„Ido macht die Welt ein Stück weit gerechter“
Die Deutsche Ido-Gesellschaft e. V. tagt morgen um 14 Uhr im Restaurant „Zum Domstein“. Ido ist eine Plansprache, deren Vertreter in ihrer Durchsetzung die Chance sehen, den globalen Austausch zu vereinfachen. Doch sind die Idisten tatsächlich ein weltoffener Verband mit realistischen Zielen oder eher eine linguistische Sekte mit utopischem Anspruch? 16vor versuchte dies im Gespräch mit deren Vizepräsidenten Dr. Thomas Schmidt herauszufinden und sprach mit dem Münchener dabei auch über die Gründe für die geringe Akzeptanz des Ido und ihre Vorteile gegenüber der inoffiziellen Weltsprache Englisch.
16vor: Herr Schmidt, was heißt „Guten Tag“ auf Ido?
Thomas Schmidt: Wenn man sich gut kennt, sagt man „Saludo“, die höflichere Variante ist „Bona Jorno“.
16vor: Das klingt sehr italienisch.
Schmidt: Ido stammt tatsächlich vom Italienischen ab, aber nicht nur. Insgesamt hat Ido sechs Quellsprachen bei der Wortauswahl: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch und eben Italienisch. Daraus hat man die Wortwurzeln heraus extrahiert und darauf geachtet, dass sie nicht mit anderen Wörtern in Konflikt geraten und phonetisch nicht zu schwer auszusprechen sind.
16vor: In welchem Verhältnis steht Ido konkret mit Esperanto, das die weitaus bekanntere Plansprache ist?
Schmidt: Ido hat sich aus dem Esperanto entwickelt als Versuch, eine noch einfachere Plansprache zu finden und die wesentlichen Konstruktionsfehler des Esperanto zu beseitigen. Das zeigt sich schon im Begriff selbst: „Ido“ bedeutet auf Esperanto „Nachkomme“ oder „Abkömmling“. Esperanto wurde bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt und fand schnell eine starke Verbreitung. Man kann sogar sagen, dass sich damals in Wissenschaft, Politik und Kultur eine breite Bewegung entwickelte, die die Etablierung einer solchen Plansprache befürwortete. Im Laufe der Jahre wurden jedoch weitere Vereinfachungen vorgeschlagen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Ido mündeten. Einer der prominentesten Vertreter der Ido-Bewegung ist der Chemie-Nobelpreisträger Wilhelm Oswald.
16vor: Können Sie ein paar Beispiele nennen, die Ido so einfach machen?
Schmidt: Es gibt keine Sonderzeichen, die nicht im lateinischen Alphabet vorkommen. Außerdem kennt die Sprache nur einen bestimmten Artikel – das „la“ – während kein unbestimmter Artikel existiert. Grundsätzlich wird die vorletzte Silbe betont, beim Infinitiv immer die Letzte. Und eine der wichtigsten Regeln: Jeder Buchstabe wird immer gleich ausgesprochen. Außerdem enden Substantiv, Adjektiv und Adverb wie alle Wortarten jeweils immer auf den gleichen Buchstaben. Insgesamt ist die Ido-Grammatik so einfach, dass man sie schon nach wenigen Stunden intensiver Beschäftigung recht gut beherrschen kann.
16vor: Warum haben es Plansprachen dann so schwer, sich durchzusetzen?
Schmidt: Sprache ist immer auch Sprachpolitik. Zur Verbreitung des Ido bräuchte es also politische Mandatsträger, die bereit sind, sich darauf einzulassen und, sagen wir mal, wöchentlich ein bis zwei Schulstunden als verpflichtend auf die Lehrpläne der staatlichen Schulen zu setzen. Selbstverständlich ist es bei einer Welthilfssprache wie dem Ido darüber hinaus unbedingt nötig, dass diese politische Unterstützung international gleichermaßen gewährt wird.
16vor: Die Funktion der Weltsprache wird doch bereits weitgehend vom Englischen erfüllt. Warum sollte man sich mit dieser Entwicklung nicht abfinden?
