Laas‘ Letters from London… #9
Oh, mein Gott, nun ist es passiert. Ich bin einer von ihnen: ein Jogging Wanker! Da ist man gerade mal ein paar Monate in England, entdeckt die neue Kultur für sich, genießt alle fremden Eindrücke, lässt sich inspirieren und versucht dennoch, sich nicht komplett zu assimilieren und dann so etwas. Damit Ihr mich besser verstehen könnt, muss ich wohl weiter ausholen und mich erklären.
Ich wohne hier in London in einem Groundfloor Flat mit Blick zur Straße. Die Straße ist kaum von Autos befahren, wird aber gern von Joggern frequentiert, weil sie direkt zur Themse führt. Eigentlich bin ich ein gemütlicher Typ und Hass ist mir eher fremd. Ich liebe London, Great Britain, die Sprache und sogar das englische Essen, was Ihr sicherlich bereits mitbekommen habt. Was mir jedoch gleich zu Beginn meiner Zeit hier extrem negativ aufgefallen war, sind die Jogger.
Furchtbar. Ich sage es noch einmal: furchtbar! Sie laufen einzeln, paarweise oder in Gruppen. Sie sind meistens mit schrecklichen, sportlich aussehenden Klamotten bekleidet und rennen sogar im Winter in kurzen Hosen, damit man auch ja ihre muskulösen Beine sieht. Und Scheiße ja, sie erinnern mich immer daran, wie verrostet ich bin. Einsicht ist wohl der erste Schritt zur Besserung, und ich gebe es hiermit öffentlich zu: Ja, ich habe Patina angesetzt und bin wahrscheinlich auch ein paar Kilo schwerer geworden.
SO FUC#ING WHAT, dachte ich bisher, bis es vor vier Wochen anfing, frühlingshaft zu werden. Die Temperaturen stiegen, die Sonne schien fast täglich und rief mir permanent zu: Runter vom Sofa! Raus auf die Straße, Du Rollmops! Okay, Rollmops habe ich nur erfunden, hat die Sonne nie gerufen, aber irgendwie gefällt mir das Wort.
Dann kam also der Tag X, vor genau drei Wochen, und ich beschloss, mir Sportkleidung anzuziehen und einen Schritt weiterzugehen, ein echter Londoner zu werden, und begann zu laufen. Natürlich habe ich mich vorher noch aufgewärmt, gedehnt und einen Bogen um die Waage gemacht. Denn schließlich wollte ich mich nicht gleich zu Beginn verletzen (zum Thema „Krankenhaus“ gibt es bestimmt auch mal eine Kolumne) und mich nicht auch schon vorher deprimieren (Waage).
Hochmotiviert lief ich also los und spürte bereits nach zehn Metern sämtliche Muskeln und Sehnen meines Körpers, und ich konnte hören, wie meine Gelenke quietschen. Was für ein Gefühl, was für ein Geräusch. Kein gutes, das kann ich Euch sagen. Aber ich hielt durch und war gleich 20 Minuten unterwegs. Zuhause angekommen ließ ich mich, wirklich stolz auf mich, auf die Couch fallen und löschte meinen Durst erst einmal mit einer Dose Cherry Coke. Die hatte ich mir aber auch echt verdient, dachte ich mir, denn schließlich habe ich eine Menge Kalorien verbrannt, stimmt’s? Bei der Ernährungsumstellung bin ich schließlich ja auch noch nicht, kommt aber vielleicht – im Sommer. WHATEVER!
Bis heute habe ich durchgehalten (seit drei Wochen), gehe regelmäßig alle zwei Tage Joggen und merke, wie sich mein Körper lockert, ich fast dabei fliege. Natürlich habe ich auch herausgefunden, warum es hier so populär ist, über sämtliche Wege und durch die Parks zu flitzen. Im Gegensatz zu den Amis in L.A. (dort habe ich auch mal gewohnt) geht es den Briten tatsächlich um Fitness und gesundheitliche Aspekte. Meine eigene Motivation besteht mittlerweile sogar darin, im kommenden April beim London-Marathon mitzumachen. Ob als Zuschauer oder Starter wird sich noch zeigen. Die passenden Laufschuhe mit stabilitätsunterstützender Sohle habe ich mir bereits gekauft und bin damit nun endgültig einer von ihnen… ein echter Jogging Wanker.
Der Frühling ist wahrscheinlich nun auch bei Euch in Trier und so heißt das neue Motto: Runter vom Sofa! Raus auf die Straße! Und vielleicht begegnen wir uns ja mal beim Laufen, wenn ich das nächste Mal in der Stadt bin.
Macht´s gut
Euer Laas
P.S.: Eine neue Erfindung auf dem Markt wandelt übrigens die eigene Atemluft in Energie um und man kann zum Beispiel beim Joggen durch eine Maske atmen und einen Akku für das Mobiltelefon aufladen. Würde mich nicht wundern, wenn es dieses Produkt hier überall demnächst zu kaufen gibt, wo doch mobil telefonieren auf der Rankingliste an zweiter Stelle steht.
TIPPS:
http://www.dict.cc/englisch-deutsch/wanker.html
http://www.virginlondonmarathon.com/
http://www.metro.co.uk/tech/891783-gadget-invented-which-turns-breath-into-electricity-to-power-mobile-phone
Der Berliner-Trierer Konzeptkünstler Laas Koehler berichtet alle 14 Tage für 16vor aus London. Mehr Informationen unter: http://www.laaskoehler.tumblr.com.
von 16vor
