Laas‘ Letters from London… #7
5:05 p.m. Die Menschenmassen strömen aus dem Eurostar und ich werde samt Gepäck einfach mitgerissen und in der Empfangshalle wieder ausgespült. Dort geht es aber gleich weiter und der nächste Strom an Menschen schiebt mich zur Tube, die komplett voll ist. Es ist Freitag, Nachmittag, Rush Hour in London und jeder, wirklich jeder, möchte einfach nur nach Hause! Willkommen zurück… Hallo Kulturschock. Endlich zuhause angekommen falle ich in einen tiefen Schlaf, als hätte ich drei Wochen lang in Trier nicht geschlafen. Aber es hat sich gelohnt. Es hat Spaß gemacht und ich habe viel erlebt. Langweilig war mir jedenfalls nicht und die nächste Fahrt ist bereits gebucht!
Nach einer traumlosen 12-Stunden-Nacht ist es mir nun ein echtes Vergnügen, meinen Tag mit englischem Frühstück zu beginnen. Schaut Euch doch mal dieses Foto an. Lecker, oder? Gestärkt und gut gelaunt komme ich durch den Tag, gehe ins Kino („The Grey“, ein spannender Film mit Liam Neeson) und werde abends vom ersten Schnee in diesem Winter überrascht. Schnee in dieser Megastadt, das ist schon was, und alle Londoner sind aus dem Häuschen. Das meine ich nicht nur so, sondern wörtlich. Alle Nachbarn und die Jungs vor dem Pub stehen im T-Shirt (Engländer sind abgehärtet) und machen Fotos mit ihren Smartphones (Engländer gehen mit der Zeit).
Am nächsten Tag liegt eine schöne, weiße Decke über den Straßen (es gibt ja auch kaum Räumfahrzeuge) und Gehwegen (hier schippt so gut wie niemand Schnee!) und es knirscht so herrlich unter den Schuhen. Mein Ziel ist Greenwich (South-East), wo ein Park mit Hügeln zum Toben und Schlittenfahren einlädt.
Oje, die Idee hatten wohl auch alle anderen, und ich fühle mich in die Rush Hour vom Freitag zurückversetzt. Egal, in der Natur ist das okay, macht sogar Spaß, denn man kann die vielen Menschen beobachten und sich gemeinsam am Schnee erfreuen. Dass hier der Nullmeridian liegt und die Zeitrechnung an diesem Ort ihren Ursprung hat, interessiert niemanden. Alle wollen nur den Hügel hinunter, mit was auch immer. Einige haben tatsächlich Schlitten dabei und sind ganz klassisch unterwegs. Andere nutzen Tesco-Einkaufstüten (so viel Werbung muss sein), den Wok aus der Küche und ein Jungspund hat sogar eine Eingangstür mitgebracht und rutscht damit den Berg hinunter. Was sagt man dazu? Die Engländer… einfallsreich sind sie ja! Ansonsten werden Schneemänner gebaut, welche aussehen wie Kobolde mit Knollennasen oder wie die eigene Schwiegermutter, und manchmal ist zwischen beiden Varianten auch kein Unterschied zu erkennen. Spaß haben alle und wie sagte mal ein schlauer Kopf? In der Natur kann man nicht neurotisch sein (Quelle leider unbekannt).
Neurotisch vielleicht nicht, aber jeder lebt so seine Eigenarten aus und das ist auch gut so. Bis auf die vielen Rodelunfälle, weil eigentlich niemand so richtig auf den anderen achtet. Schmerzhaft. Sicherlich. Aber für den Beobachter sehr, sehr unterhaltsam. Man kann und sollte eigentlich nicht hinschauen und macht es dann doch. Wir Menschen sind so böse… sometimes… always.
Kalt und nass geht es in den Greenwich Market und wie fast immer bei mir wird ein schönes Erlebnis mit etwas Kulinarischem abgerundet. Ich bestelle einen Louisiana Hot Dog mit kandierten Zwiebeln, der fast noch besser als das Frühstück ist. Lecker. Das erste Wochenende ist damit auch schon wieder rum und ich spüre, wie ich angekommen bin. Beide Städte, also Trier und London, sind nun auch innerlich miteinander verbunden. Ich stapfe durch den Schnee und betrete gelassen die Tube. Einen Sitzplatz suche ich mir erst gar nicht… gibt es ja eh nicht!
Macht´s gut – Euer Laas
P.S. In der nächsten Kolumne erzähle ich Euch übrigens, wie man hier ein Konto eröffnet, es versucht und auch bekommt… vielleicht.
TIPP:
http://www.trailerseite.de/film/12/the-grey-kino-trailer-21934.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Nullmeridian
http://www.greenwich-market.co.uk/
Der Berliner-Trierer Konzeptkünstler Laas Koehler berichtet alle 14 Tage für 16vor aus London. Mehr Informationen unter: http://www.laaskoehler.tumblr.com.
von 16vor
