Elektronische Handarbeit
Eine Million Zuschauer 1979 auf dem Place de la Concorde in Paris, 1,3 Millionen 1986 in Houston und 3,5 Millionen 1997 in Moskau – mit diesen Besucherzahlen schaffte Jean Michel Jarre drei Einträge ins Guinness-Buch der Rekorde. Laut Ingo Popp könnte mit dessen Auftritt am vergangenen Donnerstag in Trier ein weiterer hinzukommen: „Das Jean-Michel-Jarre-Konzert mit den wenigsten Zuschauern“, sagt der Konzertveranstalter, der Sarkasmus nicht ablehnend gegenübersteht. Nur 1000 Menschen kamen in die Arena.
TRIER. In den vergangenen Tagen säumten Dutzende Plakate, die auf das Konzert von Jean Michel Jarre hinwiesen, die Hauptverkehrsstraßen in Trier. Wenn kurz vor einem Auftritt noch einmal kräftig plakatiert wird, ist dies meist ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Vorverkauf nicht gut läuft. Nach Angaben von Ingo Popp von Popp Concerts sind die Besucherzahlen der gesamten Tour in Deutschland nicht rekordverdächtig.
Dem Verfasser dieses Beitrags ist in seinem Freundes- und Bekanntenkreis nur ein Fan von Jean Michel Jarre bekannt. Während fast alle anderen Mitschüler 1986 auf „Final Countdown“ von Europe „standen“, hörte Marc „Fourth Rendez-Vous“. Allerdings ist sein Vater auch Franzose.
Jean Michel Jarre ist ein Pionier der elektronischen Musik. Anfang der 70er komponierte er Stücke für Menschen, denen Kraftwerk zu kühl und minimalistisch war. Seine Musik ist heute noch bombastischer Synthie-Pop, der im Großen und Ganzen auch wegen der Verwendung analoger Synthesizer so klingt wie vor 35 Jahren. Techno entstand, Drum ’n‘ Bass entstand, Trip Hop entstand, doch der Sound von Jarre hat sich kaum weiterentwickelt. Oder positiv gesagt: Der Franzose ist sich treu geblieben.
Dadurch ist Jarre allerdings schon lange kein Künstler mehr, der mit neuen Alben eine größere Fanschar erschließt. Das Publikum in Trier setzt sich zum größten Teil aus Besuchern zusammen, die vom Alter her den Klangtüftler seit den 70ern und 80ern mögen.
Einen genauen Überblick über die Zuschauer kann sich der Künstler auf seinem Weg zur Bühne verschaffen. Er betritt den Innenraum der Arena durch einen Seiteneingang und schüttelt Hände und lässt sich anfassen. Eine Frau greift ihm sogar von hinten in die Prinz-Eisenherz-Frisur.
Die Bühne sieht aus wie die Mischung aus einem Labor eines frühen Bond-Films und einem High-Tech-Instrumentenhandel. Zwischen elektronischen Orgeln mit der Anmutung von Möbelstücken stehen Percussion Pads und so etwas wie eine Laser-Harfe, die Klänge erzeugt, wenn man die Strahlen mit dem Finger unterbricht. Jarre scheint alles Elementare aufgebaut zu haben, was in den vergangenen Jahrzehnten auf dem Elektroklangerzeugnismarkt erhältlich war.
Die Musik des 63-Jährigen, der vorzüglich von den etwa gleichaltrigen Claude Samard, Francis Rimbert, Jerome Gueguen unterstützt wird, ist der Soundtrack für Monumentales. Bilder von großen Schlachten, tosenden Unwettern, vom Ozean und vom Weltall ziehen bei seinen Sphären-Klängen am inneren Auge des Zuhörers vorbei. Jarre schafft Filmmusik fürs Kopfkino. Hat eigentlich Roland Emmerich schon mal bei ihm angefragt?
Ab und zu kippt die Musik jedoch ins Pathetische oder Anachronistische. Dann klingen die Stücke wie moderner Schlager oder das Intro zu einer öffentlich-rechtlichen Jugendsendung aus den 80er Jahren. Es liegt jedoch nicht an den archaischen Instrumenten wie dem Moog Liberation – dem ersten in Serie hergestellten Synthesizer zum Umhängen –, dass Jarre längst keine große Rolle mehr in der elektronischen Musik spielt. Bewusst ist er auf die E-Lok ins 21. Jahrhundert nicht aufgesprungen.
Langweilig wird es trotz epischer Länge mancher Titel jedoch selten. Dafür sorgen geometrische Lichteffekte und Videoprojektionen, die bei einer Nummer auch mit Bildern von einer Kopfkamera des Komponisten gefüttert werden. Zudem möchte Jarre, der ein gewagtes schwarzes Glitzerhemd zu einer schwarzen Lederjeans trägt, zu keinem Moment des knapp zweieinhalbstündigen Konzertes den Eindruck aufkommen lassen, beim Elektro-Pop müsse es auf der Bühne so starr und emotionslos zugehen wie bei den Kollegen von Kraftwerk, Chemical Brothers oder Massive Attack. An seinem Arbeitsplatz bewegt er sich wie ein überdrehtes Kind, das in einem Zimmer voller Spielsachen alles ausprobieren möchte. Er hüpft zwischendurch wie auf einem Wagen auf der Love Parade oder tanzt, indem er die Knie zusammenschlägt. Das sieht verdammt uncool aus, ist aber ebenso konsequent. Mit „Oxygene IV“ im Ohr, das Jarre zum Schluss des offiziellen Programms spielte, verlässt man die Halle wieder in die Gegenwart.
