„Sie meinen es ja gut“
Wer Spaß an Travestie, Klamauk und Menschen in 80er-Jahre-Mode, also eher an physischer Komik hat, der kam am Wochenende in der Tufa voll auf seine Kosten. Während im Großen Saal die „SCHMIT-Z-Family“ mit der Komödie „Mode, Murks, Moneten“ eine bunte Klamottenschlacht bot, zeigte das Neue Theater Trier im Kleinen Saal Christopher Durangs Groteske „Steh auf, Daisy! Das Kind mit dem Bade“. 16vor hat sich das Stück der Studentengruppe angeschaut.
TRIER. Betrunkene und Verrückte sind schwer zu spielen. Rollen wie der liebenswerte Draufgänger McMurphy in „Einer flog über das Kuckucksnest“ (Jack Nicholson), der Joker in „Batman“ (Jack Nicholson), der Ferienhausmeister in „Shining“ (Jack Nicholson) oder der kannibalische Serienmörder in „Das Schweigen der Lämmer“ (Anthony Hopkins) wurden nicht zufällig mit großen Charakterdarstellern besetzt.
Umso mehr nimmt es wunder, dass das 1983 uraufgeführte Stück „Steh auf, Daisy! Das Kind mit dem Bade“ (Originaltitel: „Baby with the Bathwater“) des in den vergangenen beiden Jahrzehnten in Vergessenheit geratenen Dramatikers Christopher Durang besonders bei studentischen Theatergruppen beliebt ist. Die Zwischentöne und die komplexen Charaktere stellen hohe Ansprüche an die Schauspieler.
Auf der anderen Seite bietet die Komödie je nach gestalterischem und darstellerischem Potenzial die Möglichkeit, mehr Satire oder mehr Farce auf die Bühne zu bringen. In der Inszenierung von Lisa Höpel, die auch die weibliche Hauptrolle spielt, und David Ullrich, der die Figur Daisy verkörpert, geht die wegen der Absurdität und des Nonsens ohnehin schon schwer vermittelbare Kritik an bestimmten Formen der Kindeserziehung in der fast alles überlagernden Hysterie unter. Hauptsächlich sorgen die grotesken Situationen und Äußerlichkeiten wie Kostüme und Requisiten für die Unterhaltung der überwiegend Angehörigen und Kommilitonen im proppevollen Kleinen Saal der Tufa.
Die Harmonie unter den verzückt vor der Wiege ihres Neugeborenen stehenden, jungen Eltern John (rührend im berauschten Zustand: Christian Dominik Marx) und Helen (wunderbar aufbrausend: Lisa Höpel) währt nicht einmal so lange, wie das Einleitungsstück „What a wonderful world“ dauert. Es kommt zu Spannungen, weil er ihren „süßen Wonnekloß“ „Papis kleine Bratkartoffel“ nennt.
Das Paar ist bereits überfordert, als das Baby, das noch keinen Namen hat, weil die Eltern sich noch nicht über das Geschlecht einig sind, zu schreien beginnt. Aus dem Nichts taucht die nymphomane, derbe, aber wie Mary Poppins gewandete Nanny (David Koppelberg) auf, die das weinende Kind, nachdem sie es auf sanfte Weise nicht zu beruhigen vermochte, mit einem gereizten „Halt’s Maul!“ zum Schweigen bringt. Während die Nanny Helen zum Schreiben eines Romans inspiriert und damit beschäftigt hat, verführt sie John.
Einzig Marla (Sabine Lippert), die nach Belieben heimlich in deren Wohnung ein- und ausgeht, kümmert sich liebevoll und zunächst unbemerkt um das Kind – ihres hat ihr hungriger Schäferhund gefressen. Als sie entdeckt wird, erzählt sie ihre Geschichte („Ich habe keine Möbel und bin doch erst 14“) und legt sich dann wie selbstverständlich zu allen anderen zum Schlafen ins Bett. Am nächsten Morgen beschließt sie, einen Traum aus der Nacht umzusetzen und mit dem fremden Kind an die Nordsee zu reisen. Als die Eltern sie daran zu hindern versuchen, entführt sie das Baby. Bis hierhin sind gerade einmal 20 Minuten vergangen.
In der nächsten Szene, der stärksten, weil beklemmendsten und am besten herausgearbeiteten Passage des Stücks, ist Daisy, so heißt das Kind inzwischen, wieder bei der Mutter. Mit zwei anderen Müttern sitzt Helen auf einer Parkbank und beobachtet den Nachwuchs. Während die anderen beiden sich zumindest oberflächlich um die Unversehrtheit der Kinder sorgen und übertrieben zur Vorsicht beim Spielen mahnen, bringt es die Protagonistin nicht einmal aus der Fassung, als Daisy vor einen Bus läuft. Es langweilt Helen inzwischen, erklärt sie ihren Banknachbarinnen, weil ihr Kind schon mehrfach versucht habe, sich auf diese Weise umzubringen, die Busse aber jedesmal rechtzeitig bremsten. Als sie alleine sind, diskutieren die beiden Frauen (sehr überzeugend: Isabelle Gauer und Kristin Bergmann-Warnecke), ob sie etwas wegen des Vorfalls unternehmen sollen, belassen es aber dabei.
Die eitle, überdrehte Direktorin (Anna Janßen) an Daisys Schule sieht ebenfalls keinen Anlass, dem gefährdeten Kind zu helfen, als die Lehrerin (Nauka Bergmann) ihr einen Aufsatz vorliest, in dem Daisy ihre Suizidabsicht und die Gründe dafür schildert. Stattdessen empfiehlt sie, deren Schreibtalent zu fördern.
Schließlich bekommen die Zuschauer auch noch Daisy zu sehen. Er (David Ullrich) ist inzwischen 18 und macht eine Therapie. Diese erinnert mehr an ein Verhör in einem Keller eines undemokratischen Landes als an ein Gespräch in einer wohnlichen Praxis. Obwohl er seine Situation und das Verhalten seiner Eltern reflektieren kann („Sie sind nicht schlecht, höchstens psychisch gestört. Aber sie meinen es ja gut.“), verhilft ihm erst ein Zufall, ein eigenständiges, „normales“ Leben zu beginnen und seine traumatische Erziehung hinter sich zu lassen. In jeder Hinsicht räumt Daisy mit seiner Vergangenheit auf.
In knapp zwei Stunden Aufführungsdauer sind 25 Jahre im Leben der neurotischen Kleinfamilie vergangen. Das hohe Tempo ist das größte Manko des Stücks. Denn je nach Fähigkeit der Schauspieler bleiben die Figuren der fragmentarischen „Handlung“ mehr oder weniger oberflächlich. Das größte Manko der Inszenierung ist die Besetzung der Nanny durch einen Mann. Die Aufführung erhält dadurch zum Einen eine volkstheatermäßige, travestiehafte Note und zum Anderen hat es einen abschwächenden Effekt auf das Identitätsthema bei Daisy.
Dem Erscheinungsbild abträglich ist die Maske. So ist Christian Dominik Marx anfangs geschminkt wie fürs „Wave-Gotik-Treffen“, das am Wochenende in Leipzig stattfand. Um optisch zu verdeutlichen – man unterschätzt hier offenbar die Phantasie der Zuschauer –, dass am Ende alle ein Vierteljahrhundert älter sind, bekommen Marx und Lisa Höpel als Falten braune Striche mit Fastnachtsschminke auf die Stirn gemalt. Es ist ein Stigma des Laientheaters.
Weitere Aufführung am 18. Juni um 20 Uhr in der Tufa.
