Neue Gesichter für die neue Spielzeit
Der Tenor Peter Koppelmann und die Schauspieler Helge Gutbrod und Antje Härle haben nach der vergangenen Spielzeit das Theater Trier verlassen. Für Ersatz wurde umgehend gesorgt: Luis Lay, Daniel Kröhnert und Alina Wolff sollen in der neuen Saison diese Lücken füllen. Lay war bereits in der Rolle des Bernardos in der „West Side Story“ zu sehen, das Debüt seiner beiden Kollegen steht noch bevor. 16vor traf sich mit den drei Neuzugängen.
TRIER. Wenn er seine Sonnenbrille trägt, sieht er tatsächlich aus wie Barack Obama. Kein Wunder also, dass Luis Lay bereits seit einiger Zeit auf Firmenkongressen und Messen als Double des amtierenden amerikanischen Präsidenten auftritt. Nachdem er seine Augenschoner in einer Trierer Kneipe vor sich auf dem Tisch abgelegt hat, offenbart sich schon nach kurzer Zeit ein Mann mit Sinn für Ironie: „Als kubanischstämmiger Dresdener gewinnt die Obama-Rolle für mich natürlich eine ganz besondere Bedeutung“, sagt er mit einem schelmischen Grinsen. Seit 1993 agierte Luis Lay als Spieltenor jedenfalls schon im Gewand von so mancher Kultfigur des Musiktheaters – von Frank’N’Furter („Rocky Horror Show“) über Don Lockwood („Singin‘ in the Rain“) bis hin zur Knusperhexe aus dem Kindermärchen „Hänsel und Gretel“ hat er alles im Repertoire.
Die Vita von Daniel Kröhnert ist altersbedingt noch nicht so lang. Mit seinen 24 Jahren steht er noch am Beginn seiner Laufbahn. Er drängt sozusagen frisch von der Schauspielschulbank direkt auf die Große Bühne in Trier. Dort wird Kröhnert ab dem 8. Oktober in Schillers „Maria Stuart“ den Mortimer mimen. Seine Schauspielkunst, die er auch in dem Kinderstück „Eine Woche voller Samstage“ (Premiere: 17. November) vorführen will, konnte er seit 2008 unter anderem am Staatstheater Wiesbaden, den Burghoffestspielen Eltville und der Badischen Landesbühne in Bruchsal erlernen, wo er „eine lehrreiche und vor allem schöne Zeit“ verlebt habe.
Nicht nur gute Zeiten in ihrer bislang genauso kurzen Präsenz auf der Bühne erlebte hingegen Alina Wolff. Die 24-jährige Berlinerin absolvierte ihre Ausbildung an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock. Quasi von heute auf morgen wurde am dortigen Volkstheater in der vergangenen Spielzeit das Große Haus geschlossen. Als besonders erschreckend empfand sie, „dass es keinen wirklichen Zusammenhalt im Vorfeld gab“. Was sie in Trier direkt anders sah. Gleich am Tag ihrer Ankunft in Deutschlands ältester Stadt erlebte sie bei der offiziellen Begrüßung durch die Theater-Leitung eine lebhafte Diskussion des gesamten Personals bezüglich eventuell drohender Kürzungen im Haushalt 2012. „Das“, konstatiert Wolff mit einem zufriedenen Lächeln, „ist eine Form des Zusammenhalts, wie sie mir zutiefst imponiert.“
Eine Seltenheit sind Kürzungen im Bereich der Kultur republikweit schon längst nicht mehr. Für die ohnehin nicht gerade fürstlich entlohnten Schauspieler ein entscheidender Faktor ihrer chronisch prekären Lage. Umstände, die einen arrivierten Akteur wie Luis Lay nachdenklich stimmen. „Manchmal“, moniert er, „fehlt einem schon ein bisschen die Anerkennung für das, was wir wirklich leisten als diejenigen, die im Rampenlicht stehen und sich im Gegensatz zu manch anderem auf der Bühne nicht verstecken können.“ Damit meine er eine über den Schlussapplaus hinausgehende ideelle Bestätigung, aber auch die materielle Basis. Lay hat deshalb vorgesorgt und erwarb neben seiner Schauspielausbildung ein Diplom in Kulturmanagement (Abschlussarbeit: „Das deutsche Stadttheater – Ein Zukunftsmodell?“).
Ein Bildungspolster, von dem er bald profitieren möchte: „Mit Anfang vierzig macht man sich so seine Gedanken, wie alles weitergehen soll.“ Was zunächst klingt wie eine beginnende Midlife-Crisis, scheint bereits genau durchdacht. „Es ist für mich an der Zeit, mal etwas Administratives zu machen.“ Seit zwei Jahren sei er bereits nebenberuflich bei einer Agentur beschäftigt. Bis 2012 ist er am Theater Trier engagiert und wird dabei noch bis Mitte Oktober den Bernardo in „West Side Story“ figurieren. Nach eigenem Bekunden fällt ihm das nicht allzu leicht. So blickt er, angesprochen auf die Rolle, etwas verlegen unter sich: „Für mich bedeutet es immer eine große Überwindung, wenn ich böse Buben darstellen soll.“ Selbstkritisch räumt er zudem direkt ein, dass ihm das authentische Spiel in der aktuellen Inszenierung in der Bobinet-Halle Trier-West bislang nicht immer perfekt gelungen sei.
