„Ihr seid doch nicht hier, um Shakespeare zu hören“

Knapp 2000 Zuschauer sind gekommen – weniger als bei ihrem vorangegangenen Besuch in der Trierer Arena im Februar 2010. Aber schließlich tritt sie auch wieder mit ihrem gleichen Programm auf. Seit zwei Jahren ist Cindy aus Marzahn mit „Nicht jeder Prinz kommt uff’m Pferd“ unterwegs und füllt – wie gestern Abend in Trier – immer noch ordentlich die Hallen. Während das eigentliche Programm mit Episoden aus dem Fitness-Studio oder von der Single-Party ziemlich dünn ist, überzeugt ihre schlagfertige Interaktion mit dem Publikum.

TRIER. Zum dritten Mal hintereinander hat Cindy aus Marzahn, die von ihrer Erscheinung und ihrem Auftreten her eine missratene Tochter der Jacob Sisters sein könnte, vor wenigen Tagen den Deutschen Comedy-Preis als „Beste Komikerin“ gewonnen. Das sagt einiges über den Preis, aber noch viel mehr über deutsche Komikerinnen aus. All die Auszeichnungen und die Millionen, die sie in den vergangenen Jahren verdient hat, seien ihr jedoch gegönnt. Schließlich war sie vor ihrer Comedy-Karriere mehrere Jahre arbeitslos und davor – was vielleicht noch härter ist – als Animateurin (oder sagt man „Animateuse“?) auf einem Kreuzfahrtschiff beschäftigt.

Zudem nimmt Cindy nicht nur, sie gibt auch gerne. Vor dem Auftritt schrieb sie eine Stunde lang Autogramme. Und wenige Minuten nach Beginn des Programms beschenkt sie, was inzwischen zu einem festen Punkt geworden ist, ein Geburtstagskind aus dem Publikum. Das mit den Geschenken wusste offenbar die Mutter von Michelle (10), die Cindy während der Autogrammstunde mehr als deutlich zu verstehen gegeben haben soll, dass ihre Tochter an diesem Tag Wiegenfest begehe. Zumindest lästert Cindy ungehemmt über die offensive Vorgehensweise. Nichtsdestoweniger darf Michelle auf die Bühne. Als das Mädchen auch keinen Mucks von sich gibt, als man ihr eine Tüte voll mit Merchandise-Plunder packt (vielleicht hätte sie auch lieber Fan-Artikel von Miley Cyrus oder Tokio Hotel bekommen), geht Cindy souverän damit um. „Sie dreht gleich durch“, gibt sich die gebürtige Brandenburgerin (von wegen „aus Marzahn“) erfreulich ironisch und weiterhin in Geberlaune. „Haste für die Mutti noch ’ne Flasche Sekt?“, fragt sie ihren Bühnenhelfer „Oktan“.

Zuschauer werden beleidigt, Mitarbeiter schikaniert und Hallenpersonal bloßgestellt – das sind Momente, in denen Cindy richtig komisch ist. Weil sie authentisch wirkt. Weil man spürt, dass sich Ilka Bessin nicht nur als Cindy, sondern auch selbst unter wirklichen Assis behaupten kann. Welcher Komiker und erst recht welche Komikerin traut sich schon auf der Bühne, auch Kindern gegenüber politisch inkorrekt zu sein? „Ist das okay, wenn ich ab und zu ‚ficken‘ und ‚Fotze‘ sage?“, fragt die 39-Jährige angesichts der zum Teil sehr jungen Besucher im Publikum, um die Wörter dann mehrmals in ähnlich formulierten Fragen zu wiederholen und diese damit ad absurdum zu führen. Leider wird sie sich später bei denen entschuldigen, bei denen sie glaubt, zu weit gegangen zu sein. Diese „War ja alles nur Spaß“-Haltung relativiert den toughen Eindruck, die „Street Credibility“, wie man auf der Straße sagt, leidet darunter. Mutig ist eben nicht nur, wenn man „Durchfall hat und trotzdem furzt“ (Cindy).

Cindy soll anscheinend nicht nur als adipöse Schlampe wahrgenommen werden. Der 14-jährige Stefan, der ohne Angehörige die Show verfolgt, bekommt deshalb auf ihre Anweisung hin eine Rundumbetreuung mit Getränken, Pfannkuchen und Geschenken. Seine Mutter wird live zuhause angerufen und informiert, dass man sich um ihren Nachwuchs kümmere und ihn im Anschluss in ein Taxi nach Hause setzen werde. In der zweiten Hälfte soll sogar ein weiteres Geburtstagskind ein Geschenk erhalten. Doch anstatt der angekündigten Tochter von Hallenbetreiber Wolfgang Esser, bringt dieser Cindy-Fan Gabi Hahn vom Kleinen Volkstheater mit. Cindy ist überrumpelt und irritiert ob der Zuneigungsbekundungen der „Rostijen Haoken“-Chefin. Dennoch bekommt nun sie das Präsent: einen 120 Kilo schweren Kürbis.

Das ist alles unterhaltsamer als die Episoden, die Cindy erzählt. Die Erlebnisse im Fitness-Studio, beim Blind Date, bei der Single-Party oder mit Freundin Britney zünden nicht richtig und versanden dann auch noch. Im Vergleich zu den mehr oder weniger spontanen Zuschauerdialogen fehlt den festen Nummern der Pfiff. Brave Prolls gibt es schon genug. Cindy ist dann am besten, wenn sie ein Niveau erreicht, bei dem Atze Schröder von innen die Brille beschlagen würde. „Die haben nur noch miteinander gevögelt, wenn seine Alte mit offenem Mund eingeschlafen ist“, berichtet sie über ein Paar und schiebt angesichts der Reaktion des in Bezug auf Zoten gewiss nicht zimperlichen Publikums hinterher: „Wat denn? Ihr seid doch nich‘ gekommen, um Shakespeare zu hören“. Zu gerne würde man mal ein gemeinsames Programm von Cindy und Profi-Prolet Hans-Werner Olm sehen.

Apropos sehen: Jedes „Kamerakind“ bei „1, 2 oder 3“ liefert bessere Bilder als der Mann, der für die Übertragung des Auftritts auf die Videowände verantwortlich zeichnete. Oft war nur die leere Bühne zu sehen, weil er überfordert oder mit anderen Dingen beschäftigt war, wenn Cindy sich bewegte. Auf der anderen Seite war die Komikerin in ihrer pinken Jogginghose, ihrem gleichfarbigen Polohemd und ihrer kinderkopfgroßen Blumenspange auch von weit hinten gut sichtbar.

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