Opfer und Täter in einer Person
Bartsch, Kindermörder. Als „Bartsch, Metzgersohn“ oder „Bartsch, sensibler Junge mit verkrüppelter Seele“ wäre er gleichermaßen wahrhaftig, aber nicht erinnerungswürdig gewesen. Jürgen Bartsch, der Kindermörder, quälte und ermordete vier Jungen. Er selbst war beim ersten Mord gerade mal fünfzehn Jahre alt. Bartsch schrieb Hunderte von Briefen an den amerikanischen Journalisten Paul Moor. Die Innenansicht des gemeinhin als „sadistische Bestie“ wahrgenommenen Bartsch veröffentlichte Moor 1972 in Buchform. Aus diesem Zeugnis der „buchstäblich mörderischen Folgen deutscher Erziehung (Klappentext Rowohlt) verfasste Oliver Reese das Ein-Personen-Stück „Bartsch, Kindermörder“. Es wurde am 24. September 1992 am Ulmer Theater uraufgeführt. In Trier hat es nun Britta Benedetti inszeniert.
TRIER. Das „Erheben Sie sich!“ des Richters zu Beginn ist durchaus ernstgemeint. Vier Fälle von Kindesentführung und schweren sexuellen Missbrauchs mit Todesfolge werden hier verhandelt. Jürgen Bartsch alias Jan Brunhoeber sitzt rechter Hand. Er ist bieder gekleidet mit weißem Hemd, gelbem Pullunder, darunter eine Krawatte. Sein graumeliertes Jackett zieht er bald aus. Die Haare sind mit Seitenscheitel straff nach hinten gekämmt. Der Mörder, der für immer ein Junge bleiben wollte, präsentiert sich glattrasiert und eher verspielt, ein Milchbubi. Zum Glück steht er zwischendurch auf, läuft ein wenig herum, setzt sich mal auf einen anderen Platz oder stellt sich vors Publikum, so dass jeder Zuschauer Gelegenheit erhält, ihn zu sehen.
Es ist ein Monolog im Landgericht Trier, Sitzungssaal 70, wo sonst über Vergewaltigungen, Körperverletzungen und Mord verhandelt wird. Der Richter stellt nur kurze Zwischenfragen und Bartsch antwortet, führt aus, erklärt, appelliert, provoziert. Er beschreibt mehr, als man wissen möchte. Die Bilder, die er wachruft, können einen bis in den Schlaf verfolgen.
Bartschs Mutter starb kurz nach seiner Geburt an Tuberkulose, so dass er fast ein Jahr in der Klinik blieb, in der er geboren wurde. Seine Adoptivmutter hörte von dem Waisenjungen und nahm ihn mit nach Hause. Bis zum Schulbeginn lebte er in einer Kellerwohnung mit vergitterten Fenstern bei Kunstlicht, durfte nie mit anderen Kindern spielen und sich ja nicht schmutzig machen: „Ich musste stets ein kleiner, feiner Mann sein.“
Im Adoptivelternhaus herrschte eisige Kälte, zwischenmenschlich gesehen. Man redete kaum, demütigte vielleicht, auch öffentlich im Metzgerladen des Vaters, man prügelte und schlug, „klatsch, klatsch, klatsch ins Gesicht“. Kleiderbügel zerbrachen. Mutter hatte einen Sauberkeitswahn und badete den Jungen am ganzen Körper, bis er 19 war. Sie schrieb ihm bis zu den Socken vor, was er anzuziehen hatte, bis er 19 war. Einmal attackierte sie ihn mit einem Metzgermesser, weil er sich weigerte, einen sauberen Spiegel noch einmal zu putzen.
In der Schule war er der Klassenkleinste und wurde von den Mitschülern verfolgt und geprügelt. Wohl daher sein Hass auf Schuljungen, an denen er sich später stellvertretend rächte.
Seine Freunde waren die Schlager, im Gerichtssaal singt er das Lied eines sterbenden Ponys. Auch Heintjes „Mama“ ertönt, allerdings beispielhaft für ein Kind, das nie mehr spielen darf und dessen Lied nichts mit der Mutter des Kindermörders gemein hat. Bartsch zaubert auch, mit Blümchen, Bällchen, Tüchern und einem Strick.
Mit zehn kam er ins Heim nach Marienhausen, wurde von Pater Pütz – Papü, Muskelprotz –, in der Schule Tag für Tag der Mahner vor der Unkeuschheit, sexuell missbraucht („Wenn du schon mal hier bist, kannst du dich doch zu mir ins Bett legen“). Bartsch lernte (theoretisch, in der Schule): „Solche Schweinereien kommen direkt nach Mord“. Geprügelt und gequält wurde in Marienhausen selbstredend auch. Ein Mitschüler bringt sich selbst um. Nach einem Fluchtversuch (und Mordversuch an einem Mitschüler) erfolgte der Rauswurf.
Gerne war er Messdiener, die Messe erklärt er gleich und singt dazu, ach, wie schön. In der Pubertät kommen die ersten zarten und dann gleich brutaleren sexuellen Erlebnisse mit Jungen. Frauen sind für ihn nicht anziehend. Seine sadistischen Fantasien überschwemmen ihn, er stellt sich vor, wie sein Opfer auszusehen hat und was er mit ihm tun wird. Die Kleinen umzubringen, das konnte er nicht aufhören. Eine Zuschauerin verlässt vorzeitig den Sitzungssaal.
Er entdeckt eine Höhle im Wald, in die er seine Opfer verschleppt. Die vier Jungen, die „einfach Pech hatten“, waren acht, dreizehn, elf und zwölf Jahre alt. Ein Gefühl der Macht, „die Hauptsache ist die Wehrlosigkeit der Gegner“. Nach dem ersten Mord an Klaus Jung war er von sich selbst so sehr geschockt, dass bis zum zweiten Mord an Peter Fuchs beinah zweieinhalb Jahre vergingen. Er sprach hundert Jungen erfolglos an. Der fünfte Junge, den er in die Höhle brachte, konnte fliehen. Drei Tage darauf wurde Jürgen Bartsch verhaftet. Seine kleine Seele voll unerwiderter Liebe.
Die Gratwanderung gelingt: Man kann nachvollziehen, wie sich ein sensibler Junge zum Mörder entwickelt, ohne dass sentimentale Gefühlsduselei als Entschuldigung herangezogen würde und ohne ihn simplifizierend zur Bestie zu erklären. Die ersten Minuten mag Jan Brunhoeber ein wenig steif agieren, danach ist er exzellent getaktet und bis ins kleinste Detail bei der Sache. Anderthalb Stunden, in denen man eine fallende Stecknadel hören könnte. (flo)
Alle Termine: Mittwoch, 30. November, 20 Uhr; Dienstag, 6. Dezember, 20 Uhr; Mittwoch, 14. Dezember, 20 Uhr; Mittwoch, 21. Dezember, 20 Uhr; Donnerstag, 29. Dezember, 20 Uhr; jeweils im Landgericht Trier.
Zum Weiterlesen:
Alice Miller: Am Anfang war Erziehung, Suhrkamp 1983.
Paul Moor: Jürgen Bartsch: Opfer und Täter. Das Selbstbildnis eines Kindermörders in Briefen. Rowohlt 1991.
von 16vor
