittelnummern? Von dem unbekümmerten, experimentierfreudigen Umgang mit Nahrung bei Kleinkindern?
Martins: Die Inspiration stammt aus dem Alltag. Grausame Produkte, die die Menschheit hervorbrachte, müssen unbedingt im Licht der Öffentlichkeit an den Pranger. Für uns sind dies auch keine Lebensmittel, sondern außerirdische Invasoren. Oder glauben Sie zum Beispiel, dass eine Currywurst, die in einem Plastiksarg schläft und zuhause in der Mikrowelle zum Leben erweckt werden soll, noch natürlich ist? Genannt wird diese auch noch „Curry-King“. Also der „König der Würste“… Da fühlen wir uns inspiriert und müssen als Komiker unbedingt dagegenhalten.
16vor: Wann und weswegen haben Ihre Frau oder Ihre Kinder zuletzt zu Ihnen gesagt, Sie seien eklig? Oder geht es daheim gesittet zu?
Martins: Wir haben zuhause viele, viele Kinder. Als Väter ist es unsere Pflicht, auch Vater zu sein. Die Kinder aber dürfen eklig sein und wir müssen dagegenhalten. Wären wir zuhause wie auf der Bühne, so hätten unsere Kinder nichts mehr zu erobern. Und wir nichts mehr zu Lachen. Die Rollen sind also klar: Wir erziehen und die Kids dürfen das machen, was wir auf der Bühne tun.
16vor: Nicht nur Sie und Volker sind Geschwister, sondern auch Ihre Eltern, haben Sie einmal verkündet. Wie laufen Familienfeiern bei Ihnen ab? Freut man sich, wenn Sie beide zusammen auftauchen? Oder sind Ihre Eltern auch mal genervt?
Martins: Natürlich sind auch unsere Eltern genervt, denn wir sind ja, so weit ich weiß, deren Kinder… Bei Familienfeiern dürfen wir also auch wieder Kinder sein. Dann verbünden wir uns mit unseren Kindern und Mama und Papa müssen dagegenhalten. Wir feiern übrigens, so oft es geht.
16vor: Wenn man Sie mit Ihrem Bruder erlebt, hat man den Eindruck, dass Sie viel Spaß zusammen haben. Stand das Chaos-Theater mal wegen eines Konflikts auf der Kippe?
Martins: Wenn es jemals eine Kippe gab, auf der wir standen, so war es die Müllkippe. Im bürgerlichen Sinne also mein Wohnzimmer.
16vor: Was wären Sie beruflich geworden, wenn Sie Einzelkind geblieben wären?
Martins: Halbbruder
