„Ich darf ja mein Herz nicht fragen“
Prächtige Kostüme, ein schlichtes, effektvolles Bühnenbild, eine klare Inszenierung und eine herausragende Darstellung der Elisabeth – im Theater Trier feierte am Samstagabend Schillers psychologisch reizvolles Trauerspiel „Maria Stuart“ eine gelungene Premiere. Dass mehrere Dutzend Sitze im Großen Haus frei blieben, war hoffentlich nur der Ferienzeit geschuldet. Die nächste Aufführung des Stückes, das aufgrund seines vollendeten Aufbaus als Musterbeispiel des klassischen deutschen Dramas gilt, ist am kommenden Samstag.
TRIER. Maria Stuart, Königin von Schottland, musste nach England fliehen, weil sie ihren Mann ermorden ließ. Dort landete sie jedoch im Gefängnis, weil Elisabeth sie als Rivalin fürchtet, die ihr den Thron streitig machen will. Trotz zahlreicher Beteuerungen, dass dies nicht ihr Ansinnen sei („Nicht mit dem Schwerte kam ich in dies Land, ich kam herein als eine Bittende, das heil’ge Gastrecht fordernd, in den Arm der blutsverwandten Königin mich werfend“), kann sie in Situationen emotionaler Aufgewühltheit aus ihrer Abneigung gegen die englische Königin keinen Hehl machen. Auf der Basis von sich später als falsch herausstellender Aussagen, sie plane eine Verschwörung gegen Elisabeth, wird Maria zum Tode verurteilt. Die stolze Katholikin erkennt das Urteil aber nicht an („Es kann der Brite gegen den Schotten nicht gerecht sein“) und begehrt, ihre „Schwester“ persönlich zu sehen.
Bis es tatsächlich dazu kommt, berät sich Elisabeth mit ihren Vertrauten über das Schicksal der Gefangenen. Der Baron von Burleigh empfiehlt ihre Hinrichtung, denn „[i]hr Leben ist dein Tod! Ihr Tod dein Leben!“. Für den Großschatzmeister zählt nur die Staatsraison. Der Humanist Paulet hingegen, den der Regisseur Gerhard Weber mit der Figur des Grafen von Shrewsbury hat verschmelzen lassen, und der opportunistische Graf von Leicester sprechen sich jedoch gegen Marias Tötung aus. Es ist spannend zu sehen, aus welch unterschiedlichen Interessen sie auf die unsichere, um ihr Ansehen besorgte Königin einzuwirken versuchen. Eine Entscheidung trifft sie noch nicht, sondern hofft vielmehr auf weitere Hilfe einer höheren Macht. „Mylords, ich hab nun eure Meinungen gehört und sag euch Dank für euren Eifer. Mit Gottes Beistand, der die Könige erleuchtet, will ich eure Gründe prüfen und wählen, was das Bessere mir dünkt.“
Derweil ist der junge Mortimer, Paulets Neffe, als überzeugter Katholik und Verehrer Maria Stuarts von einer Reise zurückgekehrt und möchte dem Objekt seiner Liebe zur Freiheit verhelfen. Diese setzt jedoch dabei auf den Grafen von Leicester, dem sie über Mortimer einen Brief überbringen lässt. Dem Grafen gelingt es immerhin, Elisabeth zu einem Treffen mit ihr im Park zu überreden. Es hat jedoch nicht den gewünschten Effekt, dass sie sich von Maria erweichen lässt. „Eine Stolze find ich, vom Unglück keineswegs geschmeidigt“, stellt Elisabeth überrascht fest, als sie ihrer Gegenspielerin ansichtig wird. Hochmut und Argwohn treffen auf Demut und Klagen, ein Wort gibt das andere, bis Maria die Herabwürdigungen nicht mehr erträgt und im Zorn ihre wahre Gesinnung offenbart. „Der Thron von England ist durch einen Bastard entweiht, der Briten edelherzig Volk durch eine list’ge Gauklerin betrogen. Regierte Recht, so läget Ihr vor mir im Staube jetzt, denn ich bin Euer König.“ Obwohl sie als emotionale Siegerin aus diesem Machtspiel herausgeht, ist ihr Schicksal damit besiegelt. Zumal auch noch wenig später ein Attentat auf Elisabeth verübt wird, mit dem Graf Leicester und Mortimer in Verbindung gebracht werden.
