Shakespeares „Sommernachtstraum“ als Solo-Stück
„Die Handlung ist schwierig zu erzählen“, räumte Rufus Beck am Samstagabend gleich zu Beginn seines Auftritts im Kurfürstlichen Palais ein. Genau das war jedoch die Aufgabe des erfolgreichen Schauspielers und Hörbuchsprechers: Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ mündlich wiederzugeben. Die Schwestern Anna und Ines Walachowski spielten dazwischen vierhändig auf einem Flügel Felix Mendelssohn Bartholdys Theatermusik zu der Komödie. Eine Einheit wollte nicht so recht daraus werden.
TRIER. Hermia liebt Lysander und umgekehrt. Egeus möchte seine Tochter aber lieber mit Demetrius vermählt sehen und klagt sein Leid dem Herzog Theseus, der kurz vor der Hochzeit mit Hippolyta steht. Demetrius liebte einst Helena, hat sich nun aber Hermia zugewandt. Theseus stellt sie vor die Wahl, entweder jenen zu heiraten oder ins Kloster oder in den Tod zu gehen. Lysander und Hermia beschließen, in den Wald zu fliehen, weihen aber die vermeintliche Freundin Helena in ihren Plan ein. Aus Liebe zu Demetrius erzählt sie ihm davon, der sofort die Verfolgung des Paares aufnimmt.
Im Wald herrschen übernatürliche Mächte. Der Elfenkönig Oberon beauftragt seinen Diener Puck, eine bestimmte Pflanze zu suchen. Diese hat eine besondere Wirkung: Träufelt man deren Nektar einem Schlafenden auf die Lider, verliebt er sich in die Kreatur, die er als erstes sieht, sobald er seine Augen öffnet. Mit dieser Prozedur plant Oberon, seine Gemahlin Titania, mit der er sich gestritten hat, hereinzulegen.
Lysander und Hermia haben sich derweil im Wald verlaufen, Demetrius und Helena sind ihnen auf den Fersen. Oberon hat das Liebesdrama der vier mitbekommen und möchte helfen. Demetrius‘ Gefühle für Helena, die er rüde behandelt, sollen wieder entflammt werden. Puck erhält von seinem Meister den Auftrag, den Zaubernektar auf die Augendeckel von Demetrius zu träufeln und dafür zu sorgen, dass er als erstes Helena zu Gesicht bekommt. Der Schalk verwechselt aber die beiden Herren miteinander und Lysander bekommt die Dosis ab, die für seinen Widersacher bestimmt war. Helena stolpert über Lysander, sodass er davon aufwacht und sofort in sie verliebt ist.
Im Wald probt auch eine Laienschauspielgruppe für Theseus‘ Hochzeit. Der stets zu Streichen aufgelegte Puck zaubert dem allürenhaften Hauptdarsteller Zettel einen Eselskopf an. Das Schicksal beziehungsweise Shakespeare will es, dass die mit der Liebesdroge behandelte Titania aufwacht und den Pseudo-Kentaur erblickt und ihm verfällt. Oberon ist amüsiert. Als er jedoch den Irrtum bei den Liebespaaren feststellt, korrigiert er sämtliche Fehlkonstellationen, sodass es ein Happy End geben kann.
Klingt verwirrend, ist es auch, weil eben in dem Schauspiel mehrere Ebenen ineinander verschachtelt sind. Noch komplizierter wird es, wenn das Stück nicht von mehreren Darstellern, sondern nur von einem einzigen gespielt wird. Ohne Vorkenntnisse wird es schwierig, der Handlung zu folgen.
Rufus Beck betritt die Bühne erst nach der langen Ouvertüre, die Felix Mendelssohn Bartholdy bereits mit 17 Jahren geschrieben hat (die komplette Theatermusik zu „Ein Sommernachtstraum“ vollendete er erst fast 17 Jahre später). Der Film-, Fernseh- und Theaterschauspieler mit der Stromschlagfrisur trägt einen dunklen Anzug, darunter eine grauenhafte Kombination aus einem himmelblauen Seidenhemd und einer Krawatte von gleicher Farbe und Beschaffenheit. Sein Souffleur ist ein Laptop vor seinen Knien.
Becks Vortrag im Rahmen des „Mosel Musikfestivals“ ist eine Mischung aus Nacherzählung und Dialogen. Es ist nicht die Sprache Shakespeares oder die der ersten deutschen Übersetzer, in der er die Handlung wiedergibt. Die 200 Besucher im schnell sich aufheizenden Rokokosaal des Kurfürstlichen Palais‘ bekommen eine sehr lockere bis saloppe, modernisierte und mit Beziehungsklischees und zahlreichen Zitaten angereicherte Version des über 400 Jahren alten Lustspiels geboten. Beck vergleicht den Choleriker Demetrius mit Uli Hoeneß und lässt Helena bayrisch sprechen und die Protagonisten Baggy Pants und Gesäßtattoos tragen. Zudem dürfen in seiner Adaption die Hollywood-Helden Rocky („Ich liebe dich, Helena“; imitiert dabei Stallones schiefen Mund) und E.T. („Nach Hause“; ahmt die Zeigefingergeste des Außerirdischen nach) mitwirken.
So richtig will das nicht zu Mendelssohn Bartholdys romantischer Zaubermusik, zu dem wunderschön finsteren „Notturno“ oder dem feierlichen „Hochzeitsmarsch“ passen. Das Hauptproblem aber, warum aus dem Klavierspiel der exzellent harmonierenden Anna und Ines Walachowski und Becks Vortrag keine Einheit wird, ist die Kombination von beiden. Bis auf den Schluss erfolgen Text und Musik abwechselnd. Dadurch kann sich die dramaturgische Wirkung nicht vollständig entfalten. Es ist wie Filmusik ohne die bewegten Bilder dazu. Allerdings wäre eine synchrone Darbietung auch wesentlich schwieriger, da Beck die Geschichte dann der musikalischen Stimmung anpassen müsste. Dabei ließe sich wohl nicht mehr der Improvisationscharakter seines Vortrages aufrechthalten. Und die Aufführung würde anstatt der knapp zwei Stunden nur die Hälfte dauern.
