„Sich weit aus dem Fenster zu lehnen, ist immer gut“

Seit dem vergangenen Herbst ist das Theaterhaus Jena fest in Trierer Hand. Mit Moritz und Benjamin Schönecker, Veronika Bleffert und Roman Schmitz gehört ein Quartett aus Deutschlands ältester Stadt dem Leitungsteam an. 16vor traf die vier im Theatercafé Jena, das sich direkt neben ihrer Wirkungsstätte im Schillergässchen befindet. Dabei sprachen die Exilanten über ihre alte Heimat, ihre neue Wirkungsstätte und warum sie ihre Vorstellungen von Theater wohl derzeit nur in Jena umsetzen können.

JENA. Für einen kurzen Moment hält Moritz Schönecker inne und blickt vor sich ins Leere, als die Sprache auf die teilweise vernichtenden Kritiken an seiner Jenaer „Faust“-Inszenierung zur Eröffnung der Spielzeit 2011/12 fällt. Offenbar verletzte den neuen Künstlerischen Geschäftsführer des Theaterhauses diese Missbilligung seines Schaffens. Haupttenor in einigen Rezensionen zur bundesweit vielbeachteten Premiere am 24. November war der Vorwurf, die Aufführung sei zu klassisch und konventionell geraten, ja sogar von zu viel Professionalität war die Rede.

Natürlich seien negative Reaktionen ärgerlich, räumt Schönecker ein. „Auf der anderen Seite“, ergänzt er, als sein Blick wieder entschlossener wirkt, „haben wir damit auch erreicht, dass sich die Menschen mit dem auseinandersetzen, was wir ihnen anbieten. Und genau das ist letztlich eines unserer zentralen Ziele“.

Natürlich, sekundiert sein Bruder Benjamin, sei mancher überrascht gewesen. Pauschale Kategorisierungen bezeichnet er aber als ebenso dämlich wie abschließende Bewertungen nach nur einer Inszenierung: „Wir wollen eine bunte Mischung im Programm. Damit gehen wir Risiken ein, aber sich aus dem Fenster zu lehnen, ist am Theater immer gut.“ So war es wohl eher ein subtiles Spiel mit den Erwartungen, die einem Leitungsteam automatisch entgegenschlagen, in dem niemand viel älter als 30 Jahre alt ist. Für ein Haus, das traditionell wie kaum ein Zweites hierzulande für Experimentierfreude steht, war dieser „Faust“ in der Tat ein besonders überraschender Einstand.

Doch das Unerwartete scheint für sie ohnehin eine Konstante zu sein. Was sich schon daran zeigt, wie zufällig ihr Engagement in Jena seinen Lauf nahm. Von einem Freund erfuhr Moritz Schönecker eher beiläufig, dass das Theaterhaus eine neue Leitung suche: „Da ich in solchen Theaterlandschaftsdingen nicht sonderlich bewandert bin, hatte ich zuvor nur wenig über das Haus gewusst.“ Schnell jedoch fand er dessen Profil hochspannend und bewarb sich um die vakante Stelle, nachdem auch die anderen in seinem Wunschteam zugesagt hatten:, unter anderem Benjamin Schönecker, Veronika Bleffert (beide Bühnen- und Kostümbildner) und Roman Schmitz (Assistent der Künstlerischen Leitung).

Die Schöneckers sind gebürtige Trierer, verließen die Moselmetropole jedoch nach dem Abitur, um in München Sprech- und Musiktheaterregie (Moritz) und in Zürich und Berlin Bühnenbild (Benjamin) zu studieren. Bleffert ging in Trier zur Schule und studierte an der hiesigen Fachhochschule Modedesign. Schmitz schließlich stammt aus Duisburg und kam erst zum Soziologie-Studium nach Trier, wo er als Mitgründer und Regisseur von „TheaterUmriss“ und „Karussell e.V.“ an der Gestaltung der freien Theaterszene in den vergangenen Jahren maßgeblich beteiligt war.

