Fragwürdiges Ranking im Uni-Senat

rankingJedes Jahr veröffentlicht das 1994 in Gütersloh gegründete „Centrum für Hochschulentwicklung“ (CHE) das deutschlandweit umfassendste und einflussreichste Hochschul-Ranking. Rund 200.000 Studierende und 15.000 Professoren sollen dafür ein Urteil über die unterschiedlichsten Facetten des akademischen Betriebes abgeben. Doch das Ranking ist heftig umstritten, ganze Universitäten wie die von Hamburg beschlossen den Ausstieg und monieren dabei vor allem methodische Mängel und mögliche bildungspolitische Konsequenzen. Auch die studentischen Mitglieder des Senats der Universität Trier fordern den Boykott und drängen zu einer Entscheidung in der kommenden Senatssitzung, die an diesem Donnerstag ansteht.  

TRIER/GÜTERSLOH. Manch angehender Pädagoge wird sich im vergangenen Mai verwundert die Augen gerieben haben, als er bei der Lektüre einer dpa-Meldung mit der großspurigen Überschrift „Uni Trier erhält Spitzenwertung im CHE-Hochschulranking“ auf folgenden Satz stieß: „Das Fach Erziehungswissenschaft an der Universität Trier erhält im Ranking sogar Spitzenwerte.“ Ein kurzer Blick ins Ranking zeigt, dass die Trierer Erziehungswissenschaft in der Lesart des CHE bestenfalls zum Mittelfeld gehört. Was ging da schief? Die Indizien sprechen für einen journalistischen Flüchtigkeitsfehler: Tatsächlich kann sich nämlich vor allem die Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen mit Spitzenwerten rühmen – im Ranking nur eine Zeile unter der Universität Trier gelegen. Die Absurdität des Vorfalls sollte zumindest für eine gewissenhafte Handhabung der Rankings sensibilisieren.

Im Senat der Universität Trier herrscht derweil noch Uneinigkeit in der Frage des richtigen Umgangs mit Rankings. „Teile der Fächer rühmen sich mit dem Ranking, andere zweifeln es an“, erklärte Universitätspräsident Professor Michael Jäckel in der vergangenen Sitzung des Gremiums. Zwar begrüße er eine methodische Auseinandersetzung, den Ausstieg aus dem Ranking halte er jedoch – auch angesichts eines Mangels an sinnvollen Alternativen – für fragwürdig. Der Mediensoziologe fürchtet ein Ausbleiben der ausführlichen Berichterstattung, die Jahr für Jahr mit der Veröffentlichung des Rankings einhergeht und von hoch gerankten Fächern gerne zur Selbstdarstellung genutzt wird. Nach Aussagen der Pressestelle der Universität wird die Haltung der Hochschule aber frühestens nach der kommenden Senatssitzung feststehen.

Die studentischen Vertreter im Senat mutmaßen, dass die Diskussion möglicherweise zu spät kommt: „Ich halte es für einen großen Fehler, jetzt nicht zu reagieren. Das können wir uns nicht leisten“, warnt Senatsmitglied Kilian Krumm. Der Grund für die Eile: Die Evaluierungen der einzelnen Fächer sind bereits in vollem Gange, ein möglicher Ausstiegsbeschluss würde dadurch frühestens im nächsten Jahr faktische Geltung erlangen.

Um die Befürchtungen der Senatsmitglieder nachvollziehen zu können, muss man wissen, wie das CHE das Ranking erhebt. Je nach Fach werden eine bestimmte Anzahl an Studierenden sowie Professoren und Fachbereiche im Rahmen eines umfassenden Fragebogens um die „ehrliche Bewertung der Studienbedingungen“ gebeten. Aufgrund des großen Aufwandes findet diese Befragung in einem dreijährigen Turnus statt. In diesem Jahr sollen die Datensätze einer ganzen Reihe von Fächern auf den neuesten Stand gebracht werden, die an der Universität Trier vertreten sind, unter anderem die Fächer Soziologie, BWL, Politik-, Rechts- und Medienwissenschaft.

