Die „vergessenen“ Jahre der Romika

Im Jahr 1966 erhielt der Inhaber der Schuhfabrik Romika, Hellmuth Lemm, wegen seiner „Verdienste um die Kultur und Wirtschaft der Stadt und Region“ das Ehrensiegel der Stadt Trier. Die Verdienste von Hellmuth Lemm (1901 – 1988) um die regionale Wirtschaft sind, bei einer Firma, die in den 60er Jahren in der Region fast 3.000 Mitarbeiter beschäftigte und Löhne in Höhe von 36 Millionen DM auszahlte, unbestreitbar. Allerdings müsste man noch weitere Namen der Romika aufführen, denen die Region Dank schuldet, denen aber bisher jegliche Ehrung vorenthalten wurde. In einem zweiteiligen Gastbeitrag erinnert Heinz Ganz an die wahren Ursprünge der weit über die Grenzen der Region bekannten Schuhfabrik, und an ein dunkles Kapitel der Firmengeschichte.

Die segensreiche Erfolgsgeschichte der Romika beginnt keineswegs erst mit Hellmuth Lemm. Man könnte um die Jahreswende 2011/2012 das 90-jährige Firmenjubiläum feiern und den Gründern der Romika damit die ihnen zustehende Ehrung erweisen. Denn die Ro mi ka wurde nicht durch „Hellmuth Lemm […] am 24.März 1936“ , sondern bereits am 29. Dezember 1921 durch den jüdischen Industriellen Hans Rollmann zusammen mit seinem nichtjüdischen Partner Carl Michael und seinem jüdischen Partner Karl Kaufmann gegründet.

Eigentlich müsste man die Religionszugehörigkeit der Gründer nicht besonders erwähnen, da Schuhe ebensowenig jüdisch sein können wie Schuhfabriken. Dass die Jahre 1921 bis 1935 bisher nicht mit in die Firmengeschichte einbezogen werden, liegt aber nicht nur an der sogenannten „Neugründung“ – korrekterweise müsste man von einer „Firmenübernahme“ sprechen – im Jahr 1936 durch Hellmuth Lemm nach einem Konkurs und einer damit einsetzenden neuen Zeitrechnung der „zweiten Romika“, sondern auch an eben dieser Religionszugehörigkeit von zweien der drei Gründer der Romika und der daraus resul-tierenden „Ereignisse“, deren Erwähnung später schlichtweg „vergessen“ wurde.

Die Familie Rollmann, bzw. deren bekanntester Zweig, war in Köln seit 1873 Inhaber bzw. Hauptaktionär der bedeuteten Schuhfabrik Rollmann & Mayer. Die Familie hatte es zu Wohlstand und Ansehen gebracht. Sie war assimiliert und ihre Religionszugehörigkeit hatte für sie keine besondere Bedeutung. Da die Kölner Schuhfabrik überaus erfolgreich arbeitete und rege Nachfrage für ihre Produkte bestand, waren Pläne zum Aufbau einer zweiten Fabrik entstanden. Im Dezember 1921 wurde daher die Romika Aktiengesellschaft gegründet und im Jahr 1922 dann mit der Schuhherstellung in Gusterath-Tal begonnen.

Rasanter Aufschwung in Gusterath-Tal

Der Hauptaktionär der Romika, Hans Rollmann, lebte mit seiner Frau Marie und den drei Söhnen Ernst, Heinz und Klaus-Hans in Köln und war als Vorstand verantwortlich für die Schuhfabrik Rollmann & Mayer. Auch der Mitinhaber der Romika, Carl Michael, setzte seine Tätigkeit in der Kölner Schuhfabrik fort. Der zweite Mitinhaber, Karl Kaufmann, zog 1922 als Betriebsleiter der Romika nach Trier und 1933 von dort nach Gusterath-Tal. In den Jahren 1927 bis 1931 erlebte die Romika einen rasanten Aufschwung. Die Belegschaft in Gusterath-Tal wuchs von 200 Arbeitern im Jahr 1927 auf über 1.000 bis 1931. Für die große Anzahl von Mitarbeitern und die erweiterte Produktion reichten die übernommenen Gebäude, die ursprünglich für eine Erzwäsche gebaut worden waren und anschließend als Flachsrösterei genutzt wurden, nicht mehr aus. 1929 entstand der sogenannte „Konfektionsbau“.

