„Ich kann nur Fragen stellen“

Wiedersehen am Trierer Theater: Steffen Popp – von 2004 bis 2007 Regieassistent und Regisseur in Trier, wo er zuletzt „Kunst“ von Yasmina Reza inszenierte – kehrt jetzt mit Friedrich Dürrenmatts Komödie „Die Physiker“ ins Große Haus zurück (Premiere am Samstag um 19.30 Uhr). 16vor hat mit dem Wahl-Offenbacher über verschiedene Popp-Persönlichkeiten gesprochen, darüber, wie er den Klassiker der 1960er aktualisiert hat, und welch besondere Überraschung die Zuschauer erleben werden.

16vor: Im Internet habe ich gesehen, dass es zwei Steffen Popps gibt – der andere ist ein etwas jüngerer Literat – und dass laut Ihrer Homepage noch ein Lars Popp existiert. Zwillingsbilder finden sich allerdings nicht. Wer ist Lars Popp? Gibt es den überhaupt als getrennten Menschen?

Steffen Lars Popp: Na ja, als schizophrene, andere, zweite Existenz von mir. Mein voller Name ist eigentlich Steffen Lars Popp. Ich habe den Lars aber nie benutzt. Da ich aber tatsächlich auch schreibe, nur nicht in dem Sinne und dem Umfang, wie es der andere Steffen Popp tut, ergab sich für mich irgendwann die Notwendigkeit, dafür einen anderen Namen zu nehmen. Tatsächlich bin ich mit ihm ein paar Mal verwechselt worden.

16vor: „Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt ist eine Komödie mit politischem Hintergrund. Inszenieren Sie das Stück politisch?

Popp: Es ist von Dürrenmatt ganz klar aus den 1960er Jahren heraus politisch gemeint: Angst vor dem nuklearen Holocaust, Angst vor dem Dritten Weltkrieg, Angst vor der totalen Auslöschung. Und er benutzt Komödie mit Augenzwinkern, ganz böse. Eigentlich ist es eher eine Groteske. Er will die Zuschauer auf eine falsche Fährte locken und sagt: „Ich mach mal etwas, das sich erst einmal wie eine Boulevardkomödie anlässt, um es dann kippen zu lassen in etwas Anderes.“ Mit einem Schock-Ende hat er sich erhofft, dass das Publikum dann aufwacht.

Jetzt sind wir aber heute ein bisschen an einem anderen Punkt. Und der Spagat, der jetzt zu leisten ist, besteht darin, dem Stück einerseits Genüge zu tun und klarzumachen: Das ist ein Klassiker, und ich will jetzt nicht auf Biegen und Brechen alles übersetzen – was wäre „Die Physiker“ für heute? –, denn dafür müsste man ein ganz neues Stück schreiben. Deshalb spielen wir das Stück „Die Physiker“, aber gleichzeitig auch noch unsere Auseinandersetzung mit dem Stück „Die Physiker“, und versuchen immer wieder aufblitzen zu lassen, wo wir heute sind, was sich an der Grundproblemlage heute verändert hat. Der Zuschauer ist eingeladen, seine Konsequenzen für sich selber zu ziehen.

16vor: Wie machen Sie das?

Popp: Wir haben das Stück auf die grüne Wiese verlegt. Es ist schon noch im Sanatorium, aber nicht mehr in der Villa-Situation, sondern im Sanatoriumsgarten. Und dadurch wird es mir möglich, das Ganze ein bisschen breiter anzulegen, andere Figuren im Hintergrund weiterspielen zu lassen, damit es nicht immer nur zwei sind, die vorne irgendwie sitzen und Konversation machen. Das ermöglicht es mir, im Hintergrund noch ein paar andere Bilder zu bauen: Bilder für physikalische Vorgänge. Bilder auch für: Was ist Irresein? Welches Verhalten ist irre? Oder ist das nicht manchmal auch eine Frage der Zuschreibung, die wir haben?

Und es ist auch nicht mehr so wie in den 60ern, dass man sagen kann: „Irgendwo in einem kleinen Haus sitzt ein Physiker und denkt sich mal eben die Weltformel aus. Und das wird dem dann weggeklaut von der Privatwirtschaft.“ Heute ist es die Privatwirtschaft, die einen Auftrag vergibt. Teilweise ist das Zeug schon längst draußen. Der Genmais ist schon unterwegs, teilweise nehmen wir den schon in die Nahrung auf. Die Nanopartikel sind auch schon längst draußen, ich kann mein Auto damit versiegeln lassen. Aber keiner weiß, was diese Sachen für Effekte haben werden, wenn die in unseren Körper eindringen.

