Das vergessene Genie

Nein, nicht Caspar David Friedrich. Christian Wilhelm Ernst Dietrich heißt der Künstler, dem das Stadtmuseum ab Sonntag eine Sonderausstellung widmet. „Christian, wer?“ wird sich jetzt der ein oder andere fragen, der seine Wochenenden nicht in den Museen und Galerien dieser Welt oder mit der Lektüre von Kunstkatalogen verbringt. Dabei dürfte Dietrich im 18. Jahrhundert eine ähnliche Bedeutung gehabt haben wie Friedrich ab dem 19., als der Zeitgeist Ersteren schon wieder in Vergessenheit geraten ließ. Warum der gebürtige Weimarer einer der gefragtesten deutschen Künstler seiner Zeit war, seine Bekanntheit aber keinen Bestand hatte, beantwortet die Ausstellung „Nahe den Alten Meistern – C.W.E. Dietrich (1712-1774)“, die morgen um 11.30 Uhr eröffnet wird.

TRIER. „In der Ausführung seiner Werke herrscht sein reichhaltiges Genie“, heißt es im „Handbuch für Kunstliebhaber und Sammler“ aus dem Jahre 1796 über C.W.E. Dietrichs Œuvre. „Dietrich machet der deutschen Schule ebensoviel Ehre, als die allergrößten Meister von Europa den ihrigen gemacht haben. Man kann ohne Schmeichelei sagen, dass ein so allgemeines Genie, als er in der Malerei ist, gegenwärtig nirgends anzutreffen sei […]“, schwärmte Mattias Oesterreich, königlicher Galerieinspektor von Sanssouci. Das berühmteste Lob stammt von Johann Joachim Winckelmann, der als Begründer der wissenschaftlichen Archäologie und der Kunstgeschichte gilt: „Herrn Dieterich zu Dresden kenne ich sehr genau: es ist der Raphael unserer und aller Zeiten in Landschaften.“ Aber auch Dietrichs Darstellung von Menschen wurde sehr geschätzt. „In jüngeren, besonders weiblichen Figuren, ist seine Zeichnung richtiger und edler, sein Pinsel sanfter und sein Fleisch angenehmer als das Rembrandts“, urteilte der Historiker und Lexikograph Georg Meusel. „Genie“? „Raphael in Landschaften“?? Besser als Rembrandt??? Wieso ist Christian Wilhelm Ernst Dietrich trotz dieser Reputation im 18. Jahrhundert heute nahezu unbekannt?

Schon früh bewunderte man seine Vielseitigkeit und sein Vermögen, den Stil der Alten Meister nachzuahmen und mit seinem eigenen zu verschmelzen, wodurch dem Zeitgeschmack angepasste Interpretationen entstanden. Seine Vorliebe galt den niederländischen Künstlern des 17. Jahrhunderts. Das deckte sich mit dem Interesse zahlreicher bürgerlicher und fürstlicher Sammler, was zur Folge hatte, dass Originale auf dem Markt knapp wurden. Dies wiederum erhöhte die Nachfrage nach Grafiken und Gemälden in der Manier der favorisierten Meister. Gerade Dietrichs Arbeiten im Stil von Künstlern wie Rembrandt oder Adriaen van Ostade machten den Maler und Radierer, der schon mit 19 Jahren zum Hofmaler von August dem Starken ernannt wurde, bei seinen Zeitgenossen äußerst gefragt: „Dietrich hat zehn Maler im leibe“, schrieb 1762 der in Paris lebende Kupferstecher Johann Georg Wille über den befreundeten Kollegen.

So finden sich unter den entsprechenden Radierungen mit Landschaftsmotiven, Genredarstellungen und biblischen Themen, die das Stadtmuseum ab morgen zeigt, Angaben wie „Der Kurzwarenhändler (in Ostades Geschmack)“ oder „Die Kreuzabnahme (in Tizians Geschmack)“. Auf der „Großen Krankenheilung“ nach dem Motiv von Rembrandts „Hundertguldenblatt“, das darüber hängt, kann man schön erkennen, was Dietrichs Werke auszeichnet: Es ist zum einen die sehr hohe künstlerische Qualität, zum anderen die Einflüsse und der Geschmack der Zeit, die ihn zu einem eigenständigen Künstler machten. Er übernahm das Motiv, veränderte die Komposition etwas und ließ Christus buchstäblich in einem anderen Licht erscheinen. Rembrandt zeigt Jesus als göttlichen Erlöser, Dietrich zeigt ihn als Menschen. Er versuchte also, die Vorlage nach seinem Verständnis zu verbessern.

Diese Fähigkeit, sich andere Stile anzueignen und aus ihnen etwas Neues zu entstehen zu lassen, wurde ihm zu Lebzeiten nie als Mangel an Originalität ausgelegt. Im Laufe des 19. Jahrhunderts, als man mehr Wert auf nach eigenen Ideen erschaffene Kunst zu legen begann, änderte sich jedoch die Rezeption seiner Arbeiten. Während seine handwerklichen Fähigkeiten wohl nie infrage gestellt wurden, machte man ihm nun seinen Eklektizismus zum Vorwurf. „Er malte […] gleich dem amerikanischen Spottvogel, [der] über der Nachahmung aller möglichen fremden Stimmen und Manieren, zu singen vergass, wie ihm selber der Schnabel gewachsen“, kritisierte Julius Hübner, einer seiner Nachfolger an der Dresdner Kunstakademie.

Nach der erfolgreichen Ausstellung „Armut – Perspektiven in Kunst und Gesellschaft„, die mit Werken namhafter Künstler mehrere zehntausend Besucher anlockte, ist „Nahe den Alten Meistern – C.W.E. Dietrich (1712-1774)“ das zweite Kooperationsprojekt mit der Universität innerhalb weniger Wochen. Zwar steht diesmal kein Thema, sondern ein Künstler im Zentrum, doch ist der Anlass dieser Werkschau abermals die Präsentation einer Forschungsarbeit der Hochschule. Gezeigt werden überwiegend Druckgrafiken aus der Grafischen Sammlung des Fachs Kunstgeschichte, die in einer kleinen Auswahl im vergangenen Jahr schon in der Städtischen Galerie Schwalenberg zu sehen waren (Leitung damals wie heute: Dr. Stephan Brakensiek). Ergänzt werden sie durch Gemäldeleihgaben, die einen direkten Vergleich der beiden Kunstgattungen erlauben.

Museumsleiterin Dr. Elisabeth Dühr ging es bei der Entscheidung für die Sonderausstellung aber nicht nur darum, „wichtige Impulse von außen“ aufzunehmen. Sogar in der eigenen Sammlung befanden sich Arbeiten von Dietrich. Einen kleinen Bezug zum Haus gibt es also auch.

Eine Verbindung zu Trier herzustellen, ist schwieriger. Allenfalls eine Überleitung. Einer der Söhne von August III., unter dem Dietrich nach dem Tode von August dem Starken Hofmaler war, war Clemens Wenzeslaus, der letzte Kurfürst und Erzbischof von Trier. Anlässlich seines 200. Todestages im nächsten Jahr wird es unter anderem einen Vortrag mit Führung im Stadtmuseum geben.

Die Ausstellung „Nahe den Alten Meistern – C.W.E. Dietrich (1712-1774)“ dauert bis zum 26. Februar und kann dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr besichtigt werden. Dr. Stephan Brakensiek bietet am Dienstag um 20 Uhr eine erste Führung an.

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