„Schreiben ist Küssen mit dem Kopf“

Am Donnerstagabend feierte „Gut gegen Nordwind“, das auf Daniel Glattauers gleichnamigem Bestsellerroman beruht, im Studio des Theaters Trier eine erfolgreiche Premiere. Dem Team um Regisseur Werner Tritzschler ist es gelungen, die seichte E-Mail-Liebesgeschichte um Emmi Rothner (Vanessa Daun) und Leo Leike (Jan Brunhoeber) kurzweilig und stellenweise sogar innovativ für die Bühne zu adaptieren.


TRIER. Emmi Rothner möchte per E-Mail ihr Abonnement der Zeitschrift Like kündigen. Statt der Kündigungsbestätigung bekommt sie jedoch eine launische Antwort von Leo Leike – im Adressfeld hatte sich ein Buchstabendreher eingeschlichen. Aus dem anfänglichen Geplauder entwickelt sich ein vertraulicher Kontakt mit manchmal beißend-sarkastischer, bisweilen aber auch rührend-romantischer Knisterstimmung. Der frisch verlassene Mittdreißiger Leo projiziert all seine im „wahren Leben“ unbefriedigten amourösen Bedürfnisse in die Online-Bekanntschaft, während die (angeblich) glücklich verheiratete Emmi von den Formulierungen des Sprachpsychologen in den Bann gezogen und in die Abenteuerlust getrieben wird. Alles dreht sich fortan um die Frage, ob der Sprung in die außervirtuelle Realität gewagt werden soll oder nicht.

Der Roman an sich lässt sich am ehesten als „ganz nett“ bezeichnen, denn einen literarischen Mehrwert beinhaltet das Buch eher nicht. Leider kommt auch die Theaterversion darüber nicht wirklich hinaus, weil die Bühnenfassung viele in der Vorlage enthaltene Redundanzen nicht ausmerzt. So wird etwa vor jeder Reise der beiden der Kontakt unterbrochen. Warum um alles in der Welt sollte man – zumal private – E-Mails nur von zu Hause oder vom Büro aus schreiben können? Viel zu oft wird auch aus den immer gleichen Gründen mal insistiert, dass ein Treffen eher nicht so gut wäre und mal, dass es vielleicht doch sinnvoll erscheinen könnte. Auch gibt es manche Unwahrscheinlichkeit zu viel. Wie kann es etwa sein, dass beide in derselben Stadt leben? Warum sind sie sich in ihrer verbalen Schlagfertigkeit derart ebenbürtig? Warum ähneln sie sich in ihrem Schreibstil so sehr?

Für die Trierer Inszenierung hat Regisseur Werner Tritzschler eine angesichts dieser Rahmenbedingungen erfreulich unkonventionelle Darbietung auf die Studiobühne gebracht. Jan Brunhoeber und Vanessa Daun füllen ihre Rollen weitgehend authentisch aus und überzeugen vor allem dadurch, dass sie Leo und Emmi durch ihr Spiel zumindest ein bisschen Tiefgründigkeit verleihen, die in der spritzigen, aber kaum facettenreichen schriftlichen Korrespondenz fast völlig ausbleibt. Für die beiden Schauspieler stellt sich die beachtlich gemeisterte Herausforderung, dass sie sich während der gesamten Distanz kaum anblicken, aber dennoch die ganze Zeit miteinander spielen und dabei aufeinander eingehen müssen.

Es sind die wenigen im Text enthaltenen Bonmots („Nähe ist nicht die Unterbrechung von Distanz, sondern ihre Überwindung“; „Schreiben Sie mir, Emmi! Schreiben ist wie Küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist Küssen mit dem Kopf!“), die die Darsteller durch das mustergültige Einsetzen von sparsamer Gestik, adäquater Mimik und gut getimter Redepausen zur Entfaltung bringen. In diesem Sinne konsequent wirkt beispielsweise die Umsetzung des romantischen Höhepunkts: Emmi schreibt abends, sie vertrage im Bett keinen Nordwind bei offenem Fenster und umdrehen könne sie sich auch nicht, weil sie die Leselampe brauche und das Kabel zu kurz sei. Leo schickt ihr – zuckersüß – ein Verlängerungskabel als Datei rüber und trägt sie dabei zart wiegend und sich sanft an sie schmiegend durch den Raum („Leo, Sie sind so fantastisch gut gegen Nordwind!“).