Erst hier, zum Ende des dritten Aktes, nimmt die Handlung Fahrt auf. Aber „Maria Stuart“ ist eh nichts für Liebhaber blutiger Shakespeare-Dramen. Hier stehen die inneren Konflikte der sittenstrengen Elisabeth und der von Leidenschaft bestimmten Maria im Vordergrund. Als der Graf von Leicester Elisabeths geplante Heirat beklagt, weil er sich selbst Hoffnungen gemacht hatte, schildert sie ihr Dilemma: „Ich darf ja mein Herz nicht fragen. Ach! Das hätte anders gewählt. Und wie beneid ich andre Weiber, die das erhöhen dürfen, was sie lieben. So glücklich bin ich nicht, daß ich dem Manne, der mir vor allen teuer ist, die Krone aufsetzen kann! – Der Stuart ward’s vergönnt, die Hand nach ihrer Neigung zu verschenken; die hat sich jegliches erlaubt, sie hat den vollen Kelch der Freuden ausgetrunken.“ Für die englische Herrscherin stehen zu ihrem eigenen Leid stets die Königspflichten über den eigenen Bedürfnissen.
Diese innere Zerrissenheit, die in dem vorangegangenen Zitat deutlich wird, vermittelt Barbara Ullmann hervorragend. Wenn man einmal über die Highlights ihrer Schauspielkarriere schreiben wird, wird man auf jeden Fall ihre Rolle als Elisabeth nennen. Sie verkörpert authentisch und differenziert die von Schiller sehr ambivalent und vielschichtig angelegte Figur. Man empfindet lange Zeit mehr Mitleid mit ihr als mit Maria, die ihren bewegendsten Auftritt erst bei der finalen Beichte hat. Das liegt nicht an der Darstellerin Sabine Brandauer, sondern an der Vorlage. Schiller lässt den Betrachter lange im Dunkeln über diesen ebenfalls komplexen Charakter.
Obwohl auch die männlichen Figuren alles andere als oberflächlich gestaltet sind, berühren selbst der hitzköpfige Jungspund Mortimer (Daniel Kröhnert wirkt etwas überambitioniert bei seinem Debüt in Trier) und der vorausschauende und nachsichtige Paulet (Peter Singer) nur wenig. Auch beim Baron von Burleigh (Klaus-Michael Nix) und dem Grafen von Leicester (Michael Ophelders) hält sich das Mitgefühl in Grenzen. Vielleicht liegt es aber auch an Frau Ullmanns makelloser Darbietung, dass es merkwürdig schwerfällt, die Leistung ihrer Kollegen zu bewerten.
Gerhard Weber geht bei der Inszenierung keine Experimente ein und verzichtet nahezu komplett auf historisierendes Beiwerk. Um deutlich unter drei Stunden zu bleiben, musste hier und da etwas gerafft und manche Figur gestrichen werden. Übertragungen auf aktuelle Ereignisse überlässt er der Fantasie der Zuschauer.
Gerd Friedrich hat entsprechend der Regie ein klares Bühnenbild geschaffen, damit vor allem die Protagonistinnen viel Raum zur Entfaltung haben. Palast und Gefängnis unterscheiden sich fast nur von den Sitzgelegenheiten. Der Kerker ist ein Kubus, der hochgezogen werden kann, sodass selbst, wenn die Handlung im Thronsaal spielt, darüber das Gefängnis schwebt. Wie tief die Gräben zwischen den beiden Frauen sind, veranschaulicht Friedrich hübsch bei deren Aufeinandertreffen im Park mit abgesenkten Bühnenteilen.
Einzig bei der Kleidung, die in der schlichten Kulisse besonders gut zur Geltung kommt, hat man sich an die Mode des ausgehenden 16. Jahrhunderts gehalten, in der das Stück spielt. Eine schöne Idee von Carola Vollath (Kostüme) sind die Portraitaufdrucke der historischen Vorbilder (oder wie im Fall des fiktiven Mortimers ein symbolisches Motiv), die einige Charaktere auf einem Umhang tragen. Auch wenn „Maria Stuart“ vor allem ein psychologisch und sprachlich reizvolles Drama ist, bekommt das Auge also ebenfalls etwas geboten.
Weitere Aufführungen im Oktober: Samstag, 15. Oktober, 19.30 Uhr; Dienstag, 18. Oktober, 20 Uhr; Freitag, 21. Oktober, 20 Uhr; Sonntag, 23. Oktober, 18 Uhr und Sonntag, 30. Oktober, 16 Uhr.