Folgt man der Darstellung der 1961 unter Hellmuth Lemm herausgegebenen „Geschichte der Romika“, hat die „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten nichts mit den wirtschaftlichen Schwierigkeiten und dem Niedergang der „ersten Romika“ zu tun. Rein wirtschaftliche Ursachen hätten zu den Schwierigkeiten der Schuhfabrik geführt. Politische Aspekte wie die nationalsozialistische Ausgrenzungspolitik gegenüber den Juden hätten bei dem Niedergang der Schuhfabrik keine ursächliche Rolle gespielt. Da die Massenarbeitslosigkeit für das ärmliche Ruwertal eine Katastrophe bedeutet hätte, so die „Geschichte der Romika“ weiter, hätten die politisch Verantwortlichen, vor allem der Leiter der damaligen Obersten Landesbehörde, alles versucht, um „das drohende Urteil von der gefährdeten Bevölkerung abzuwenden“ und die endgültige Schließung der Fabrik zu verhindern. In Gusterath-Tal hätte sich zum Glück nach langer Suche ein Käufer für die in Konkurs gegangene Fabrik gefunden, nämlich Hellmuth Lemm, der den Karren dann aus dem Dreck gezogen hätte. Obwohl er den Namen der übernommenen Fabrik beibehielt, gründete Hellmuth Lemm nach dieser Darstellung am 24. März 1936 eine vollständig neue Firma. Sie wurde später dann als die „zweite Romika“ oder die „richtige Romika“ bezeichnet. Mit die-sem Datum lässt die unter Lemm erschienene Chronik dann auch die offizielle Firmenge-schichte der Romika beginnen.

Die tatsächliche Geschichte dieser Schuhfabrik ist jedoch weitaus komplexer und bei näherer Betrachtung zeigt sich sehr wohl, dass die nationalsozialistische Politik gravierend für den wirtschaftlichen Niedergang der Romika verantwortlich war. Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler in Deutschland zum Reichskanzler ernannt. Gleich nach der „Machtübernahme“ setzten die diskriminierenden Maßnahmen gegen die in Deutschland lebenden Juden ein. Schon vor dem nationalsozialistischen Boykott der von jüdischen Inhabern geführten Geschäfte und Betriebe in ganz Deutschland am 1. April 1933 preschten zum Beispiel in Trier die lokalen nationalsozialistischen Gruppierungen mit Boykottmaßnahmen gegen jüdische Geschäfte und Praxen am 8. und 10. März 1933 vor. Auch die Kölner Nationalsozialisten zeichneten sich frühzeitig durch besonders perfide Aktionen gegen den Schuhfabrikanten Hans Rollmann aus.

„Jüdische Schuhfabriken“

Die Familien Rollmann und Kaufmann gehörten spätestens ab der Machtergreifung der Nationalsozialisten nicht mehr „nur“ der jüdischen Religion an, sie wurden jetzt der jüdischen „Rasse“ zugewiesen, die nicht mehr zur „deutschen Volksgemeinschaft“ gehörend, als minderwertig angesehen wurde. Der „arische“ Mitbesitzer Carl Michael wurde als „verjudet“ abgetan. Aus der Gusterather und der Kölner Schuhfabrik wurden „jüdische Schuhfabriken“, die die Nationalsozialisten mit allen Mittel bekämpften.

Mit der „Machtergreifung“ wurde das Wirtschaftsleben zunehmend durch die nationalsozialistische Weltanschauung dominiert. Über Entlassungen bestimmte fortan der „Treuhänder der Arbeit“, der allerdings im Fall der Romika die Anpassung der Mitarbeiterzahlen an die gesunkenen Umsätze verweigerte. Es mussten zunehmend „Alte Kämpfer“, Mitglieder der NSDAP schon vor der Machtergreifung, eingestellt werden. Sowohl die von den Nationalsozialisten installierten „Betriebsobmänner“ als auch die „Alten Kämpfer“ hetzten innerhalb der Fabriken gegen die jüdischen Inhaber. In den Restitutionsprozessen nach dem Zweiten Weltkrieg berichteten Zeugen von zahlreichen schädlichen Eingriffen in die Geschäftspolitik wie auch von diskriminierenden Ausgrenzungsmaßnahmen und körperlichen Übergriffen auf die jüdischen Inhaber. Die Umsätze der Firma, die sich gerade erst von den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise erholt hatte, brachen erneut drastisch ein.

