Laas‘ Letters from London… #10
Die besten Geschichten schreibt doch das Leben! Mit meinem Fahrrad und Notebook im Rucksack wollte ich eigentlich die Themse entlangradeln, mich in einen Pub setzen und darüber berichten, wie verrückt diese Stadt ist, beziehungsweise, was für liebevolle Verrückte hier leben in dieser Mode-Metropole London. Doch kaum fahre ich ein Stück die Straße hinunter, begegne ich einem älteren Herrn am Stock, und einfach so, aus heiterem Himmel, entwickelt sich ein Gespräch.
Er ist Maler von Beruf, angenehm exzentrisch und als ich mich ebenfalls als Künstler vorstelle, werde ich spontan in sein Atelier eingeladen. Mehr aus Neugierde als aus Höflichkeit sage ich sofort zu und begleite ihn in seine heilige Werkstatt. Sein Schwerpunkt liegt bei den Menschen – er malt Porträts und Akte.
Umgeben von viel Haut erzählt er mir, wie seine Kunstwerke entstehen und erläutert seine Herangehensweise. Vom lebenden Modell entsteht zuerst ein gemaltes Abbild, was den Menschen irgendwie tot erscheinen lässt. Anschließend dient diese Vorlage dem eigentlichen Porträt und in diesem Prozess wird dem Modell nun wieder Leben eingehaucht. Strich für Strich lässt er Blut durch dessen Adern fließen, und eine Wärme erscheint – irgendwie.
Als Raucher zeigt er mir dann noch seine Terrasse mit einem herrlichen Ausblick auf die Themse und berichtet von den vielen Wasserleichen, die hier jährlich angeschwemmt werden. Hinter jedem von ihnen steckt ein Einzelschicksal, sagt er, und sein Blick schweift in die Ferne. Für jemanden, der Menschen malt, sicherlich auch eine interessante Vorlage, frage ich ihn und er nickt. Sie sehen aus wie Wale und etwas aufgedunsen – schwammig, erklärt er mir. Gemalt hat er sie bisher noch nicht.
Nach dieser Einstiegsgeschichte erzählt er noch weitere Anekdoten aus dem Londoner Stadtleben, welche er als echter Engländer und sogar waschechter Londoner bisher erlebt hat. Wahnsinn, ein echter Eingeborener! Bisher bin ich ja fast nur Indern, Schotten, Spaniern, Franzosen, Amerikanern und anderen Deutschen begegnet. Somit ist er eine echte Rarität hier! Diesen Lottogewinn lasse ich natürlich nicht einfach so weiterziehen. Es werden Visitenkarten ausgetauscht und die nächste Verabredung zum Lunch wird getroffen.
Meine Radtour führt mich danach weiter am Fluss entlang, und weil die Sonne mal wieder so frühlingshaft scheint, muss ich mein Fahrrad mehr bremsen als treten, so voll ist es. Die langsame Fahrweise hat aber auch zum Vorteil, dass ich mir dabei besser die Menschen anschauen kann, und da sind wir dann also doch wieder bei der Anfangsidee, mit den vielen „Verrückten“ hier.
Es gibt hier schon einige real characters, und erlaubt ist, was gefällt. Auch modemäßig kann man hier machen, mixen und tragen, was man will. Beim Londoner sieht alles irgendwie stylish und cool aus. Lange und dicke Dreadlocks werden unter 50 Zentimeter hohen Haarnetzen zusammengebündelt und dazu mit grünen Gummistiefeln kombiniert. Hosen werden gern zum möglichen Hochwasser (Themse) gekrempelt und der „neueste“ Revival-Trend sind Jeans mit Bündchen. Diese werden etwas weiter getragen, liegen jedoch an den Füßen eng an, damit man die Socken und Schuhe gut sehen kann.
Ach ja, Schuhe sind hier auch sehr wichtig! Fast jeder trägt Sportschuhe, sogenannte Runners oder Sneaker. Sie sind bequem und lassen die Träger auch irgendwie jünger erscheinen. Hier einmal ein Aufruf an alle älteren Leser: Nachmachen! It works and looks fit!
Dass hier Männer Frauenkleider tragen oder Frauen sich Bärte malen, fällt hier wirklich niemanden mehr auf. Liegt vielleicht aber auch am erhöhten Alkoholkonsum. Damit der Freudepegel angenehm eingestellt ist, wird schon tagsüber getrunken. Daraufhin wird gebrüllt, gesungen, geliebt – und CCTV (Closed Circuit Television) filmt alles für die Ewigkeit. Die Ewigkeit hält in London zwar nur ein paar Wochen, bis die Bänder wieder überspielt werden, aber bis dahin wären sie sicherlich gutes Material für eine neue Reality-Freakshow.
In meiner Anfangszeit hatte ich das Gefühl, in einem großen Big-Brother-Container zu leben, bei den vielen Kameras in use. Dieses Gefühl ist dann aber mehr und mehr dem Eindruck gewichen, in einer sehr großen Shopping Mall zu wohnen, welche nicht überall überdacht ist und Bäume hat. Sieht so unsere Zukunft aus? Everything is available, always, 24/7 und die Abhängigkeit von Konsum und elektronischen Medien wächst. Das ist wohl der eigentliche Wahnsinn!!!
Und so ist das manchmal. Man möchte über die liebevollen „Verrückten“ schreiben, nimmt am Anfang schon eine unerwartete Umleitung und landet zum Schluss bei den Verrücktheiten unseres modernen, urbanen Zusammenlebens.
Kolumne #10 over and out – Laas.
TIPP:
http://www.acava.org/
http://stylescout.blogspot.co.uk/
http://de.wikipedia.org/wiki/Video%C3%BCberwachungsanlage
Der Berliner-Trierer Konzeptkünstler Laas Koehler berichtet alle 14 Tage für 16vor aus London. Mehr Informationen unter: http://www.laaskoehler.tumblr.com.
von 16vor
