Gratisblatt fürs Grenzgebiet

Kein zweites Land in Europa verfügt über eine größere Pressevielfalt als Luxemburg. Nun gesellt sich zu den zahlreichen Tages-, Wochen- und Gratiszeitungen noch ein Monatsblatt hinzu: DeLux wird das neue Printprodukt heißen, das am Donnerstag kommender Woche erstmals auf den Markt kommt. Die Zeitung erscheint nicht nur im Großherzogtum, sondern auf deutscher und luxemburgischer Seite, entlang der Flüsse Mosel, Sauer und Our. Hinter dem Projekt stehen der Trierische Volksfreund und das Escher Tageblatt. Gegenüber 16vor zeigen sich die Chefredakteurinnen Isabell Funk und Danièle Fonck zuversichtlich, dass ihr Vorhaben eine Lücke schließen wird. Auf jeden Fall ist DeLux ein Experiment, das auch dem verschärften Kampf auf dem grenzüberschreitenden Anzeigenmarkt geschuldet ist.

ESCH-SUR-ALZETTE/TRIER. Danièle Fonck wird jetzt grundsätzlich: „Es ist ein Irrglaube, anzunehmen, dass Zeitungen wegen der Presseförderung existieren“, kontert die Chefredakteurin des Tageblatt die Frage, ob DeLux mit staatlicher Unterstützung rechnen könne. Fonck ergänzt: „Diese Presseförderung besteht im Interesse des Pressepluralismus und ist an sehr präzise Bedingungen geknüpft.“ Und was das jüngste Produkt aus ihrem Hause anbelangt, stellt sie klar: Die Zeitung erfüllt keine der Bedingungen, „das war auch nicht das Ziel“.

Staatliche Presseförderung, wie sie Luxemburgs Abo-Zeitungen erhalten, fließt also keine, wenn heute in einer Woche die beiden Medienhäuser Trierischer Volksfreund und Editpress mit ihrem neuen Blatt herauskommen werden. So viel lässt sich vor Erscheinen bereits sagen: Die neue Zeitung wird in mancherlei Hinsicht einzigartig sein. Zehn Ausgaben sind für 2012 geplant. Im Berliner Format, wie es auch Blätter wie Le Monde oder die tageszeitung (taz) verwenden, wird DeLux erscheinen. Geplant ist eine Auflage von 70.000 Exemplaren. „Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Perl nach Vianden auf beiden Seiten der Grenzflüsse Mosel, Sauer, Our“, erläutert TV-Chefredakteurin Isabell Funk. Jeweils 35.000 Exemplare sollen auf luxemburgischer und deutscher Seite kostenfrei verteilt werden.

Ein Gratisblatt fürs Grenzgebiet? Auf einem Markt, der zumindest auf luxemburgischer Seite mehr als gesättigt scheint. Kein zweites Land in Europa kann eine größere Pressevielfalt vorweisen, als das Großherzogtum. Schon heute erscheinen hier sechs Tageszeitungen, außerdem mehrere Wochenblätter und Magazine. Es gibt eine wöchentliche Satirezeitung und seit ein paar Jahren auch ein Boulevardblatt. Welche Blüten der Blätterwald des Großherzogtums mitunter treibt, ließ sich vor einem Jahrzehnt beobachten: Innerhalb weniger Wochen gingen der Wort-Verlag Saint-Paul und Tageblatt-Produzent Editpress mit La Voix du Luxembourg und Le Quotidien an den Start. Keiner der Konkurrenten wollte dem anderen das Feld überlassen. Die Konsequenz: Die Auflage beider Zeitungen bewegt sich seither im Bereich der 5.000er-Marke, womit Voix und Quotidien noch nicht die auflagenschwächsten sind: Das liberale Lëtzebuerger Journal setzt nicht mehr Exemplare ab, die kommunistische Tageszeitung vum Lëtzebuerger Vollek liegt mit ihrer Auflage sogar weit darunter. Mag Danièle Fonck auch etwas anderes behaupten: Ohne Presseförderung wären einige Blätter wohl kaum überlebensfähig.