„Unsere grossen englischen Kunden kamen auf unser spezielles Verlangen nach Köln oder Gusterath, um dort weiter Schuhe zu kaufen. Bei einem dieser Besuche des grössten englischen Kunden in Gusterath war der Betriebsobmann aufmerksam und zuvorkommend genug zu arrangieren, dass der bekannte Hetzschlager ‚hängt die Juden auf‘ gesungen wurde, als Herr Kaufmann und ich mit diesem englischen Kunden durch die Fabrik gingen. Das Gericht kann sich so ungefähr vorstellen, wie gross die Orders von diesen Leuten waren nach der Vollendung des schönen Gesanges.“ (Zeugenaussage von Heinz Rollmann am 30.3.1949)

Vermutlich Ende Juli 1935 reiste der diabeteskranke Hans Rollmann mit seiner Frau und seinem jüngsten Sohn Klaus-Hans zu einem Kuraufenthalt in die Schweiz. Der „Treuhänder der Arbeit“ genehmigte im August 1935 Entlassungen, um die Mitarbeiterzahl an die gesunkenen Umsatzzahlen anzupassen. In Gusterath-Tal gab es daraufhin von der nationalsozialistischen „Deutschen Arbeitsfront“ gesteuerte Unruhen, bei denen Karl Kaufmann für eine Woche in sogenannte „Schutzhaft“ genommen wurde und nach Trier überführt wurde. Die nationalsozialistischen Kader hatten die Arbeiter mit der falschen Behauptung aufgestachelt, dass die „maßlosen Entnahmen“ der Juden die Fabrik in den Ruin getrieben habe und nun die einfachen Arbeiter dafür büßen müssten. Die örtlichen Parteistellen setzen zudem durch, dass vor den vom „Treuhänder der Arbeit“ genehmigten Entlassungen von „deutschen Volksgenossen“ zuerst alle Familienmitglieder der jüdischen Inhaber und alle jüdische Mitarbeiter aus der Romika – und dies im wörtlichen Sinne – „hinausgeschmissen“ wurden. In den Akten ist die Rede von vierzehn betroffenen Personen.

Nach seiner Entlassung aus der „Schutzhaft“ wurde Karl Kaufmann „geraten“, nicht mehr nach Gusterath-Tal zurückzukehren. Wahrscheinlich hat er in der Haft einen Herzinfarkt erlitten. Krank und mittellos verließ er fluchtartig mit seiner Familie Deutschland und emigrierte mit seiner Frau Fanny Kaufmann geb. Mars, sowie dem Sohn Hans und der Tochter Erna über Luxemburg nach Palästina/Israel.

Die Nationalsozialisten am Ziel

Wohin die zukünftige Entwicklung der Firma gehen musste, hatte schon der Gutachter Dr. H. der Deutschen Bank in einem Schreiben an die Bank am 14. März 1935 verdeutlicht: „Allzu stark betonter nichtarischer Charakter des Werks, dessen Weiterbestehen ich als untragbar und sogar als Herausforderung ansehe. Hier muss unbedingt eine Änderung eintreten, vor allem in der Betriebsleitung, aber auch in der Verwaltung, bei einigen Meistern usw.“

Mit ihrem Hinauswurf aus der Firma verließen alle jüdischen Familienmitglieder der Familien Rollmann und Kaufmann Gusterath-Tal. Hans Rollmann erhielt von seinem Rechtsanwalt die Warnung, nicht mehr nach Deutschland zurückzukehren, da seine Verhaftung bevorstünde. Mit der Verjagung der jüdischen leitenden Angestellten und der Abwesenheit von Hans Rollmann fehlten jetzt die Führungspersönlichkeiten und die Arbeitsdisziplin in der Fabrik brach vollends zusammen. Zudem stellten die Banken im August 1935 die weitere Kreditgewährung ein. Beide Firmen, die Firma Rollmann & Mayer in Köln und die Romika in Gusterath-Tal, mussten Konkurs anmelden. Die Nationalsozialisten hatten es in der Anfangsphase des „Dritten Reiches“ mit ganz „legalen Mitteln“ geschafft, die jüdischen Inhaber der Romika in wirtschaftliche Schwierigkeiten zu bringen, mit dem Ziel, ihnen die Fabrik abzujagen.