Theater als sozialer Raum für alle Altersgruppen

Mit ihrem Gesamtkonzept überzeugten sie die Findungskommission und setzten sich damit gegen 60 konkurrierende Bewerbungen durch. Dass die vier als Team ihre künstlerische Begeisterung nun an einem städtischen Theater mit derartigen Freiheiten ausleben dürfen, hängt aber auch mit der Struktur der Spielstätte zusammen. Im Juli 1993 gründete sich die Theaterhaus Jena gGmbH, die sich aus gleichen Anteilen aus Zuschüssen von Stadt und Land finanziert. Den Standort sichert ein Pachtvertrag mit dem Jenaer Eigenbetrieb KIJ (Kommunale Immobilien Jena). Von Beginn an waren alle Gesellschafter Mitarbeiter des Hauses. Anfang 2000 engagierte man mit Claudia Bauer, Rainald Grebe, Sabine Westermaier und Roman Rösener eine künstlerische Leitung, die das Theaterhaus bis 2004 zu einer deutschlandweit bekannten Talentschmiede für Nachwuchsautoren und -regisseure formte.

Hinzu kommt, dass die Stadt offenbar daran interessiert ist, dieses positive Image des Theaters aufrechtzuerhalten und ein wenig von dessen Glanz auch auf das Bild von Jena zu lenken trachtet, wie Moritz Schönecker glaubt: „Wir werden von der Stadt hervorragend unterstützt und haben gleichzeitig alle Freiheiten.“ Wodurch das Alter des Jenaer Stammpublikums (25 bis 45 Jahre) deutlich unter dem Bundesdurchschnitt liegt – obwohl es gar nicht die Absicht der Trierer Truppe ist, in Jena fast nur junges Volk zu begrüßen. „Am liebsten“, betont Bleffert, „würden wir alle Altersgruppen bei uns haben, weil am Theater möglichst alle teilhaben sollen“.

Das, feixt Benjamin Schönecker, sei ein Problem, das andere Theater nun wirklich gerne hätten: mehr altes Publikum. Bevor er sich für eine Zigarette nach draußen verabschiedet, scherzt er in breitestem Trierer Dialekt, er wolle gerne Intendant am Trierer Theater sein, „denn dann würden die mal richtig mit den Ohren schlackern!“ Es ist nur ein kleiner Seitenhieb auf das Trierer Stadttheater, aber doch offenbare ein direkter Vergleich auf vielen Ebenen tatsächlich eklatante Unterschiede, wie Roman Schmitz findet: „Das Theater Trier ist ein Dreispartenhaus und untersteht dem Stadtrat, was erklärt, dass man dort erst ein gewisses Alter erreicht haben und für eine ganz bestimmte Form von Theater stehen muss, damit das meist konservative Abo-Publikum gesetzteren Alters bei der Stange bleibt.“ Während sich die Versuche, eine Nähe zur Stadt herzustellen, in Trier bisher darin erschöpfen, bisweilen alternative Spielorte aufzusuchen, fällt den Jenaern wesentlich mehr ein.

Einmal im Monat wird beispielsweise die Große Bühne zur Volksküche. Bei kostenfreiem Schmaus erhält jeder Interessierte die Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen oder auf dem Parkett zu performen. Ein weiteres Exempel: Nachdem die ZDF-Sendung „Aspekte“ im vergangenen November einen Beitrag sendete, der Jena als vor Rechtsextremen wimmelnden Angst-Ort vorführte, reagierte das Theaterhaus mit einer Diskussionsveranstaltung mit Vertretern aus Politik, Wissenschaft und Kultur. In Zusammenarbeit mit dem Soziologie-Professor Stephan Lessenich und dem „The Voice Refugee Forum Jena“ erarbeitet die (ebenfalls aus Trier stammende) Gast-Autorin Claudia Grehn außerdem ein Stück mit Flüchtlingen, das Ende März Premiere feiern wird. Spannend zu werden verspricht auch das Projekt „Bezahlt wird nicht!“, das als Endlos-Probe mit Open-Stage-Charakter ebenfalls Ende März stattfinden wird, um gegen die in Jena ständig steigenden Mietpreise zu protestieren.