Aus den Rohdaten entwickelt das CHE dann bis zu 30 Indikatoren wie „Studiensituation insgesamt“, „Forschungsreputation“, „Studierbarkeit“ oder „internationale Ausrichtung“, die zu einer Einteilung der Fächer in eine farblich gekennzeichnete Spitzen- (grün), Mittel- (gelb) und Schlussgruppe (blau) führen. Im vorvergangenen Jahr distanzierte sich das CHE aufgrund zunehmender Kritik von der Ampel-Symbolik, wodurch nun „Grün, aber nicht Rot, wahrnehmungs- und farbpsychologisch fundiert ins Auge sticht“, wie ein Bonner Zentrum für Evaluation und Methoden schreibt.

CHE: Für kleinere Fächer ist die Ranking-Methodik ungeeignet

In Gütersloh ist man sichtlich stolz auf die hohe Anzahl an fachbezogenen Indikatoren. Petra Giebisch arbeitet als Projektleiterin beim CHE und ist sich sicher: „Das Ranking trägt mit seiner Indikatorenvielfalt dazu bei, sich über persönliche Präferenzen im Studium überhaupt erst bewusst zu werden.“ Die aufwendige Methodik birgt jedoch auch Schattenseiten. So nimmt das Ranking für sich in Anspruch, rund 80 Prozent aller Studiengänge abzudecken. Doch was ist mit dem Rest? Giebisch erklärt, dass man bundesweit eine ausreichend große Zahl an Fachbereichen und Studierenden benötige, um die Ergebnisse zu Ranggruppen zuordnen und Studierendenurteile ausweisen zu können. Dabei haben insbesondere Orchideenfächer – Trier mit seiner Papyrologie, Kunstgeschichte und Philosophie lässt grüßen – das Nachsehen. Giebisch gibt denn auch offen zu: „Für kleinere Fächer oder Fächer mit weniger Standorten ist die Ranking-Methodik ungeeignet.“ Diese strukturelle Vorselektion begünstigt möglicherweise Massenstudiengänge wie BWL oder Jura, die durch das Ranking regen Zulauf bekommen und dadurch wiederum einen Konformitätsdruck auf das gesamte Fächerspektrum ausüben.

Darüber hinaus können die nackten Zahlen nicht erklären, warum das Fach einer Universität besser abschneidet als das andere, ebenso wie sie nicht imstande sind, weiche Faktoren zu fassen, die für die Studienentscheidung ebenfalls von Bedeutung wären. Die Nähe zu Luxemburg und seinen lukrativen Arbeitsplätzen in Bankenwesen und EU-Institutionen wäre dafür ein Beispiel. Ein weiterer Nachteil: In dem Maße, in dem vereinzelte Fächer oder repräsentative Fachgesellschaften im Zuge ihrer Kritik aus dem CHE-Ranking aussteigen, finden aufseiten des in Detailfragen durchaus verbesserungsfreudigen CHE methodische Anpassungen statt. Diese sind jedoch auch mit steigenden Anforderungen an die Daten verbunden, denen nicht alle Fächer nachkommen können – oder wollen. In der Folge klaffen in den fachbezogenen Rankings immer größere Lücken, die den ohnehin fragwürdigen Vergleich erschweren und verzerren. So empfahl der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands seinem Fach schon 2009 den Boykott des Rankings, woraufhin viele Standorte aus dem Ranking austraten. Und tatsächlich lässt nur ein Bruchteil der historischen Fakultäten, darunter auch Trier, seine Studierenden an der Umfrage teilnehmen; de facto wird das Ranking nur mithilfe von zwei Indikatoren (Praxisbezug und Promotion pro Professor) aufrechterhalten.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS), die im Fachbeirat des CHE vertreten ist, forderte im vergangenen Jahr nachdrücklich den Ausstieg der soziologischen Institute aus dem Ranking. In einer Stellungnahme verweisen die Wissenschaftler auf „gravierende methodische Schwächen und empirische Lücken“ und kritisieren die „Suggestion eindeutiger und verlässlicher Urteile, die durch die verfügbaren Daten keineswegs gedeckt sind.“ Vorausgegangen war der Entscheidung ein Wechsel an der Spitze des Vorstandes der DGS, den mit Professor Stephan Lessenich fortan ein kritischer Kopf schmücken sollte.