„Ich will dem Publikum meine Begeisterung vermitteln“
Seinen ersten eigenen Misserfolg verortet Daniel Kröhnert nicht im Schauspiel, sondern auf dem Fußballplatz. Wie nahezu jeder kleine Junge wollte auch er früher Profi werden. Und die Chancen waren sogar gar nicht so schlecht. Als Torwart stand er in Diensten des SV Wehen, der damals noch nicht in Wiesbaden angesiedelt war. „Als es nach der B-Jugend um die Übernahme ging, war leider kein Platz mehr für mich.“ Seinen Weg zum Theater fand er damit auf sportlichem Umweg; durchaus verwunderlich, wenn man weiß, dass der Sohn des Kabarettisten Reiner Kröhnert bereits im Alter von drei Jahren in Saarbrücken höchst erfolgreich auf der Bühne stand: „Mein Vater hat mich bei Proben immer wieder zuschauen lassen, sodass ich schon früh einige Politikernachahmungen drauf hatte.“
Ende der 1980er Jahre war der Junior mit auf Tour und wollte abends einfach nicht einschlafen, quengelte stattdessen so lange, bis er sich den Auftritt live ansehen durfte. „Nach fünf Minuten im Publikum sitzend wurde mir langweilig. Da stand ich auf, ging auf die Bühne und äffte auf Geheiß meines verblüfften Vaters Engholm und Genscher nach.“ Das Publikum habe begeistert reagiert, doch die eigentliche Pointe sei erst gefolgt, als kurz darauf in der Zeitungskritik stand: „Dreijähriger Sohn stiehlt Kröhnert die Show.“ Womit er damals bereits den Altersdurchschnitt unter den Zuschauern erheblich gesenkt haben dürfte. Denn Kabarett und Theater zeichnen sich in Deutschland fast schon traditionell dadurch aus, dass es ihnen kaum glückt, ein junges Publikum anzuziehen.
Dass dies auch, aber gewiss nicht allein an den Spielplänen liegt, vermutet Alina Wolff. „Einen Masterplan zugunsten einer größeren Attraktivität des Theaters für die Jugend habe ich aber natürlich nicht in der Tasche“, versichert sie feixend. Ihren eigenen bescheidenen Beitrag möchte sie dennoch leisten, um daran etwas zu ändern. Ihr sei es wichtig, jede Rolle von Klischees frei zu halten und ihre große Begeisterungsfähigkeit zu vermitteln: „Die Probenphasen erlebe ich immer als sehr intensive Zeit, in der man sich vielleicht sogar das nötige Rüstzeug aneignen kann, um in der späteren Inszenierung die große Neugier für eine Figur, ein Stück oder einen Stoff auf die Zuschauer zu übertragen.“
In „Keinohrhasen“ wird sie ab dem 7. Januar 2012 erstmals als weibliche Hauptrolle die Gelegenheit haben, sich an diesem hehren Ziel zu probieren. Mit der verschüchterten Anna Gotzlowski wird Alina Wolff hier eine Figur verkörpern, die im gleichnamigen Spielfilm von Nora Tschirner etwas oberflächlich-eindimensional dargeboten wurde. Eine ideale Gelegenheit, inmitten eines Stückes, das aufgrund des Leinwand-Urhebers Til Schweiger überdurchschnittlich viele jüngere Menschen an den Augustinerhof locken dürfte, die eigene Rolle innovativ zu interpretieren. Bevor sie ab dem 28. April in Henrik Ibsens „Hedda Gabler“ sogar als Titelheldin firmiert und ihr Talent auch bei einem intellektuell anspruchsvolleren Klassiker unter Beweis stellen kann.
Was alle drei eint, ist die innere Spannung, wie sie die Episode Trier prägen wird – mag sie sich nun dereinst lediglich als Durchgangsstation oder doch als dauerhafte Arbeitsstätte entpuppen. Die Frage, wie sie selbst das kulturelle Leben der Römerstadt beeinflussen können, lässt sich freilich frühestens dann beantworten, wenn nicht nur Lay, sondern auch die beiden Nachwuchstalente ihre Fähigkeiten auf den Brettern des Großen Hauses präsentiert haben. Dass jeder von ihnen über eine ebenso sympathische wie (selbst-)reflektierte Persönlichkeit verfügt, lässt jedenfalls durchaus vermuten, dass sie das heterogene Trierer Ensemble gewinnbringend ergänzen werden.
von Christian Baron
