„Keine klassischen Puccini-Klischees“
Nach „Le Nozze di Figaro“ (2009/10) und Leonard Bernsteins Oper „Trouble in Tahiti“ (2010/11) inszeniert Benedikt Borrmann nun mit „La Bohème“ zum dritten Mal am Trierer Theater. Giacomo Puccinis am 1. Februar 1896 uraufgeführtes Meisterwerk gilt als die bedeutendste italienische Oper seit Verdi. Erstmals steht der private Mensch und sein Alltag im Mittelpunkt einer Opernhandlung. Die Tradition der italienischen Oper weiterführend, bricht Puccini zugleich auf in ein Zeitalter, das mehr und mehr die sozialen Verhältnisse für die Formung individueller Lebensentwürfe verantwortlich macht. Wie der Regisseur das Stück interpretiert, das an diesem Samstag um 19.30 Uhr Premiere hat, erzählte er im Gespräch mit 16vor.
16vor: Was verbindet Sie mit „La Bohème“?
Benedikt Borrmann: Ich bin ja in der Oper mehr oder weniger großgeworden – ich kannte das vermeintlich. Habe aber während der Vorbereitung schon festgestellt, dass da viel Klischeedenken meinerseits war.
16vor: Was hat sich Ihnen neu erschlossen?
Borrmann: Die Ehrlichkeit der Figuren, die Ehrlichkeit des Stückes, und dass es überhaupt nicht rührselig ist. Es ist ein sehr direktes und teilweise auch sehr bitteres Stück.
16vor: Wie äußert sich das in Ihrer Inszenierung? Was dürfen die Zuschauer erwarten?
Borrmann: Die Zuschauer dürfen eine große Genauigkeit erwarten. Und wir versuchen, nicht in die klassischen Puccini-Klischees hineinzufallen. In meinen Augen zum Beispiel eine falsche Betroffenheit. Es gibt durchaus eine Betroffenheit, die sich aber aus einer anderen Quelle speisen muss: Betroffenheit über Figuren und deren Verhalten. Warum ist jemand, wie er ist? Warum verhält er sich, wie er sich verhält?
16vor: Ist dadurch eine insgesamt moderne Inszenierung entstanden?
Borrmann: Äußerlich bleiben wir in der Zeit. Modern ist sie in der sehr, sehr genauen Beobachtung. Im zweiten Bild wird immer ein sehr schönes Paris gezeigt. Die Herrschaften haben aber gar kein Geld, fein essen zu gehen. Es sind also nicht die Prachtboulevards von Paris. Da gibt es auch Prostituierte und Zuhälter. Was mich sehr fasziniert hat, als ich angefangen habe, das Libretto zu lesen, war, dass das Wort „Paris“ nur ein einziges Mal fällt. Es wird auch kein einziges Mal erwähnt, dass das Stück an Weihnachten spielt. Bei uns spielt es zwar auch an Weihnachten, aber es gibt keine Tannenbäume und Nikoläuse. Das war eine Behauptung von Puccini, dass es der Weihnachtsabend ist. Musikalisch und textlich wird darauf überhaupt kein Bezug genommen.
16vor: Caruso, Pavarotti, und Carreras haben schon die männliche Hauptrolle gesungen, Cotrubas, Sciutti und Güden die weibliche. Welches ist Ihre Traumbesetzung für Rodolfo und Mimi?
Borrmann: Meine Traumbesetzung ist die, die ich hier habe.
