Für angehende Berufsmusiker ein Glücksfall

Die Jazzband am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium ist ein Traditionsbetrieb: Seit 27 Jahren ist die Gruppe ein Sammelbecken für spielfreudige Jungmusiker. Vor wenigen Monaten hat sie ihre zweite CD „Second Half“ veröffentlicht. Der Musiklehrer Bernhard Nink leitet die Formation seit über zwanzig Jahren nach einem einfachen Prinzip: Die Kleinen lernen von den Großen. Bedroht sieht der Lehrer Projekte wie die Jazzband nicht durch eine desinteressierte Jugend, sondern durch bildungspolitische Entscheidungen: „Unter G8-Bedingungen wäre unsere Arbeit nicht möglich“.

TRIER. Ein Montagmittag vor dem Friedrich-Wilhelm-Gymnasium: Schüler drängeln sich lautstark an der Bushaltestelle, es wird geschrien und geschubst. Während für viele endlich der freie Nachmittag beginnt, gibt es ein paar wenige, die freiwillig länger in der Schule bleiben. Man hört sie, bevor man sie sieht. Wenn sie im Keller unter dem Sekretariat in ihre Standards einsetzen, pfeifen sogar Lehrer auf den Fluren mit und schnipsen im Takt. Immer montags treffen die rund zwanzig Schüler der FWG-Jazzband zur Probe. Manchen sieht man die sechs Stunden Unterricht an, die sie schon hinter sich haben, für andere geht es danach noch weiter: „Jetzt kommen noch vier Stunden“, stöhnt ein resignierter Trompeter beim Rausgehen. „Vergesst nicht, eure Sachen wegzuräumen“, ruft der Dirigent in die verschwindende Schülerschar. „Stellt ein paar Stühle zusammen“, und leiser, eigentlich nur noch zu sich selbst: „Klappt doch wenigstens die Notenständer zusammen“.

Bernhard Nink ist Musiklehrer am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium und leitet seit über zwanzig Jahren die Geschicke der schuleigenen Jazzband, die 1984 von seinem Kollegen Ansgar Marx gegründet wurde. Die Dixieland-Spielweise, ein Akzent des Gründervaters, hat Nink über all die Jahre beibehalten: „Wir sind keine Bigband, wir funktionieren völlig anders“, erklärt er. „In unserer Jazzband verkommt kein Instrument zur reinen Begleitung, für jedes Instrument gibt es eigenständige und anspruchsvolle Parts und Soli.“ Vielstimmigkeit und niveauvolle Improvisationen sind zum Merkmal der Band geworden, die sich in über 500 Auftritten längst auch außerhalb des Schulhofs ihr Renommée erspielt hat.

Man lädt sie zu offiziellen Terminen ein, an der Universität, in der Stadt, bei Festakten – es gibt aber auch spezielle Termine, die den jungen Musikern in Erinnerung bleiben. „Als wir nachmittags in einem Altenheim gespielt haben, haben die Leute getanzt“, erinnert sich Christine, eine Abiturientin, die in der Band Klarinette spielt. Sie wird demnächst an Musikhochschulen vorspielen, um das Instrument zu ihrem Beruf zu machen. Damit ist sie kein Einzelfall: Unter den zahlreichen Schülern, die während der letzten Jahrzehnte in den Reihen der Jazzband saßen, waren auch Talente, die es weit in ihrem Fach gebracht haben: Der Improvisationskünstler Simon Rummel zum Beispiel, der im Mai diesen Jahres mit dem Robert-Schuman-Preis ausgezeichnet wurde. Ein Schüler, an den Nink sich gerne erinnert. „Er war ein Hochbegabter, schon damals. Nicht nur in musikalischer Hinsicht“.

Für angehende Berufsmusiker wie Christine ist die Jazzband ein Glücksfall. Sie konnte in den vergangenen Jahren reichlich Bühnenerfahrung sammeln und sieht auch deshalb ihrer Aufnahmeprüfung gelassen entgegen. Wie sie lernen auch die anderen Bandmitglieder nicht nur Bühnenpräsenz, sondern auch musikalische Expertise auf hohem Niveau: Gehörbildung, Harmonielehre und Improvisation, die Königsdisziplin im Beherrschen eines Instruments. Für diesen Zweck stellt Bernhard Nink sein Wohnzimmer in Heiligkreuz zur Verfügung. Zweimal pro Woche treffen sich Schüler im kleinen Kreis bei ihm zu Hause und feilen an ihrer Improvisationstechnik.

