Laas‘ Letters from London… #4

Im 19. Jahrhundert dauerte eine Reise um die ganze Welt noch 80 Tage und das war damals schon ein Rekord. In unserer heutigen, schnellen und globalisierten Welt, wie zum Beispiel hier in London, benötigt man dafür nur 80 Minuten. Und selbst diese Zeit kann stark unterboten werden. Was ich damit meine, ist die Vielfalt an Sprachen, Kulturen, Verhaltensweisen und optischen Eindrücken in dieser Metropole, die einen blitzartig um den Globus fliegen lassen und sicherlich bereichern.

Da empfängt mein indischer Nachbar ein Paket für seine neuen deutschen Nachbarn vom jamaikanischen Paketboten, der Klempner ist eigentlich Australier, in der irakischen Späte gibt es Coca Cola aus Kuwait, die Straßen sind voll von Spaniern, Franzosen, Asiaten, auch Engländern und wir alle haben unseren eigenen individuellen Akzent, wenn wir Englisch sprechen.

Für mich persönlich bringt der Wechsel in eine andere Stadt oder in ein fremdes Land oft auch die Frage nach der eigenen Identität auf. Als ich im Herbst 2007 von Berlin nach Trier zog, spürte ich plötzlich sehr stark meine Berliner Wurzeln. Jetzt in London, vier Jahre später, spüre ich weiterhin diese Wurzeln, habe aber auch noch die Leidenschaft für Trier im Gepäck, vermisse mein kleines Städtchen an der Mosel, die Weinberge, die vielen guten Freunde und die Trierer Probleme.

Eine deutsche Identität war mir nie wichtig gewesen und ist es auch heute nicht. Aber ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich im multikulturellen London natürlich diese auch an mir feststelle und erkennen muss, dass bestimmt 50 Prozent des Schubladendenkens der Wahrheit entspricht. Gott sei Dank habe ich aber noch nicht versucht, in der Tube meinen Sitzplatz mit einem Handtuch zu markieren… Soweit ist es dann doch noch nicht gekommen!

Kulinarisch kann man hier übrigens auch um die Welt reisen und das Klischee vom schlechten, englischen Essen ist mehr als antiquiert. Da es sich bekanntermaßen in guter Gesellschaft am besten schmausen lässt, habe ich mich mit Miriam (29) verabredet, einer Triererin, die bereits seit 2005 in London lebt beziehungsweise seit zwei Jahren von Reigate in die Stadt zum Arbeiten pendelt. Wir sind im „Katzenjammers“ verabredet, einer bayrischen Kneipe mit Hausmannskost und Bier vom Fass. Auf dem Weg dorthin überlege ich mir ein paar Fragen und freue mich auf unser Treffen. Die Begrüßung mit Miriam ist herzlich, obwohl wir uns nur vom Telefon kennen (ich kannte bisher nur ihre Eltern) und wie das so ist, wenn Trierer (und Wahltrierer) sich im Ausland begegnen – man versteht sich sofort.

Das „Katzenjammers“ war dann allerdings doch die falsche Adresse. Bier, viele Deutsche und viele Australier unter einem Dach, ist keine gute Kombination, wie wir nach zwei Minuten feststellen und suchen etwas Ruhigeres. Klassisch italienisch geht’s weiter und ich frage, wie sie sich so fühlt nach den vielen Jahren, auch sprachlich. „Manchmal ist es komplett chaotisch mit der Sprache“, erklärt sie mir. Sie fühle sich mittlerweile in England heimisch und sei dennoch stolz darauf, aus der ältesten Stadt Deutschlands zu stammen. In Trier sei sie zwei bis drei Mal im Jahr, um ihre Familie zu besuchen und die Gemütlichkeit einer kleineren Stadt zu genießen. „Nach drei Tagen, könnte es dann aber auch wieder mehr Action geben“, sagt sie und lächelt.

Überhaupt lachen wir viel an diesem Abend und der Höhepunkt ist sicherlich ihr Geständnis, auf meine Frage, was sie denn in London vermissen würde: „Ganz ehrlich? Eine Schmier mit Maurermarmelade vom Metzger Blau, in der Fußgängerzone.“ Mit Tränen in den Augen, wird diese Antwort notiert und muss selbstverständlich in die Kolumne. Den Gesprächsinhalt über das englische Gesundheitssystem (NHS), die Arbeitswut der Londoner und unsere Meinungen zur „Good Old English Politeness“ lasse ich im Interesse unseres Gastlandes unter den Tisch fallen und rufe die unsichtbare Kellnerin. Weil wir ungeduldige und perfektionistisch veranlagte Deutsche sind, ziehen wir uns an und gehen zum Zahlen nach vorn an den Tresen. Am Blick des Kassierers, erkennen wir, dass er unsere Herkunft wahrscheinlich erraten hat, verabschieden uns höflich und laufen gemeinsam zur London Bridge Tube Station. Hier trennen sich unsere Wege und ein nächstes Treffen im neuen Jahr wird vereinbart.

Auf meiner Fahrt nach Hause lese ich in der U-Bahn die Zeitung The Muslim Post, welche ich zufällig entdeckt habe. Auf Seite 7 ist eine Anzeige für ein islamisches Online-Bestellkaufhaus und es ist wunderbar zu erkennen, wie unterschiedlich wir alle doch sind und es gerade das ist, was die Welt ausmacht, oder?

In diesem Sinne wünsche ich euch allen einen guten Rutsch ins neue Jahr, mit der Bitte, die individuellen Eigenarten an sich zu entdecken, anzunehmen und es allen andern auch einzugestehen. Different strokes for different folks – Happy New Year Trier!

Euer Laas

TIPP:

http://www.katzenjammers.co.uk/ und http://www.islamicdesignhouse.com/uk/

Der Berliner-Trierer Konzeptkünstler Laas Koehler berichtet alle 14 Tage für 16vor aus London. Mehr Informationen unter: http://www.laaskoehler.tumblr.com.

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