Ganz neue Töne in Triers Westen

Viel zu oft ist Musikunterricht ein Privileg für Kinder und Jugendliche aus Besserverdiener-Haushalten. Dass es auch anders sein kann, zeigt jetzt die Grundschule Pallien im Westen der Stadt. Benachteiligte Jungen und Mädchen haben hier die Möglichkeit, ein Instrument zu erlernen – und machen rege davon Gebrauch. Langfristig soll eine musikalische Infrastruktur etabliert werden, die vom Kindergarten bis zur weiterführenden Schule reicht und den Kindern des Stadtteils so kulturelle Teilhabe ermöglicht. Die Resonanz ist enorm und überraschte auch die Initiatoren des Projekts, die sich allerdings keine Illusionen über den wahrscheinlichen Langzeiteffekt des Angebots machen. Doch wenn nur einige wenige Schüler auch nach ihrem Abgang von der Schule noch Musik machen, wäre dies schon ein großer Erfolg.

TRIER-WEST. In einem Halbkreis aus kleinen Holzstühlen hat sich die Klarinettengruppe um ihren Lehrer versammelt. „Wir versuchen jetzt, alle gemeinsam ein C zu spielen“, sagt er und zählt den Takt an. Aus dem Nichts heraus fängt ein Junge an „You’re my Heart, You’re my Soul“ zu singen. Die Gruppe lacht laut, die Konzentration ist hin. „Du kannst das Lied ruhig zu Ende singen“, sagt der Musiklehrer, lächelt und wartet ab. Eine Drittklässlerin kneift den Jungen in die Seite: „Sei still jetzt“, schärft sie ihm ein, „der Mann ist hier, um uns Klarinette spielen beizubringen, und das kann er nicht, wenn wir die ganze Zeit Quatsch machen.“ Der Junge schaut kurz betreten und sieht es dann ein. Sie machen sich wieder auf die Suche nach dem C, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg.

Seit dem Herbst vergangen Jahres ist donnerstags Musiktag in der Grundschule Pallien. Im Keller proben die Blechbläser, im Erdgeschoss die Klarinetten, im ersten Stock die Querflöten. Kinder, die sonst nicht in Berührung mit musikalischer Erziehung kommen würden, haben hier die Möglichkeit, ein Instrument zu erlernen. Für die kleine Grundschule in Triers Westen ist das Angebot ein Novum. Förderlehrerin Hiltrud Kleinsorge-Zeimet koordiniert das Projekt und weiß, wie es um die Wahrnehmung des Stadtteils steht, der oftmals mit dem Etikett „Sozialer Brennpunkt“ abgestempelt wird. Wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder auf andere Schulen in anderen Stadtteilen. Zurück bleiben die, die nicht weg können. Mit dem Musikprojekt will man sie durch Teilhabe an Kultur heranführen; wohl wissend, dass dieser Weg den meisten sonst wohl verschlossen bleiben würde.

Dabei sind es gerade die Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen und den sogenannten bildungsfernen Schichten, die besonderer Förderung bedürften. Und wenn es nach den Initiatoren des Projekts geht, ist der positive Einfluss von musischer Bildung auf die Entwicklung der Kinder gar nicht hoch genug einzuschätzen: Selbstbewusstsein, Durchhaltevermögen, Teamfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Lernfähigkeit – die Liste liest sich wie ein Anforderungskatalog für die Arbeitnehmer von morgen.

Ob die Grundschüler darüber nachgedacht haben, als sie sich für die Teilnahme entschieden, weiß man nicht. Etwas wird sie aber dazu bewogen haben, sich zahlreich anzumelden: In der dritten und vierten Klasse macht mehr als die Hälfte der Schüler mit. „Die Resonanz der Kinder war und ist überwältigend“, erklärt Kleinsorge-Zeimet. Frustrierend sei hingegen, wie wenig Interesse manche Eltern an der Aktivität ihrer Kinder zeigten, räumt sie offen ein. Sie kennt die familiären Hintergründe und weiß, dass viele der Kinder nach Schulschluss in ein überfordertes Elternhaus zurückkehren, in dem sie weder Rückhalt noch Fürsorge erfahren. Kleinsorge-Zeimet weiß auch von Müttern zu berichten, deren Bestärkung im besten Falle darin besteht, ihre Töchter zur Teilnahme an Castingshows anzuhalten. „Das sind Defizite, die wir als Schule überhaupt nicht auffangen können“, erklärt sie. „Unsere einzige Chance ist, den Kindern im Rahmen unserer Möglichkeiten mit Angeboten wie dem Musikprojekt Perspektiven aufzeigen“.

Ein Rahmen, der knapp bemessen ist: Die Proben finden nur einmal wöchentlich statt, manchmal probt die Förderlehrerin in ihrer Freizeit mit den Kindern, damit wenigstens einmal geübt wird. Ihr ist es zu verdanken, dass ein Projekt wie dieses an die Grundschule Pallien gekommen ist. „Die Initiative soll kein einmaliges Strohfeuer sein, sondern langfristig in die bestehenden Strukturen des Stadtteils eingebettet werden“, erklärt sie. Ziel ist es, in Pallien ein musikalisches Begleitangebot vom Kindergarten bis zur weiterführenden Schule zu etablieren – im besten Fall die Basis für eine lebenslange Beschäftigung mit Musik. Um dieses Ziel zu erreichen, ziehen viele Organisationen an einem Strang: Der Landes- und Kreismusikverband, die städtische Musikschule und der Musikverein Pallien. Im weiteren Projektverlauf wollen die Institutionen noch stärker ineinander greifen, die Kinder sollen ihr Instrument dann auch im Musikverein weiterspielen können, wenn sie die Grundschule verlassen haben. Große Illusionen über die Reichweite des Projektes hegen die Verantwortlichen dabei allerdings nicht: „Wenn von den zwanzig Kindern später zwei ihr Instrument fortführen, dann ist das ein Erfolg“, sagt Kleinsorge-Zeimet.

Nach der Probe poltern die Dritt- und Viertklässler durch die Flure, lautstark wie eh und je. Wunder erwartet im Kollegium niemand von dem Musikprojekt. „Aber wir merken, dass diese Aktivität Balsam für die Seelen der Kinder ist“, sagt eine Lehrerin. „Sie sehnen sich so sehr nach Bestätigung und Erfolgserlebnissen, in der Musik finden sie beides.“

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2 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Peter Stablo schreibt:

    Ich wundere mich über das Wundern der Initiatoren ob des Erfolges …
    sei es drum, das Recht auf kulturelle Teilhabe sollte Grundrecht sein, aktiv und auch passiv – wie zB das Wahlrecht…
    – dann würden sich noch mehr „wundern“….

  2. Petra Frick schreibt:

    Hut ab , Frau Hiltrud Kleinsorge-Zeimet !!

    Schön das hier, wenigstens verschiedene Organisationen an einem Strang ziehen !!

    Liebe Grüße

    P. Frick

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