In der kommenden Woche: Heinz Ganz über die „richtige Romika“

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7 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Michael Merten schreibt:

    Großes Kompliment an den Autor für diesen Bericht. Ich bin sehr gespannt auf Teil 2. Jedes Kind in der Region Trier kennt Romika, aber diese Hintergünde waren mir und sicher vielen anderen noch nicht bekannt. Bitte, 16vor, bringt neben der tagesaktuellen Politik auch weiterhin solche hintergründigen, sehr informativen Artikel.

  2. Thorsten Scheuer schreibt:

    Ja ein sehr guter Artikel! Ich finde jedoch das durch solche Umstände ein Ehrenpreis nicht gerechtfertigt ist.
    Weiterhin finde ich schade das die gebäude die so avantgardistich sind so verfallen. Nur die oberhalb entstandenen Lofts werden schön genutzt. Der schöne Rundbau würde sich als Meilenwerk sehr schön anbieten.. Ich frage mich wo Herr Dr Moog doch viel mit FZGn zu tun hat das nicht verwirklichen kann.

  3. Heinz Ganz schreibt:

    Der Konfektionsbau der Romika wurde 1929 von dem Kölner Architekten Peter Franz Nöcker geplant und realisiert. Da Peter Franz Nöcker eine jüdische Ehefrau hatte und häufig für jüdische Auftraggeber arbeitete, fiel er später der nationalsozialistischen Ausgrenzungspolitik anheim. Die Nationalsozialisten belegten ihn 1940 mit Berufsverbot, seine Ehefrau Aenne Margarethe beging 1944 Selbstmord, nachdem sie einen Bescheid zur Deportation ins Konzentrationslager erhalten hatte. Peter Franz Nöcker war nach 1945 entscheidend am Wiederaufbau Kölns beteiligt.
    Das Gebäude in Gusterath-Tal hat bis heute nichts von seinem Charme verloren. In der Denkmaltopograhie des Landesamtes für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz findet sich folgende Beschreibung: „1929 seitlich der alten Erzwäsche errichteter massiger, viergeschossiger Stahlbetonbau mit Flachdach. […] Das Gebäude ist im Kreisgebiet ein seltenes Zeugnis für das Neue Bauen im Industriebereich und hat darüber hinaus Beispielwert für diese Gattung der modernen Architektur der 1920er Jahre.“ Der Konfektionsbau befindet sich inzwischen wieder im privaten Besitz, welche langfristige Nutzung der Besitzer für das denkmalgeschützte Gebäude plant, entzieht sich meiner Kenntnis.

  4. Martin Klingsporn schreibt:

    m.W. n. haben die Lemms in den 50er Jahren den jüdischen Vorbesitzern(bzw. deren Erben) eine Entschädigung gezahlt, die sich in der Größenordnung von25.000 bis 50.000 Dollar bewegte.

  5. Walter Jakoby schreibt:

    Ein spannendes Stück „Zeitgeschichte vor Ort“. Sehr gut, dass die Dinge hinter der Fassade der Fa. Romika, von denen man immer nur gerüchteweise gehört hat, die in den offziellen Darstellungen gar nicht vorkommen, von denen man in den „unabhängigen überparteilichen Medien“ nie was liest hier a,ufgedeckt und öffentlich gemacht werden.
    Sehr gut recherchierter Artikel, interessant zu lesen, weckt die Neugier für weitere Hintergrund-Artikel. Dem Autor ein großes Kompliment und vielen Dank für diese Arbeit.

  6. Karl-Heinz Breidt schreibt:

    Die geschichtliche – sozial-, regional- und industriegeschichtliche Aufarbeitung der Romika weckt das Interesse an mehr.
    Heinz Ganz hat mit seiner Spurenrecherche hervorragende Arbeit geleistet. Chapeau und danke.
    kb

  7. Bettina Wolk schreibt:

    Sehr interessant… Ich habe aufgrund meines derzeitigen Firmensitzes in der alten Romika (Schuhverkaufsgebäude) bereits sehr viele Geschichten gehört. Diese finde ich sehr aufschlußreich und bin gespannt auf den 2. Teil.

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