Unterhaltsame Inszenierung, geringe gesellschaftliche Relevanz

Eine Konsequenz, die sich auch in der Szene zeigt, in welcher beide eines Nachts vom Wein betrunken vor ihren Notebooks sitzen. Weder Brunhoeber noch Daun spielen ihre Figuren hier im typisch besoffen-lallenden Zustand, obwohl sie beide unweigerlich beschwipst sind. Da das Darstellen von Menschen im alkoholisierten Zustand sehr schwer ist, wenn man nicht in Slapstick verfallen will, wurde wohl präventiv auf die eventuelle Peinlichkeit verzichtet. Zumal es sich damit begründen lässt, dass der gesamte Text in Schriftsprache gehalten ist.

Was in dieser Hinsicht dagegen etwas unpassend wirkt, ist die allzu häufig auftretende, fast schon pathologisch anmutende Hysterie der Emmi. Vanessa Daun überzeichnet ihre Figur hier manchmal etwas zu sehr, sodass stellenweise der Eindruck entsteht, als sei sie nicht in infantil-oberflächlicher Weise in Leo verliebt, sondern ihm bereits gänzlich verfallen. Ein Umstand, der sich beim Lesen des Textes eben genau so nicht aufdrängt. Brunhoebers Überzeichnungen dagegen passen stets perfekt; so etwa, wenn er nach einer Blind-Date-Situation in einem Café seine Mutmaßungen über die Emmi-Kandidatinnen preisgibt.

Innovativ ist auch das Bühnenbild geraten. In den meisten Inszenierungen sind die Welt des Leo und die Welt der Emmi mithilfe unterschiedlicher Hintergründe eindeutig voneinander separiert. Susanne Weibler jedoch wählte für die Trierer Aufführung schwarze Requisiten, in denen sich beide Protagonisten gleichermaßen bewegen, ohne dass der Eindruck entsteht, beide befänden sich im selben Raum. Unterbrochen wird die phänotypische Monotonie durch Linien, die wohl die weltweite Datenautobahn symbolisieren sollen und – ganz im Sinne der etwas sinisteren, weil vermeintlich unerfüllbaren Liebe – in dunklem Rot gehalten sind.

Für eine wirkliche Auseinandersetzung mit den Charakteren und ihren wahren inneren Problemen, Widersprüchen und Sorgen ist das Stück aber dennoch viel zu seicht, weil die Figuren dafür zu eindimensional gezeichnet sind. Paradoxerweise könnte genau darin jenes Quäntchen gesellschaftliche Relevanz liegen, das der Zuschauer für sein eigenes Leben herauszuziehen vermag: Die Tatsache, dass soziale Beziehungen aufgrund des beschleunigten „Always-Available“-Zeitgeistes zunehmend verflachen, ist zugleich ein Symptom für die immer oberflächlicher werdende Kommunikation, die fast nur noch mittels knappster Internetfloskeln stattfindet. So bleibt dann doch etwas von der unterhaltsamen Tritzschler-Inszenierung haften, auch wenn „Gut gegen Nordwind“ in Kürze sicher dauerhaft von den deutschen Bühnen verschwunden sein wird.

Weitere Aufführungen: Heute (Samstag), Donnerstag (06. Oktober), Sonntag (09. Oktober), Samstag (15. Oktober), Samstag (22. Oktober), Mittwoch (02. November), Freitag (04. November); jeweils um 20:00 Uhr im Studio des Theaters Trier.

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