Frau Giebisch bedauert das Ende einer konstruktiven Zusammenarbeit: „Mit dem Wechsel des Vorstandes der DGS sind andere Interessen und Vorstellungen an das CHE herangetragen worden, denen wir nicht oder nicht im vollen Umfang folgen konnten.“ Jedenfalls kann man Lessenich keine Neidreaktion unterstellen, denn das Institut für Soziologie der Universität Jena, an dem er tätig ist, genießt seit jeher einen überragenden Ruf und landet beim Ranking stets in der Spitzengruppe. Wenn der Apell zum Boykott Wirkung zeigt, wird das einige zu der Überlegung veranlassen, ob das Ranking in der Form überhaupt noch Sinn macht.

„Keine Widerstände gegen den Ausstieg“

Diese Frage hat sich im vergangenen Jahr auch der Senat der Universität Hamburg gestellt – und verneint. Die dortige Universitätsleitung hat sich für einen Boykott von Rankings jeglicher Art ausgesprochen. Christiane Kuhrt, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, erklärt auf Nachfrage von 16vor, dass es innerhalb des Präsidiums keine Widerstände gegen die Entscheidung gegeben habe. In dem Grundsatzbeschluss heißt es: „Die Universitätsleitung und die Einrichtungen der Universität liefern grundsätzlich keine Daten und beteiligen sich nicht an Umfragen, die geeignet sind, deutsche und internationale Universitäten gegeneinander auszuspielen.“

Damit haben die Hamburger das Kernproblem erfasst, das sich nicht durch methodische Spitzfindigkeiten lösen lässt: Kann und muss sich Bildung vergleichen lassen? Und welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Der Präsident der Universität Hamburg, Professor Dieter Lenzen, spitzte es bei einem Vortrag zum Thema Forschungsratings mit den Worten des Philosophen Ludwig Marcuse zu: „Das Leid der Unterlegenen kommt aus dem Vergleich.“ Er warnt die Ministerien davor, privatwirtschaftlich erstellte Leistungsvergleiche für wissenschaftspolitische Entscheidungen zu Rate ziehen. Ein überwiegender Teil der Bundesländer trägt diesen Trend mit, wie ein Beschluss der Kultusministerkonferenz zeigt; lediglich der Freistaat Bayern ist der Ansicht, dass „Ergebnisse von Rankings und Ratings als Grundlage für wissenschaftspolitische und forschungspolitische Entscheidungen weiterhin überwiegend ungeeignet sind.“

Dies gilt in besonderem Maße für das unter dem Deckmantel der Gemeinnützigkeit firmierende CHE, das maßgeblich von der Bertelsmann-Stiftung finanziert wird. Diese propagiert einen orthodoxen Wirtschaftsliberalismus, der die Steuerungsmechanismen des Marktwettbewerbes auch auf den Hochschulsektor auszuweiten versucht. Senatsmitglied Krumm sieht in diesem Zusammenhang die Gefahr, dass zahlreiche Financiers, die mit dem Bertelsmann-Konzern verbandelt sind, ihre Drittmittelvergabe von der Rankingkonformität der Universitäten abhängig machen. „Wir brauchen kein Ranking, sondern eine Evaluation von Studienbedingungen und Forschungsleistungen“, fordert er. Auch Hochschulpräsident Lenzen ist davon überzeugt, dass solch ein Wettbewerb desaströs ist für die Qualität der gesamten Wissenschaftseinrichtung. Man sollte seinen Worten Beachtung schenken, schließlich hat ihn 2008 das CHE höchstselbst zum „Hochschulmanager des Jahres“ gekürt.

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