Zumal seit dem Herbst 2008 auch ein Kampf auf dem Gratiszeitungsmarkt tobt: Kaum war Editpress mit L’essentiel auf dem Markt, zog Saint-Paul mit Point24 nach. Beide Blättchen richten sich an Pendler, nicht zuletzt an die mehreren Zehntausend Grenzgänger, die täglich mit Bussen und Bahnen aus den Nachbarländern anreisen. Den Sprung über die Grenze haben diese Gratiszeitungen noch nicht geschafft, sieht man von einigen Zeitungsboxen an belgischen Bahnhöfen ab. Dem Vernehmen nach gibt es aktuell auch keine Pläne, L’essentiel oder Point24 an deutschen Bahnhöfen zwischen Igel und Schweich zu verteilen.

„Das ist Europa“

Die neue Monatszeitung wird mit den bestehenden Angeboten wenig gemein haben. „Mit DeLux nehmen wir am Zusammenwachsen einer Region teil“, begründet Fonck etwas pathetisch das Vorhaben. Und Funk berichtet: „DeLux entstand aus der Idee einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zwischen zwei Verlagshäusern in Zeiten, in denen Europa auf die Themen Staatenkrisen, Rettungsschirme et cetera reduziert wird.“ Schon heute tauschen die beiden Zeitungen Texte aus, meist werden ältere Stücke des Tageblatt im Volksfreund recycelt. Für die Menschen links und rechts von Mosel, Sauer und Our sei die EU „eben kein abstraktes Staaten- und Wirtschaftskonstrukt, sondern Alltag. Die täglichen Pendlerströme, der Waren- und Dienstleistungsaustausch, der Kultur-, Gastronomie- und Ausflugstourismus auf ganz kleinem Raum sprechen eine deutliche Sprache. Dieses Lebensgefühl wollen wir in DeLux spiegeln“.

Doch mit dem grenzregionalen Lebensgefühl ist das so eine Sache. Zwar nutzen immer mehr Deutsche das Kulturangebot des Nachbarlands, doch für das Gros der deutschen Grenzgänger dürfte Luxemburg nach wie vor ausschließlich Arbeitsstätte und Tankstelle sein. Zumindest fällt auf, dass sich viele Pendler kaum für das interessieren, was im Großherzogtum geschieht. Umgekehrt sieht es nicht viel besser aus: Seine Landsleute hätten wenig Interesse daran, zu erfahren, was sich jenseits der Grenze abspiele, erklärt der Chefredakteur einer Luxemburger Zeitung. Einzig die Öffnungszeiten Trierer Parkhäuser oder die Eröffnung eines neuen Geschäfts sei für sie von Belang. Schwerpunkthema der ersten Ausgabe von DeLux wird die Frage sein: „Was kostet das Leben?“. Geplant ist ein Vergleich der Lebenshaltungskosten in beiden Ländern, von Miet- über Lebensmittel bis hin zu Freizeitkosten, kündigen die Verlage an.

„Wir als Herausgeber glauben an das Zusammenwachsen der Grenzregion“, sagt Fonck, „das ist Europa!“ Woran sie nicht glaubt: Dass es einen Verdrängungswettbewerb geben wird. „Gutgemachte, interessante, nützliche und intelligente Zeitungen werden noch mehr Leserinteresse wecken, als das bisher der Fall ist“, ist die Tageblatt-Chefredakteurin überzeugt. Solcher Aussagen zum Trotz: Natürlich geht es beiden Medienhäusern auch darum, auf dem immer härter umkämpften Anzeigenmarkt weiter vorne mitzumischen. Und auch wenn DeLux keine luxemburgische Zeitung verdrängen wird, so wird auf doch zumindest auf dem Werbesektor die Luft dünner.

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