Arrivederci Coolness

Es gibt auf dem Theater nicht Schöneres, Lustigeres und Erhebenderes als ein Sänger, der weit die Arme ausbreitet und auf einer Arie ins Reich der Leidenschaft fliegt. Das wusste Rossini. Auch Regisseur Nils Cooper weiß es und verzaubert mit einem „Barbier von Sevilla“ voller Witz und Emotion. Bei der Premiere am vergangenen Samstag im Theater Trier ließ sich das Publikum zu Begeisterung hinreißen.

TRIER. Handlung und Konstellation von Gioacchino Rossinis Oper sind angelehnt an die italienische Typen-Komödie (Libretto: Cesare Sterbini) und scheren sich nicht um Logik und Psychologie: junger Graf liebt hübsche Rosina, alter Dottore und Vormund will Rosina wegen ihres Vermögens heiraten, schlauer Figaro zieht die Fäden im Hintergrund, Liebe triumphiert über Geld.

Doch unter dieser klischeehaften Oberfläche wuchern im „Barbier von Sevilla“ genialisch die Extreme des Gefühls. Liebe, Leidenschaft, Habgier, Hass äußern sich in mitreißendem Gesang und atemberaubender Rhythmik. Generalmusikdirektor Viktor Puhl führt das Philharmonische Orchester subtil und mit feinem Sinn für musikalische Ironie durch die aufwallenden Gefühlswelten. Das Orchester spielt berauschende Musik, voller gegenläufiger Rhythmen, markanter Dynamikwechsel und virtuoser Melodik. Wenn die Sänger mit höchster Präzision, ernster Miene und fast schon diabolischem Witz ihre eigene Gesangsakrobatik konterkarieren, entsteht insbesondere in den mehrstimmigen Partien eine Spannung, die das Herz höherer schlagen lässt.

Svetislav Stojanovic gibt die Partie des verliebten Grafen Almaviva mit Enthusiasmus und großer Wandlungsfähigkeit. Um zu Rosina zu gelangen, muss er in verschiedene Rollen schlüpfen. Wenn er plötzlich den roten Vorhang auseinanderreißt, als betrunkener Soldat hervortritt und mit ausgebreiteten Armen und dramatischem Tenor den Helden mimt, dann ist das einer dieser Momente auf dem Theater, die entzücken und beglücken. Bei allem Spielwitz glaubt man dem Grafen doch seine echte Begeisterung für Rosina.

Kein Wunder, denn hinreißend ist sie, dargestellt von der charmanten Evelyn Czesla. Wenn sie ihre Koloraturen genüsslich pointiert, spielt sie augenzwinkernd auf die Jubelgeräusche an, mit der Frauen ihre Vorfreude auf ein aufregendes Rendezvous ausdrücken können.

Alexander Trauth begeistert als Dottore Bartolo. Mit burleskem Körpereinsatz und skurriler Gesangsverve macht der stimmgewaltige Bariton aus dem alten Fiesling fast einen Sympathieträger. Sein Widerpart, der clevere Barbier, wird grandios verkörpert von Carlos Aguirre. Er schmettert nicht nur die Parade-Arie (Figaro, Figaro, Figaro…) mit einer Präzision und Ironie, dass es eine wahre Lust ist. In den weiteren Rollen brillieren die Mezzo-Sopranistin Claudia-Denise Beck als miesepetrige Dienerin Marzelline, der kernige Pawel Czekala als korrupter Musiklehrer Basilio, Carsten Emmerich als Diener Fiorillo und Wolfram Winter als Offizier. Ein gut aufgelegter Chor (Einstudierung: Angela Händel) sorgt für musikalische und szenische Dramatik.

Regisseur Nils Cooper und Ausstatterin Monika Frenz entstauben den Opern-Hit, indem sie virtuos mit traditionellen Theatermitteln spielen. Die Typen der commedia dell´arte gestikulieren und hüpfen wie Kasperle und Grete über die Bühne. Licht und Schatten wechseln, schwarze Mäntel wehen und dunkel umschattete Augen rollen wie im Stummfilm-Drama. Aufwändige Kostüme und Frisuren des Rokoko (Chefmaskenbildner: Rüdiger Erbel) persiflieren den Hang zu Steifheit und Perfektion. Theaterdonner, Windmaschine, Flitterregen – ein zauberhaft leichtes Spiel von Illusion und Verfremdung.

Bühnenbildnerin Monika Frenz holt den Zuschauer mit einem Trick immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Das witzige Liebesdrama nimmt seinen Lauf auf einer Guckkastenbühne. Diese steht auf der „echten“ Bühne des Trierer Theaters, auf der ein Hausmeister im grauen Kittel (Hans Peter Leu) stumm seiner Arbeit nachgeht, hin und wieder ins Bühnengeschehen eingreift, um dann wieder den Steinhäger aus dem Kühlschrank zu holen. Diese Doppelbödigkeit ist charakteristisch für die außerordentlich gelungene Inszenierung.

Denn neben den Wirkmechanismen arbeitet Cooper den emotionalen Reichtum der Oper besonders heraus. Die übersteigerten Gefühle machen nicht nur Spaß und wärmen das Herz. Die Inszenierung entwirft geradezu ein Gegenkonzept zur Coolness einer digitalisierten Konsumgesellschaft. Leidenschaft, Freude, menschliche Schwächen und Lebendigkeit auf der Bühne stehen im deutlichen Kontrast zu einer Welt, in der Menschen mit Kopfhörern in den Ohren und Smartphone vor der Nase blick- und interesselos an einander vorbeitaumeln. Das ist wunderbar und überträgt sich auf die Zuschauer – sie lassen ihrer Begeisterung freien Lauf.

Weitere Aufführungen: Dienstag, 20 Uhr; Freitag 19.30 Uhr. Wiederaufnahme im Oktober.

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