„Das ist ein starkes Gefühl“
Am vergangenen Samstag vor fünf Jahren ging 16vor online. In mehreren Tausend Texten und Meldungen haben wir seit dem 17. März 2007 über das Trierer Stadtgeschehen berichtet. Im Gespräch werfen die beiden Herausgeber und Redaktionsleiter Christian Jöricke und Marcus Stölb heute einen Blick zurück und ziehen eine Zwischenbilanz: Was lief gut, was könnte besser laufen? Die 16vor-Macher berichten von Selbstzweifeln und Morddrohungen, Freundschaft und treuen Mitstreitern, und sie hoffen, dass sich die finanzielle Basis des Angebots weiter verbessert – denn Journalismus kostet Zeit und Geld.
Marcus Stölb: Christian, wenn du an die vergangenen fünf Jahre zurückdenkst: Was war der Moment, an dem du dachtest, das wird jetzt eine längere Sache mit uns?
Christian Jöricke: Dieses Ziel hatte ich von Beginn an.
Stölb: Das ging mir nicht anders, aber wirklich daran geglaubt, dass wir so lange durchhalten würden, habe ich damals wohl nicht.
Jöricke: Warum nicht?
Stölb: Weil 16vor ein Experiment war, von dem niemand sagen konnte, ob es dafür einen Bedarf gibt. Klar war ich von Beginn an überzeugt, dass es in Trier eine journalistische Alternative zur damaligen Monopolpresse brauchte, und ich bin es natürlich noch immer. Aber ob das in Form eines Online-Angebots funktionieren würde, das war doch eher ungewiss.
Jöricke: Ich hatte nie Zweifel daran. Weil wir von Anfang an gute Leute mit ihm Boot haben. Und obwohl ich zum Kulturpessimismus neige, glaube ich immer noch, dass sich Qualität durchsetzt. Solange das unsere Anzeigenkunden auch sehen. Hast du denn zwischendurch mal ans Aufhören gedacht?
Stölb: Das mit den guten Leuten im Boot kann ich nur bestätigen. Ohne unsere Mitstreiter, die sich mit Leidenschaft und Idealismus einbringen, wäre 16vor ja undenkbar. Was das Aufhören anbelangt – da gab es schon den ein oder anderen Moment. Dass es kurze Krisen gab, will ich nicht leugnen.
Jöricke: Im vergangenen Herbst gab es eine solche. Unter anderen haben uns gute Mitarbeiter verlassen, weil sie ins Ausland gingen oder umgezogen sind, und das Anzeigenaufkommen war schlecht. Was hat dich dennoch bewogen weiterzumachen?
Stölb: 16vor ist unser Baby, da überlege ich mir nicht nur dreimal, ob ich so etwas aufgebe. Den Ausschlag weiterzumachen, gaben letztenendes aber mehrere Gründe: Einmal die großartige Freundschaft mit dir – dass wir in vielerlei Hinsicht höchst unterschiedlich sind und doch an 99 von 100 Tagen super zusammenarbeiten; dann unsere Mitstreiter und das Gefühl, dass wir mit unserer Arbeit sehr viele Menschen erreichen. Und nachdem in anderen Städten wie Oldenburg vergleichbare Angebote an den Start gingen, konnten wir schlecht die Flinte ins Korn werfen. Außerdem gab es in den fünf Jahren sehr viele schöne Erfahrungen mit 16vor, das kannst du doch sicherlich bestätigen?
Jöricke: Oh, ja. Was mich jedes Mal sehr motiviert, ist positives Feedback. Das ist für mich ausschlaggebend, warum es 16vor noch gibt. Es ist ein starkes Gefühl, zu lesen und zu hören, wie vielen Leuten etwas an unserem Projekt liegt. Da wir finanziell noch nicht da sind, wo wir hin wollen, ist das unwahrscheinlich wichtig. Aber auch Kritik und Anregungen unserer Leser sind für uns interessant, weil sie uns weiterbringen.
Stölb: Gibt es Berichte, auf die du rückblickend besonders stolz bist?
Jöricke: Der Text über den Musikantenstadel in der Arena war ganz nett. Und über die Flippers. Gerne denke ich auch an die Rezension über das Konzert von James Last, deretwegen ich Morddrohungen mehrerer Fanclubs erhalten habe. Hast du einen Lieblingstext?
Stölb: Morddrohungen habe ich noch nicht erhalten, da kann ich nicht mithalten. Wenn es einen Beitrag gibt, an den ich heute noch gerne zurückdenke, dann unseren Exklusivaufmacher: „Habemus Stephan: Ackermann wird Bischof“. Ich habe nicht wirklich gut geschlafen, nachdem der Text online gegangen war. Das hätte ja auch böse nach hinten losgehen können, wenn dann ein anderer Name verkündet worden wäre.
Lass uns mal einen Blick in die Zukunft werfen. Eine Herausforderung ist und bleibt ja die Finanzierung von 16vor. Welche Hoffnungen und Erwartungen hast du in dieser Hinsicht?
Jöricke: Da uns seit kurzem zwei fähige Leute bei der Anzeigenakquise und der Vermarktung unterstützen, bin ich zuversichtlich, dass sich die Werbeeinnnahmen und die Zugriffszahlen weiter erhöhen werden. Und wenn wir in den nächsten Monaten noch ein paar Dutzend Mitglieder für unseren Förderverein gewinnen können, wird 16vor auch wirtschaftlich interessant. Wo steht 16vor für dich in fünf Jahren?
Stölb: Soweit kann ich nicht in die Zukunft schauen, aber um auf die finanzielle Basis zurückzukommen – diese hat natürlich Einfluss auf unsere redaktionelle Weiterentwicklung. Wir beide müssen ja derzeit auf mehreren Hochzeiten tanzen, um unseren Lebensunterhalt zu bestreiten. Gelänge es uns dank höherer Anzeigeneinnahmen und Spenden sowie Fördermitgliedsbeiträgen, uns noch stärker auf 16vor zu konzentrieren, wären wieder investigative Geschichten drin, oder neue Formate. Guter Journalismus kostet Geld und Zeit, von Beidem könnten wir mehr gebrauchen. Gegenfrage: Wo siehst du das größte Potenzial für 16vor für die nächsten Jahre?
Jöricke: Da, wo ich es seit dem Beginn sehe: Mit sprachlich reizvoller, kritischer Berichterstattung eine Alternative zu anderen Trierer Medien zu sein.
von 16vor

