„Mit zehn Jahren war ich umfassend informiert“
Als Ernst-Johann Reinhardt wuchs er auf, berühmt machte ihn seine Rolle als frivole Diva Lilo Wanders. Zehn Jahre lang – von 1994 bis 2004 – moderierte sie auf Vox die Sendung „Wa(h)re Liebe“. Sie geht mit erotischen Lesungen und Theaterstücken über Marlene Dietrich und ihr Vorbild Evelyn Künneke auf Tour und gastiert heute um 20 Uhr mit ihrem Programm „Sex ist ihr Hobby“ in der Tufa. 16vor sprach mit ihr über selbstgemachte Gleitmittel, die Entwicklung ihrer Karriere und über andere Interessen neben der Beschäftigung mit Liebe, Sex und Erotik.
16vor: Als erstes fragen Journalisten bestimmt immer, ob sie Herr Reinhardt oder Frau Wanders sagen sollen, oder?
Lilo Wanders: Wenn es um einen Auftritt von Lilo Wanders geht, kann man nur mit Frau Wanders reden. Keine privaten Geschichten. Da habe ich schon sehr lukrative Anfragen abgelehnt.
16vor: Bei Gesprächsthemen gibt es also Tabus für Sie?
Wanders: Fragen Sie mich, was Sie wollen. Ich werde mir das anhören und dann entscheiden, ob ich darauf antworte.
16vor: Auf Wikipedia steht beispielsweise…
Wanders: Irgendjemand aus meinem Dunstkreis hat Wikipedia bearbeitet und lauter Halbwahrheiten geschrieben. Ich habe das schon korrigiert und es wurde dann wieder rekorrigiert. Ich habe darauf keinen Einfluss. Da ist irgendjemand sehr hartnäckig. Das können sie aber alles vergessen, was da steht.
16vor: Leben Sie noch, wie es dort heißt, in einer Dreierbeziehung?
Wanders: Nein. Daran merke ich, dass es jemand ist, der nicht zum engeren Kreis gehört. Das ist alles pillepalle, was da steht. Ehrlich gesagt, habe ich auch kein Interesse, eine Geschichte über mich als Privatperson zu machen. Darum geht es mir überhaupt nicht. Ich möchte über meine Arbeit definiert werden.
16vor: Wann wurden Sie das letzte Mal eines Besseren belehrt, als Sie glaubten, schon alles über Sex zu wissen?
Wanders (lacht): Da muss ich tief in der Vergangenheit kramen. Da fällt mir ad hoc nichts ein. Ich habe mir schon vor der Schule als kleines Kind – und wenn ich jetzt „ich“ sage, gilt das für beide Personen – das Lesen beigebracht, und weil ich so schüchtern war, wahnsinnig viel gelesen. Auch schon sehr früh die Bücher, die in der zweiten Reihe im Bücherregal standen. Mit zehn, elf Jahren war ich schon umfassend informiert. Insofern war es nicht schwierig, in diese Welt einzutauchen. Es gab kaum etwas, was mich in all den Jahren bei „Wahre Liebe“ verblüfft hat. Während einer Live-Sendung habe ich mal einen Swinger-Club-Betreiber rausgeschmissen, weil er irgendwas von der „Aids-Lüge“ gefaselt hat.
16vor: Glauben Sie, Ihr Leben wäre anders verlaufen, wenn Sie in einer anderen Umgebung, sprich: in einer intakten Familie aufgewachsen wären?
Wanders: Das war eine intakte Familie. Wie kommen Sie darauf, dass es keine war?
16vor: Ist es nicht so, dass Ihr Vater sehr früh starb?
Wanders: Mein Vater starb tatsächlich, als ich fünf Jahre alt war. Ich musste dann sehr erwachsen sein, weil ich eine kindliche Mutter hatte. Sie hat aber später nochmal geheiratet. Letztenendes war es wie fast überall: Unter jedem Dach ein „Ach“. Natürlich gab es Probleme. Trotzdem war es eine liebevolle Familie.
Von Anfang an, seit ich 13, 14 war, wollte ich zur Bühne und habe das auch ohne Schauspielschule geschafft. Mit einer freien Theatergruppe und mit selbstgeschriebenen Stücken. Wir haben die Ochsentouren gemacht durch die ganzen Jugendzentren und Clubs und waren die Hälfte des Jahres auf Tour. Das war eine gute Schule für mich. Im Laufe dieser Zeit habe ich über 20 Rollen erfunden. Eine davon war Lilo Wanders. Heute bin ich quasi deckungsgleich mit dieser Person.
16vor: Lilo Wanders‘ größtes Steckenpferd ist die Beschäftigung mit Liebe, Sex und Erotik. Welches ist das Lieblingshobby von Ernie Reinhardt?
Wanders: Auch das ist alles deckungsgleich. Ich habe zwei große Hobbys – und das zweite ist Lesen. Die Beschäftigung mit Büchern hat mir die Welt geöffnet.
16vor: Ich hatte gehofft, Sie würden sagen, dass sich Ernie Reinhardt für so etwas wie Fußball, Gartenarbeit oder Backen interessiere.
Wanders: Gartenarbeit, natürlich. Ich habe einen großen Bauernhof und habe es in diesem Jahr überhaupt nicht geschafft, den Garten zu bewältigen. Es ist mir alles über den Kopf gewachsen. Aber sonst gehört das zur Entspannung dazu. Zum Beispiel in der Abenddämmerung die verblühten Rosenknospen abzuknipsen.
Ansonsten arbeite ich sehr viel. Für einen faulen Menschen bin ich sehr fleißig.
16vor: Aber ist es nicht so, dass wenn man sich in einer Rolle immer mit einem Thema beschäftigt, man sich privat nicht damit auseinandersetzen will?
Wanders: Zum Entspannen lese ich eben abends.
16vor: Was lesen Sie zur Zeit?
Wanders: Ich habe gerade den vierten Barbarotti-Band von Håkan Nesser in der Mangel. Manchmal lese ich auch Sachen wieder, die ich vor Jahren gelesen habe. Neulich habe ich die ganze Val-McDermid-Reihe mit Tony Hill und Carol Jordan nochmal durchgelesen. Ich finde es schön, wenn es fünf, sechs Bände sind, die eine große Geschichte ergeben. Viele dieser Krimis sind das, was man früher „Gesellschaftsromane“ nannte. Man erfährt viel über sich und die Menschen und wie diese Gesellschaft funktioniert. Das macht einen großen Teil meiner Freizeit aus.
16vor: Auf Ihrer Homepage findet sich ein Rezept für ein Gleitmittel? Worin liegt der Vorteil gegenüber einem fertigen Gel aus dem Laden?
Wanders: Es ist billiger (lacht). Im Programm zeige ich auch, wie ich das mixe. Es gibt Einspieler aus diversen Sendungen und die Herstellung dieses Gels wird auch gezeigt. Es ist lustig, wie ich das alles zusammenmixe und mich darüber mokiere, dass es bei der Herstellung so stinkt.
