Nachhilfe in Zivilisiertheit
Gut aufgelegt präsentierte sich das Ensemble in der Premiere des Musicals „The King and I“ („Der König und ich“). Das Stück selbst ist durchsetzt mit süßem Schwulst und Romantik, allerdings findet man auch Hintergründiges und wahrlich Großartiges. Und die resolute englische Lehrerin Anna Leonowens, die nach Siam zieht, um die 67 Kinder und Ehefrauen des Königs zu unterrichten, beeindruckt durch ihre Unerschrockenheit.
TRIER. Das Musical von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II wurde 1951 in New York uraufgeführt. Es basiert auf dem Roman „Anna and the King of Siam“ von Margaret Landon, der 1944 veröffentlicht wurde. Der Roman wiederum bezieht sich auf die Memoiren der Witwe Anna Leonowens, die tatsächlich in den 1860ern mit ihren Kindern nach Siam aufbrach, um im Auftrag des Königs dessen Kinder und deren Mütter in den Gepflogenheiten der westlichen Welt und in der englischen Sprache zu unterrichten.
Zwei Kulturen prallen aufeinander, die britische und die asiatische, die Frau, die für Menschenrechte, Frauenrechte und Liebe (das ist der Schwulst) eintritt, trifft auf einen König, der sehr viele Frauen hat und für den Frauen wie überhaupt andere Menschen wenig Wert haben. Aber immerhin hat er die Lehrerin engagiert, weil er etwas verändern will, sein Land modernisieren möchte. Dazu muss zumindest seine Familie erfahren, wie Modernisierung aussieht. Auch wenn die manchmal naiv wirkende Empörung Annas zugleich Züge einer gewissen westlichen Arroganz aufweist, bewegt sich die Geschichte in Richtung Selbstverwirklichung für alle. Man merkt dem Musical aber gerade wegen dieser Einstellung – alles, was aus unserer zivilisierten Welt kommt, ist besser – durchaus seine Entstehungszeit an. Dieser Eindruck wird durch die Musik verstärkt, die eben wie Filmmusik der 1950er Jahre klingt, oftmals schnulzig, violinlastig und die gemeinsamen Gesänge sind immer wieder auf zwischenmenschliche Harmonie angelegt: Liebt euch!
Zum Glück ist das nicht durchgängig der Fall. Nein, es gibt auch eine Szene, in der Anna (Evelyn Czesla) sich derart über den König echauffiert, dass sie aus einem Kissen den König macht, ihn ansingt, auf den Knien zu ihm hinwackelt, mit der Hutnadel auf ihn einsticht und ihn schließlich auf den Boden wirft. Das ist wirklich amüsant. Wenig amüsant ist dagegen die Hinrichtung einer der Frauen des Königs, die flüchten will: Tuptim (Claudia-Denise Beck). Tuptim wurde ihm vom burmesischen König, ihm unterlegen, zum Geschenk gemacht. Aber Tuptim ist anderweitig verliebt [in den wunderschönen und gutgebauten Lun Tha (Luis Lay)]. Das Konzept Liebe unterstützt Anna bedingungslos, hat sie doch selbst einmal die große Liebe erlebt. So wirbt die Lehrerin um Verständnis und meint irgendwie naiv wie vergeblich, der König könne für ein solches Verhalten tatsächlich „Verständnis“ aufbringen.
Darstellerisch hat Regisseur Dale Albright sein Ensemble durchweg zu Glanzleistungen geführt. Nicht immer sieht man László Lukács (als König) so locker, humorvoll, mimisch wie gestisch ausdrucksstark agieren. Czesla überzeugt als warmherzige und zugleich resolute wie eigensinnige Lehrerin Anna. Zwischen diesen beiden Akteuren stimmt auch die Chemie. Dann die Kinder! Philipp Voigtländer ist Louis, der Sohn von Anna Leonowens, der sich mit dem Kronprinzen Chulalongkorn (Manuel Thielen) anfreundet, beide singen allein und im Duett – überraschend gut. Es agieren, sprechen, tanzen und singen überhaupt viele, viele Kinder in diesem Musical, die meisten im Chor. Wer diese Leistung vollbrachte, eine Horde Kinder nahezu zweieinhalb Stunden lang derart koordiniert und pointenreich auf die Bühne zu bringen: Alle Achtung! (Für die Einstudierung des Kinderchors war Thomas Trabusch verantwortlich). Immer wieder honorierte das Publikum die darstellerischen Leistungen mit Szenenapplaus.
Ein besonderes Bonbon aber ist das Stück im Stück. Tuptim „inszeniert“ anlässlich des Besuchs der Engländer, denen man demonstrieren will, dass man kein Barbar ist, „Die Hütte des Onkel Thomas“. Tuptim nimmt ihre eigene Geschichte vorweg: „Eliza“ flüchtet mit ihrem dunklen Baby vor dem bösen „König von Kentucky“ (einem Dämon) und will zu ihrem Geliebten. Dieser Tanz im fernöstlichen Stil mit westlichem Einschlag (Choreographie: Jean-Pierre Lamperti) ist allein schon fast den Besuch des Musicals wert. Große Klasse!
Die Ausstattung (Michael D. Zimmermann) ist prachtvoll und üppig, in jeder Szene erscheint ein neues Bühnenbild mit reichlich Gold und Glitzer, ebenso wie die Kostüme am Hofe des Königs von Siam. Die meisten Männer sind halbnackt, selbst Manfred-Paul Hänig als anfangs ziemlich cooler Kralahome (Premierminister von Siam) zeigt sich mit nacktem Oberkörper mit langem Schottenrock, vom König, den Dienern und Wachen ganz zu schweigen.
Wenn man also über die gelegentlich süßlichen musikalischen Darbietungen und einige Kernbotschaften des Stücks hinwegsieht – und das wird sowohl durch die gelungene Inszenierung als auch durch die tollen Darsteller leichtgemacht – dann wird man eventuell mit einem freudigen Lächeln auf den Lippen in den Restabend hinausgehen. (flo)
Termine im November: Dienstag, 1. November, 19.30 Uhr; Samstag, 5. November, 19.30 Uhr; Freitag, 11. November, 20 Uhr; Samstag, 12. November, 19.30 Uhr; Freitag, 18. November, 20 Uhr; Samstag, 19. November, 19.30 Uhr; Samstag, 26. November, 19.30 Uhr; Sonntag, 27. November, 16 Uhr und Dienstag, 29. November, 20 Uhr.
von 16vor