Schmidt: Schon allein aus Gründen der Fairness! Umgekehrt könnte man nämlich fragen, warum ausgerechnet die anglophonen Länder es leichter haben sollten als andere. Ido macht die Welt also ein Stück weit gerechter. Zudem ist die englische Sprache unterschiedlich verbreitet, weil sie in vielen Staaten der Erde aus politischen Gründen teilweise auf kategorische Ablehnung stößt und einige damit einen gewissen Sprachimperialismus verbinden. Eine in jeder Hinsicht neutrale Sprache wie Ido würde dieses wichtige Problem lösen und damit auch Minderheiten, die unter dem sprachpolitischen Diktat ihrer Regierungen stehen, die internationale und interkulturelle Verständigung erleichtern.
16vor: Wie viele Menschen auf der Welt sprechen Ido?
Schmidt: Das kann man leider nicht genau beziffern. Es sind aber einige Tausende.
16vor: Wie will es die Ido-Gesellschaft schaffen, diese Zahl zu erhöhen?
Schmidt: Zunächst einmal ist wichtig, dass es keinesfalls unser Ziel ist, irgendwelche Sprachen zu verdrängen. Wir möchten dazu beitragen, dass die Kommunikation zwischen den Kulturen sich vereinfacht. Ido ist da unseres Erachtens die bestmögliche Zweitsprache, weil sie jeder relativ leicht erlernen kann. Was die Erhöhung des Verbreitungsgrades betrifft, gibt es mehrere Möglichkeiten. Wir versuchen beispielsweise durch eigene Publikationen, den Bekanntheitsgrad der Sprache zu vergrößern. Auch bietet das Internet neue Chancen, das uns den Aufbau eines Ido-Wikipedia ermöglichte. Und neben medialer Aufmerksamkeit wie durch dieses Interview helfen uns auch Projekte wie jüngst die Übersetzung des „Tagebuchs der Anne Frank“ dabei, dass die Sprache im kulturellen Alltagsleben in Erscheinung tritt.
16vor: Sie selbst sind promovierter Politikwissenschaftler und arbeiten als Verwaltungsbeamter in München. Ein Job, der nicht direkt auf eine große Leidenschaft für eine Plansprache schließen lässt…
Schmidt: Wie die meisten Idisten habe ich vor einigen Jahren ganz zufällig von der Existenz der Sprache erfahren. Relativ schnell hatte ich dann Kontakt zur Deutschen Ido-Gesellschaft aufgenommen und die Beschäftigung mit diesem Thema entwickelte sich zu einer echten Passion. Besonders interessant fand ich von Beginn an, dass die Ido-Bewegung keine abgeschottete Sekte von Interlinguisten ist, sondern in der Mehrheit von Menschen getragen wird, die keine sprachwissenschaftliche oder akademische Ausbildung absolviert haben, die aber trotzdem perfekt Ido sprechen.
16vor: Die Jahreshauptversammlung der Deutschen Ido-Gesellschaft wird in Trier stattfinden. Was macht die Römerstadt zum idealen Tagungsort für Idisten?
Schmidt: Das war meine Idee. In erster Linie ist Trier eine bezaubernde Stadt, die ich bereits seit vielen Jahren kenne, zumal mein Bruder Siegmar Schmidt an der hiesigen Universität bis 1998 Politikwissenschaft lehrte. Hinzu kommt, dass die Region eine sprachliche Vielfalt bietet, die man nicht überall in Deutschland findet. Allein die Nähe zu Luxemburg, Frankreich und Belgien gibt uns die Gelegenheit, mit Idisten aus verschiedenen Sprachräumen zusammenzutreffen. Wir wissen natürlich, dass sich die Sprache nicht allzu schnell verbreiten wird. Aber wenn man bei solchen Treffen immer wieder sieht, wie erfolgreich Ido in seiner praktischen Umsetzung die tiefgründige Kommunikation zwischen Menschen ermöglicht, die sich ansonsten vielleicht nur mit Händen und Füßen einander verständlich machen könnten, dann bereitet einem das ein großes Glücksgefühl.
von Christian Baron
