Berechenbar komisch
1972 wurde „Sonny Boys“ am Broadway uraufgeführt, und die Entstehungszeit des Stücks merkt man ihm an: Es ist ungehemmt sexistisch, nicht eben von subtilem Humor geprägt und die Hauptfiguren sind zwei trotzige Gören, äh, zwei eigensinnig alte Männer. Doch wem’s gefällt, das Premierenpublikum hatte am Donnerstagabend seinen Spaß und die Schauspieler spielten gut im ausverkauften Studio.
TRIER. Eine Hotelsuite, die in den vergangenen Jahrzehnten verkleinert wurde und ein abgehalfterter alter Mann, einstiger Komiker-Star, der die Suite nur noch ausnahmsweise verlässt und der auf ein Comeback wartet. Sein Neffe und Agent in einer Person, Ben Silverman (Tim Olrik Stöneberg), soll ihm dieses Comeback verschaffen. Onkel Willie Clark (Manfred-Paul Hänig) ist aber vergesslich geworden, Texte kann er sich nicht merken.
Doch dann ergibt sich die Gelegenheit: Ein Fernsehsender will Clark mit seinem ehemaligen Kollegen Al Lewis (Hans-Peter Leu in seinem Abschiedsstück vom Trierer Theater) buchen. Das kommt für Clark jedoch nicht in Frage. Hat Kollege Lewis ihn doch in den 43 Jahren gemeinsamer Karriere stets malträtiert: er stocherte in Clarks Bauch mit dem Zeigefinger und spuckte, wenn er ein „T“ aussprach, Clark ins Gesicht. Und dann, das Schlimmste, verließ ihn Lewis vor elf Jahren, ließ ihn von einem auf den anderen Tag stehen. Damit war Clarks Karriere vorbei.
Al Lewis ist aufgeschlossener, die beiden treffen sich in Clarks Suite. Selbstredend läuft schief, was schieflaufen kann. Aber es kommt zur Fernsehprobe. Der Doktor-Sketch. Hier kommt die aufgetakelte Krankenschwester (Rosa van der Peul) im kürzest denkbaren Rock, mit drallen Brüsten und beugt sich, die Hüfte hin- und herschwenkend, so dass Publikum wie „Doktor“ (Clark) ihr bequem untern Rock gucken können, und liest lispelnd Namen vor. Und das am internationalen Frauentag. Nicht alle Damen im Publikum waren begeistert. Amüsant.
Doch erneut selbstredend kriegen sich die zwei Kollegen in die Haare und die Fernsehsendung über die „Besten Komiker aller Zeiten“ findet ohne Clark und Lewis statt. Clark regt sich derart auf, dass er einen Herzanfall bekommt. Da er zu krank ist zum Arbeiten, soll Onkel Clark zum Neffen ziehen. Bloß nicht! Oder in ein Heim für abgehalfterte Schauspieler in New Jersey (in New Jersey wohnt Lewis bei seiner Tochter). Lewis kommt zu Besuch, er soll bei seiner Tochter ausziehen, die ein weiteres Kind erwartet. Und wo zieht er hin? Überraschung!
Also, für Unerwartetes ist die Geschichte nicht so gut, die Entwicklung ist quasi an jeder Stelle absehbar. Aber ein paar Details peppen die Geschichte dann doch auf. Die eben erwähnte politisch unkorrekte Episode mit der sexy Sketch-Schwester gehört dazu. Und allein die Hose der Regieassistentin (Alina Wolff) im Sketch, eine helle Bundfaltenjeans im Achtzigerstil, die Erinnerungen wachzurufen vermag: ganz schön gruselig! Und die drei roylichtensteinesken Kuhbilder, in immer höherer Abstraktion dekorativ an der Bühnenwand: Wo kann man die kaufen?
Darum geht es aber nicht. Es geht um die Schauspielkunst, schließlich sind wir im Theater. Der Neffe und Agent Ben, von Stöneberg ein wenig steif dargebracht: „Passt scho“, wie der Bayer sagen würde. Denn er kapiert nicht wirklich, was abgeht zwischen Onkel und dessen Kollege. Und trotzdem kriegt er mit dem Onkel immer wieder die Kurve, animiert diesen erfolgreich zu unliebsamen Taten.
Alina Wolff beweist nicht nur als Regieassistentin mit Lachern vom Band, sondern auch als pralinenessende Krankenschwester am Bett des bettlägerigen Clark ihre Wandlungsfähigkeit und ihr schauspielerisches Können. Die beiden Sonny Boys, die Protagonisten, überzeugen als rechthaberische Trotzköpfe, die zum Schluss nett aufeinander zugehen. Zuweilen schickt der eine (Leu) dem anderen (Hänig) nur einen langen Blick, während Neffe Ben irgendetwas daher quatscht, und das Publikum muss lachen. Wiederholungen und stereotype Handlungen ohne Worte lösen Lacher aus. Am witzigsten ist es also oft, wenn gar nicht gesprochen wird.
Aber ebenso, wenn, durchaus berechenbar, der eine (Hänig) trotz ernstgemeinter Drohung des anderen (Leu), dann sei die Probe abgebrochen, statt „Herein!“ lieber „Hereinspaziert!“ brüllt. Man weiß es, es wird gleich kommen, es wird gleich wieder kommen. Und dann kommt es wieder mit einer Inbrunst, dass man sich darüber amüsiert, geht nicht anders. (flo)
Weitere Aufführungen im März: Freitag, 16. März, 20 Uhr; Sonntag, 18. März, 18 Uhr; Mittwoch, 21. März, 20 Uhr; Samstag, 24. März, 20 Uhr; Dienstag, 27. März, 20 Uhr, jeweils im Studio.
von 16vor