„Wir sind die Schnittstelle zwischen Realität und Illusion“

Nicht das einzige Problem, das Jena mit Trier teilt. Trotz aller Bemühungen und der kurzen Wege in der kleinen Großstadt ist es dem Theaterhaus auch in der thüringischen Stadt bislang nicht gelungen, den hehren Anspruch einer Verankerung des Theaters als sozialen Raum zu verwirklichen. Was sich nun zwar ändern soll, für Bleffert aber vor allem ein generelles Image-Problem ist: „Heutzutage gehen die meisten Menschen lieber ins Kino, weil es dort verdaulichere Kost gibt.“ Im Theater wisse man vorher oft nicht so genau, was einen erwarte, sodass gerade in unsicheren Zeiten berechenbare Ablenkung vielen umso wichtiger sei. Moritz Schönecker wehrt das mit einer Handbewegung beiseite, denn genau hier sieht er einen verkannten Vorteil des Theaters. Er selbst verstehe das Theaterhaus nicht nur als Hort der Hochkultur, sondern vor allem auch als physisches Medium mit gesellschaftlicher Relevanz: „Im Gegensatz zu Fernsehen oder Film können wir eine Schnittstelle zwischen Realität und Illusion bieten, wir sind greifbarer und direkter.“ Das ermögliche eine Verbindung von Soziokultur und Kunst, wie sie sich in Trier mit Tufa und Stadttheater an zwei getrennten Orten abspielen müssten.

Abgesehen von „Faust“ finden sich auf dem Jenaer Spielplan jedenfalls einige Stücke, die in Trier sicher an keiner der beiden Locations über die Bühne gehen könnten. Ob nun die Sepsis-Panikshow „Eigentlich läuft alles ganz prima“, das komplett im Dunkeln spielende „Betaville“ oder „Die blauen Augen des Terrence Hill“; eine Groteske, in der Bud Spencer und Terrence Hill im aktivierenden Hartz-IV-Staat in einem Arbeitslosenpark nochmal ganz neu anfangen müssen – nahezu alle Projekte am Theaterhaus sind alles andere als kalkulierbare Kassenschlager.

Auch Roman Schmitz inszeniert aktuell mit „Ich komme aus meiner Haut“ ein höchst experimentelles Stück, das mithilfe von Textfragmenten das Leben des Literaten Thomas Brasch nachzeichnet. Damit wäre er in Trier höchstens bei freien Theatern auf echte Resonanz gestoßen.

Gleichwohl vermisst das quirlige Quartett unisono die alte Heimat. Nachdem er von seiner Zigarettenpause zurückgekehrt ist, betont insbesondere Benjamin Schönecker, wie sehr er seine Lieblingskneipe vermisst: „Ich bin lokalpatriotisch, obwohl ich schon vor einigen Jahren da weggezogen bin. Das „Saarbrücker Eck“, Trier-Süd oder der gute Mosel-Riesling fehlen mir manchmal wirklich sehr“. Schmitz erinnert sich hingegen besonders gerne ans „Aom Ecken“ und andere schöne Winkel der Stadt wie etwa den Domfreihof. „Ich hatte in Trier wirklich eine tolle Zeit“, sagt er lächelnd, „auch wenn ich der Stadt fußballerisch offenbar kein Glück bringe. Als ich nach Trier kam, stand die Eintracht in der 2. Bundesliga, jetzt dümpelt der Verein in der Regionalliga herum.“ Ähnliches sehe er jetzt in Jena, wo Carl Zeiss in der 3. Liga kurz vor dem Abstieg steht.

Was nichts daran ändert, dass sich alle vier in jener im Aufbruch befindlichen Stadt pudelwohl fühlen, welche die Süddeutsche Zeitung vor wenigen Wochen auf ihrer Titelseite mit der Schlagzeile „Sehnsucht nach Jena“ adelte. „Es gibt zwar mehr Nazis als in Trier, aber hier wirken die Menschen trotzdem insgesamt offener, wir können unserer Liebe zur Kommunikation mehr frönen“, unterstreicht Veronika Bleffert die Headline. Auch der Zeitpunkt könne eine Rolle für die positiven Gefühle spielen, glaubt Benjamin Schönecker: „Viele Städte machen hin und wieder solche Boom-Phasen durch. Während in Trier derzeit vieles verschlafen und dröge wirkt, tut sich hier in Jena gerade in allen Bereichen so einiges.“ Kein Wunder, dass alle einstimmig nicken, wenn sein Bruder es auf den Punkt bringt: „Wir sind wirklich in einer sehr interessanten und schönen Zeit nach Jena gekommen.“

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