Der Beginn des neuen Schuljahres hat wieder viele Neulinge in die Reihen der Band gespült. „In Ausnahmen sind das schon Fünft- oder Sechstklässler“, sagt Nink. In der Regel erreichten Schüler allerdings erst ab der neunten Klasse das spielerische Niveau, ab dem es Sinn mache, in einer Jazzband zu spielen. „Es gibt einen gewissen Schwierigkeitsgrad, den ich nicht unterschreiten möchte.“

Musikalische Perfektion wird nicht von den Neuzugängen verlangt, wohl aber der Wille zum Lernen: „Wenn jemand neu dazukommt, spielt er am Anfang vielleicht nur fünf Prozent der Töne mit“, erzählt der Lehrer. Nach ein paar Wochen seien es dann schon zehn Prozent, am Ende des Schuljahres sogar die Hälfte. „Und wenn das nächste Halbjahr beginnt, sitzt wieder jemand Kleineres daneben und fängt bei fünf Prozent an.“ Die Kinder wachsen hinein – oder eben nicht. „Manchen reicht es ein Leben lang, nur bei den Tutti mitzuspielen.“ Die Anderen, die Leidenschaftlichen, die es wirklich ernst meinen mit ihrem Instrument, nimmt er unter seine Fittiche – auch wenn sich die Mühen oft erst nach Jahren auszahlen.

So wie bei einem Jungen, der in der fünften Klasse auf seinen Steckbrief geschrieben hatte: „Alter: 11 Jahre. Berufswunsch: Jazz-Pianist“. „Das hat mich damals ungemein beeindruckt“, erinnert sich Nink. Er behielt das Kind im Auge und lud es zwei Jahre später zu einer Probe der Jazzband ein. Dort stellte sich heraus, dass es mit seiner Improvisationsgabe nicht so weit her war, wie man sich das erhofft hatte. Nink gab ihn trotzdem nicht auf. „Über Jahre nahm er Unterricht und übte, und irgendwann ist der Groschen dann gefallen. Heute ist er ein ganz herausragender Jazz-Pianist. Er hat eben einfach seine Zeit gebraucht.“

Während seiner drei Jahrzehnte als Lehrer hat Nink Generationen von Schülern aufwachsen sehen, zu Kulturpessimismus lässt er sich allerdings nicht hinreißen. „Die Kinder von heute sind nicht schlechter oder anders als die in den Siebzigern.“ Auch der musikalische Nachwuchs bereite ihm keine Sorgen. „Diejenigen, die ein Instrument erlernen wollen, nehmen sich die Zeit, auch heute.“ Eine andere Entwicklung, die in seinen Augen Projekte wie die Jazzband gefährden könnte, sieht er mit umso größerer Sorge: „G8 – das wäre ein Schlag ins Kontor. Unter solchen Umständen wäre ein Projekt wie die Jazzband nicht mehr möglich.“ Wenn Schüler bis vier Uhr nachmittags strammen Unterricht hätten, könne man danach nicht noch von ihnen verlangen, konzentriert an einer Probe mitzuwirken – ungeachtet der Tatsache, dass dann auch noch Hausaufgaben zu erledigen wären.

In fünf Jahren wird Bernhard Nink regulär pensioniert werden. Wie es danach für die traditionsreiche Jazzband weitergeht, ist unklar. Der Musiklehrer setzt seine Hoffnungen auf den Nachfolger, ohne ihm Vorschriften machen zu wollen. „Was nach mir kommt, hängt ganz vom Geschmack des neuen Lehrers ab, ich will mich da nicht einmischen.“

Frustration spürt er selten in seinem Beruf, eigentlich nur, wenn er dabei zusehen muss, wie Potenzial ungenutzt im Sande verläuft. Zwar gebe es heute, vor allem für Kinder aus einkommensschwachen Haushalten, vielfältige Möglichkeiten, sich fördern zu lassen, zum Beispiel durch eine Anschubfinanzierung für Unterricht und kostenlose Leih-Instrumente. „Wenn ich dann aber Kinder mit Talent und Fleiß sehe, deren Eltern sich überhaupt nicht dafür interessieren, was sie tun, tut mir das Leid“, sagt Nink. „Junge Menschen, denen diese wichtige Bestätigung fehlt, schaffen es oft nicht, sich über einen längeren Zeitraum selbst zu motivieren.“ Für den Musiklehrer sind das Rückschläge, die dazugehören. „Wenn von zehn Kindern sieben im Lauf der Jahre aufhören, dann ist das natürlich schade um die sieben. Für mich sind aber die drei, die dabei bleiben, der Erfolg, für den sich die ganze Sache lohnt.“

Nächste Gelegenheit, die Band live zu hören, ist beim Partnerstädtefestival am Samstag um 11 Uhr am Hauptmarkt.

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1 Leserbrief | RSS-Abo

  1. Florian Gläser schreibt:

    Ich war 1978 in der Sexta und Bernhard Nink hatte gerade am FWG angefangen. Ich finde es sehr beeindruckend, wie er über so viele Jahre seine eigene Motivation, seinen Blick auf die Schüler und sein Selbstverständnis als Lehrender und „Bildender“ aufrecht erhalten hat. Kompliment!!

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