Der Naidoo von nebenan

Wie in den meisten Hallen, in denen Tim Bendzko auftritt, war auch die Europahalle am Donnerstagabend ausverkauft. „Tim, wer?“, dürfte jetzt der ein oder andere fragen, der das Musikgeschehen im vergangenen Jahr nur am Rande verfolgt hat. Wer jedoch in den letzten Monaten auch nur sporadisch einen Radiosender mit populärer Musik gehört hat, dem wird die eingängige Nummer „Nur noch kurz die Welt retten“ wohl nicht entgangen sein. Nicht nur mit diesem Hit sorgte Bendzko für gute Stimmung bei den 2000 Fans. Dem Konzertveranstalter hatte es jedoch schon vor dem Auftritt die Laune verhagelt.

TRIER. Ingo Popp sollte eigentlich guter Dinge sein. Die Nachfrage an Karten für den Auftritt von Shooting-Star Tim Bendzko war so groß, dass der Konzertveranstalter den Gig frühzeitig von der Tufa in die Europahalle verlegen musste. Popp ist jedoch stinksauer. Er wurde vor der Veranstaltung informiert, dass Fans 25 Tickets auf dem Schwarzmarkt erworben hatten, die online mit einer gestohlenen Kreditkarte gekauft wurden. Die Karte wurde gesperrt, der Ticketservice sah kein Geld und Popp auch nicht.

Um die Kartenbesitzer, deren Ticketnummern bekannt waren, ausfindig zu machen, um unter anderem Informationen über den Händler zu erfahren, wurde am Einlass etwas gründlicher kontrolliert. Die betreffenden Personen waren schnell gefunden. Der Veranstalter hätte sie abweisen können, ließ sie aber herein und verzichtete damit auf mehrere Hundert Euro. Ihn ärgerte jedoch weniger der Kartenbetrug als die Beschwerden einiger Besucher, die sich beim Einlass ein paar Minuten länger gedulden mussten. Ein Gast soll gar gesagt haben, dass es kein Wunder sei, wenn in solchen Situationen Chaos wie in Duisburg entstehe. „Das ist ein Unding, dies mit der ‚Love Parade‘ zu vergleichen“, sagt Popp und muss schwer an sich halten.

Beste Laune hingegen herrscht zu Konzertbeginn bei den 2000 Zuschauern. Bereits die Vorgruppe „F.R.“ wird lautstark gefeiert. Dann gibt es sogar noch eine Überraschung für das Publikum und für den Rapper Fabian Römer, während er „Bester Freund“ singt. Tim Bendzko und Band kommen mit einem Kuchen auf die Bühne, um dem Frontmann zum Geburtstag zu gratulieren. Bendzko und Römer waren mal WG-Mitbewohner. Später werden sie gemeinsam den Ohrwurm „Nur noch kurz die Welt retten“ und „Zweifellos“ singen.

Man sieht deutlich – und beim Jubel kann man sogar hören –, wie sich das Publikum zusammensetzt: Es ist überwiegend weiblich. Trotz vorabendserientauglichem Gesicht ist Bendzko aber kein reiner Teenie-Schwarm. Seinen zuweilen sogar tanzbaren Soul-Pop hört sowohl die 12-Jährige auf ihrer Kompaktanlage im Kinderzimmer als auch ihre 20-jährige Schwester auf dem MP3-Player auf dem Weg zum Reitunterricht und deren 38-jährige Mutter beim Aufräumen oder Autofahren. Ebenfalls bemerkenswert ist, dass es sich beim Gros der Besucher nicht um Wir-sind-nur-wegen-des-einen-Hits-hier-Fans handelt. Die Zuschauer kennen das ganze Album. Es wird eifrig mitgesungen.

Der unprätentiöse Berliner mit dem jazzigen Gesang und der ordentlichen, leicht nasalen Stimme, sorgt für eine gute Atmosphäre. Bis auf „Schall & Rauch“ stellt der 26-Jährige sein komplettes Album „Wenn Worte meine Sprache wären“ vor – und noch neun weitere Titel. Nach knapp zwei Stunden verabschiedet er sich mit der beschwingten Sing-along-Nummer „Keine Zeit“.

Nicht nur durch seine Art zu singen erinnert Bendzko an Xavier Naidoo, dem er auch in seinem Booklet dankt. Zwar sind seine Texte konkreter und frei von Esoterik, doch musikalisch haben Stücke wie „Es wird nicht einfach sein“ den typischen Naidoo-Sound. Besagte Nummer liegt jedoch wiederum so dicht an „Dieser Weg“, dass sie auch parodistisch gemeint sein könnte. Naidoo scheint Bendzkos Musik jedenfalls zu mögen. Seine „Söhne Mannheims“ kürten ihn vor drei Jahren bei einem Talentwettbewerb zum Sieger. Daraufhin durfte Bendzko im Sommer 2009 vor 20.000 Zuschauern auf der Berliner Waldbühne auftreten – und sein steiler Aufstieg begann.

Am 5. August ist Tim Bendzko wieder live in Trier zu hören. Für den Auftritt im Amphitheater sind noch ausreichend Karten erhältlich.

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