„Durchaus auch eine kreative Herausforderung“
Um in den Entschuldungsfonds des Landes aufgenommen zu werden, mit dessen Hilfe vor allem Liquiditätskredite der beteiligten Städte und Gemeinden getilgt werden sollen, muss Trier im nächsten Jahr zusätzlich fünf Millionen Euro sparen. Besonders stark trifft dies das Trierer Theater. In der Lokalzeitung sagte Oberbürgermeister Klaus Jensen Anfang September, dass die Einrichtung vor „nachhaltigen Einsparungen“ stehe, „die wehtun“. Das rief die Theaterleitung auf den Plan. Denn nach dem Wegfall dreier Festivals und dem Aus der Antikenfestspiele will man weitere Einschränkungen nicht mehr kampflos hinnehmen. So startete am Mittwoch die Unterschriftenaktion „Gegen das Totsparen am Trierer Theater„. Am selben Tag erfuhr Intendant Gerhard Weber vom Stadtvorstand, um welche Summe es geht, die eingespart werden soll. Im nächsten Jahr soll das Haus mit bis zu einer Million Euro weniger auskommen. 16vor sprach mit Weber über die geplante Kürzung.
16vor: Zunächst einmal Gratulation zum Erfolg der „West Side Story“.
Gerhard Weber: Das freut mich. Dankeschön.
16vor: Sind Sie zurzeit gerne Intendant am Trierer Theater?
Weber: Jaja, mein Job beinhaltet ja nicht nur Genießen, sondern auch Kämpfen. Ich kämpfe auch gerne. Zwar nicht durchgehend, aber für ein lohnendes Ziel schon. In dem Fall für den Erhalt des Drei-Sparten-Theaters.
16vor: Alles begann damit, dass Herr Jensen vor zwei Wochen im Trierischen Volksfreund sagte, dass auf das Theater nachhaltige Einsparungen zukämen, die wehtäten. Wie war Ihre Reaktion, als Sie das gelesen haben?
Weber: Ich meinte es so verstehen, dass vonseiten des OBs ein Versuchsballon hochgelassen wurde, um zu testen, wie die Theaterleitung darauf reagieren würde. Wir haben adäquat darauf reagiert, indem wir unmissverständlich zu verstehen gegeben haben, dass wir für das Theater kämpfen werden – gleichwohl aber an den Einsparungsplänen mitarbeiten werden. Wir dürfen jedoch nicht an der Substanz dieses Hauses rütteln.
16vor: Wie kann das funktionieren?
Weber: Es gibt dafür verschiedene Pläne. Und es gibt verschiedene Zeiträume, in denen Einsparungen vorgenommen werden können. Mittelfristig wird sich auch strukturell etwas am Theater ändern müssen. Dann werden aber auch erst diese Einsparungen greifen können. Ich sehe das durchaus auch als kreative Herausforderung, dieses Haus für die nächsten Jahre zukunftssicher zu machen. Da kann man auf den großen Erfolg der „West Side Story“ verweisen – in einer Halle, bei der ich zunächst angenommen habe, dass sie ein eher konservatives Publikum nicht annehmen würde. Man sieht daran, dass der Geruch des Anderen und ein richtig guter gastronomischer Service, den wir im Theater nicht haben, erheblich Zuschauer ziehen können. Daraus kann man lernen, inwieweit wir in Zukunft in eine andere Halle investieren müssten, aber langfristig Geld sparen könnten, wenn wir eben dort wie in der Bobinet-Halle en suite (Anm. d. Red.: „in Folge“, „nacheinander“) spielen würden. Dadurch könnten wir viele technische Arbeitskräfte sparen und gleichzeitig auch im Haus en suite spielen. Das bringt schon erhebliche Einsparungen ein.
Es würde auch überregional unser Profil schärfen, wenn wir eine zweite Spielstätte hätten. Darin könnte man auch mal ein großes Schauspiel oder eine Oper machen. Da geht das Publikum offensichtlich mit.
16vor: Gibt es schon Ideen für solch einen zweiten Spielort?
Weber: Noch nicht. Aber Sie wissen, wir sind da sehr findig. Sonst wäre in der guten Zusammenarbeit mit der EGP auch die Sache mit der Bobinet-Halle nicht entstanden. Die Nutzung anderer Spielorte ist mittlerweile ein Markenzeichen von uns geworden. Unser Hauptziel ist aber natürlich, das Haus am Augustinerhof zu erhalten und zu stärken, denn das Gros des Publikums geht gerne hierhin.
16vor: Der Etat des Theaters liegt bei 14,5 Millionen Euro. 7,2 Millionen kommen von der Stadt. 2012 soll es bis zu einer Million Euro weniger sein. Was kann das Theater kurzfristig machen, um mit dem verminderten Budget auszukommen?
Weber: Daran arbeiten wir zurzeit. Die Theaterleitung wird Vorschläge erarbeiten, die relativ schnell auf den Tisch den Dezernenten kommen müssen, weil sie in die laufenden Haushaltsberatungen eingebracht werden müssen. Wir haben nicht sehr viel Zeit. Das hängt auch damit zusammen, dass die genauen Einsparwerte erst in den letzten Tagen von der Stadt ermittelt wurden.
Wir werden auch in erheblichem Maße unsere Mitarbeiter miteinbeziehen. Mit der Aufforderung, auch in ihrem Interesse und ihrem Bereich Einsparmöglichkeiten vorzuschlagen, die wir in der Theaterleitung möglicherweise gar nicht erkennen würden. Und dann kämen noch die bereits erwähnten Änderungen im strukturellen Bereich hinzu. „Verbesserungen“ würde ich das sogar nennen.
16vor: Würde dazu auch gehören, dass man sich von Mitarbeitern trennt?
Weber: Ich bin dafür, dass wir die personelle Substanz dieses Hauses erhalten. Wenn wir sehen, dass da Einsparmöglichkeiten sind, wird man nicht drum herumkommen, das zu diskutieren. Mir ist als künstlerischer Leiter sehr daran gelegen, mit dem künstlerischen Personal weiterhin gutes Theater machen zu können. Noch schmaler können wir im Angebot nicht werden. Das ginge sofort auf die Qualität diese Hauses und auf die Zuschauerzahlen.
16vor: Können mit dieser Kürzung die drei Sparten Schauspiel, Musiktheater und Tanztheater erhalten bleiben?
Weber: Das ist für mich nicht fassbar. Denn wir haben solche Einsparmaßnahmen noch nicht durchführen müssen. Ich habe keine Erfahrung darin – niemand von uns, weder im städtischen Bereich noch bei uns im Verwaltungsbereich. Wir hoffen inständig, dass wir für dieses Theater nicht bis zum äußersten Kampf gehen müssen und dass das Haus in seiner Substanz unbeschädigt daraus hervorgeht. Vielleicht sogar auch gestärkt.
16vor: Ihr Vertrag läuft bis 2015. Könnten Sie sich vorstellen, unter den aktuellen Umständen ihr Engagement in Trier vorzeitig zu beenden?
Weber: Das kann ich mir nicht vorstellen. Dafür bin ich dem Haus zu sehr verbunden. Es ist auch mein persönlicher Ehrgeiz, dieses Haus durch diese vielleicht schwerste Krise gestärkt hindurchzuführen.
