Der Volkskomödiant

Mit seiner Fähigkeit, Massen zum Mitmachen zu animieren, sorgte Otto auch bei seinem Auftritt in der Arena für Bierzeltstimmung. Foto: Christian JörickeAm Ende applaudieren viele Besucher im Stehen. Es ist auch ein bisschen Beifall für sein Lebenswerk. Otto Waalkes hat bei seinen Fans immer noch Kredit für die wirklich lustigen Platten, Bücher und Shows, die er in den 70ern und 80ern gemacht hat. Da kann man sich auch mal ein paar schwächere Filme und Auftritte leisten. Ein professioneller Entertainer ist er mit 63 Jahren immer noch, Herrenwitze finden stets ihr Publikum und sein Mienenspiel ist großartig. Ausschlaggebend für die Bierzeltstimmung in der Arena sind jedoch seine Schlager- und Pop-Parodien, die viele der 2800 Zuschauer mitsingen. Dabei kommt es weniger auf den Inhalt an als auf die vertraute Musik. Die Live-Show von Otto zu sehen, ist nicht nur deshalb auch ein bisschen wie der Konzertbesuch einer einst erfolgreichen Band, die aber schon seit 25 Jahren keinen Hit mehr hatte.

TRIER. Sängerinnen wie Cyndi Lauper oder Debbie Harry, die auf die 60 zugehen oder dieses Alter bereits überschritten haben und ihre größten Erfolge in den 70er und 80er Jahren feierten, lassen sich bei Live-Auftritten ungern von Fotografen mit Tele-Objektiven auf die nicht mehr ganz so straffe Pelle rücken. Die Frontfrau von Blondie trägt während der ersten drei Stücke, bei denen die auf Distanz gehaltenen Foto-Reporter in der Regel knipsen dürfen, auch schon mal Sonnenbrille, um möglichst wenig vom Zustand ihres Teints preiszugeben.

Auch bei Otto, der vor wenigen Wochen 63 wurde, müssen die Bildjournalisten aus der Ferne fotografieren. In den Medien will er so aussehen, wie man ihn seit jeher kennt: Jugendlich mit fast schulterlangen, blonden Haaren. Gekleidet ist er zwar wie ein 15-jähriger Hip-Hop-Fan, zu dem die Eltern sagen würden: „Und so willst du aus dem Haus gehen?!“, doch unter seiner Baseball-Mütze verdecken inzwischen keine Haare mehr die Sicht auf die Kopfhaut. An den Seiten lugen nur noch ein paar dünne Fransen hervor. „Für die einen ist es eine Glatze, für die anderen die längste Stirn der Welt“, hat Otto überraschenderweise nicht gesagt.

Denn in seinem Programm greift der dienstälteste deutsche Comedian häufiger auf bekannte Sprüche, Gags und Witze zurück. Kartoffelpuffer heißen auf französisch „Pomme de Bordell“, wenn man sich eine Pistole vorne in Hose steckt, löst sich ein Schuss, und auf die Auskunft der Mutter, dass es zum Essen Spinat mit Hühnerkacke gebe, sagt man: „Iiih, Spinat“. Vieles ist aus Witzbüchern übernommen – immerhin auch aus seinen eigenen. Damals in der Schule haben wir uns darüber beömmelt. Damals haben aber auch noch bessere Leute an seinen Programmen mitgewirkt.

Otto versucht zwar dem Image als Wiederholungstäter entgegenzuarbeiten, indem er manche Parodien wie „Robin Hood“ variiert, an den Sprachwitz des Originals kommt er jedoch nicht heran. Die meisten seiner neueren Musik-Parodien haben nicht mehr als eine Strophe und setzen humoristisch vor allem auf den Refrain („Highway to Hell“ wird beispielsweise zu „Erst auf dem Heimweg wird’s hell“). Entweder ihm fällt nichts mehr ein oder die guten Ideen hatten Robert Gernhardt und die Anderen der Neuen Frankfurter Schule, die für ihn schrieben.

Zu den ärgerlichsten Wiederholungen gehören seine Reaktionen im Dialog oder im Duett mit dem Publikum. Antworten die Zuschauer laut, gibt er sich erschrocken, ist die Erwiderung verhalten, parodiert er sie. Das stört die Fans aber nicht, denn sie sind williger als die bei Gotthilf Fischer oder bei einer Volksmusikveranstaltung. Auf das Mitklatschen und Mitsingen kommt es an. Otto gibt den Besuchern dadurch das Gefühl, ihm nahe zu sein.

Das weiß der menschgewordene Ostfriesenwitz zu nutzen. Es ist wie bei einem Konzert einer Band, von der man die Hits hören will, um sich an der Wiedererkennung zu erfreuen. Bei Song-Parodien wie „So viel Scheiß baut Opi“ („We will rock you“), „Dieser Keks wird kein weicher sein“ („Dieser Weg wird kein leichter sein“) oder „Geboren, um zu blödeln“ („Geboren, um zu leben“) geht es weniger um den neuen Inhalt – der ist so dünn wie das Haar des Interpreten. Spaß haben die Besucher an der bekannten Musik und daran, sich – unter Ottos Anfeuerungen – gehen zu lassen. Das wird am deutlichsten, als er Schlager („Marmor, Stein und Eisen bricht“, „Er gehört zu mir“, „Ein Stern“, „Das geht ab“) bloß anspielt: Fast die ganze Halle singt plötzlich die Originaltexte. Volksmusikant und Volkskomödiant liegen dicht beisammen.

Lustig ist Otto bei den Stücken, die er inhaltlich nicht verfremdet. Es ist großer und vor allem zeitloser Slapstick, wenn er zu „Mein kleiner grüner Kaktus“ oder „Bohemian Rhapsody“ synchron die Lippen bewegt und passend zur Tonlage oder zur Ausdrucksweise Grimassen schneidet. Künstlerischer Höhepunkt sind deshalb auch nicht seine Parodien auf die leicht zu imitierenden Rüdiger Hoffmann, Mario Barth, Udo Lindenberg oder Lady Gaga – abgesehen davon, dass man dies schon oft und auch besser gesehen hat, kann er dabei seine eigene Rolle nicht ausblenden. Nein, der gelungenste Beitrag ist ein Trickfilm-Videoclip zu „1000 und eine Nacht“, in dem es um die Beziehung von Otto und einem Ottifanten geht. In diesen paar Minuten erinnert man sich daran, warum er einmal einer der größten deutschen Komiker war.

Weiterer Beitrag zum Thema: „Warum soll ich mich verändern?

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