„Wir sind längst Teil des Experiments der Wissenschaftler“

Meine Überlegung ist, dass wir alle eigentlich schon längst Teil des Experiments der Wissenschaftler geworden sind. Das Labor ist nicht mehr abgeschlossen. Die ganze Welt ist zu einer Art Physiklabor geworden, zumindest was die Anwendungen angeht. Und dem wollten wir im Bühnenbild subtil, unaufdringlich mit dieser Wiese und damit, dass es ein größeres Ensemblestück wird, als es im Text steht, Rechnung tragen.

16vor: Sehen Sie den Menschen im experimentellen Physiklabor als eine Verschwörung?

Popp: Für das Stück jedenfalls gilt die Verschwörungstheorie, weil die Hauptfigur, die sich als die eigentliche Drahtzieherin des Stückes entpuppt, ein Verschwörungskomplott am Laufen hat, indem sie andere Figuren gegeneinander ausspielt und benutzt und ihr der Zufall immer wieder in die Hände spielt.

Wobei Dürrenmatt eigentlich die Hauptaussage treffen will: „Was alle angeht, können nur alle lösen.“ Das ist am Ende die Lehre: Das Scheitern von Möbius besteht darin, dass er meint, alles im Alleingang machen zu können. Am Ende muss er erkennen, dass er sich genau darum, weil er alles für sich behält, angreifbar gemacht hat.

16vor: Soll das Stück denn ein Lehrstück sein? Mit der Botschaft: Guckt es euch an und denkt drüber nach?

Popp: Das ist an dem Stück ja noch klassisch, dieses Grundproblem: Wir arbeiten an einer bestimmten Form von Wissen, was aber eine Gefahr mit sich bringt. Das ist sozusagen ein paradoxes Wissen, weil es uns einerseits den Fortschritt ermöglicht, weil es aber auch die Vernichtung ermöglicht. Die Frage ist, wie gehen wir damit um? Wie gehen wir mit dem Machbaren um? Alles, was machbar ist, wird gemacht.

„Ich versuche, noch eine Schippe draufzulegen“

Wie es geschrieben ist, atmet es einen boulevardesken Geist der 60er, der für heute ein bisschen schwierig ist, so dass ich versuche, aufbauend auf dem, was mir der Text vorgibt, noch eine Schippe draufzulegen. Das heißt bei uns, dass wir möglichst ein gutes, ein schnelles Tempo haben wollen. Und das, was der Dürrenmatt macht, sich Klischeefiguren zu nehmen und die Zuschauer wiederum auch in die Falle zu locken, indem er wiedererkennbare Groschenromanelemente ganz bewusst einsetzt – wie der etwas abgefuckte Inspektor, das Setting in dem Irrenhaus, das sind klassische Elemente, die man aus dem Groschenroman und aus der Pulp Fiction kennt. Was uns wiederum die Möglichkeit gibt zu sagen: „Das können wir für uns benutzen, ohne dass wir gegen den Text arbeiten müssten oder gegen den Dürrenmatt.“ Ich versuche etwas zu finden, was in dem Stück liegt, und da legen wir entsprechend eine Schippe drauf, damit das, was „Komödie“ heißt, auch noch gewahrt bleibt und man an dem Abend auch Spaß haben kann.

16vor: Haben Sie bei Ihren Inszenierungen Faibles für Themen und Atmosphären?

Popp: Von den Themen her bin ich eigentlich eher jemand für zeitgenössische Stücke, weil mich mehr interessiert, was jetzt ist, was jetzt passiert, und auch eine jetzige Ästhetik. Tatsächlich ist das Stück „Die Physiker“ eines der wenigen Male, wo ich ein älteres Stück spiele, auch, weil ich persönlich an dem Thema gut andocken kann.

„Der Zuschauer soll sich Sachen rausziehen“

Zudem komme ich aus einer leichten Freie-Szene-Performance-Ecke, und von daher bin ich nicht der Mensch für das große Ausstattungstheater. Ich arbeite gerne mit einfachen Theaterzeichen. Licht spielt bei mir immer eine sehr große Rolle. Jedes Theaterzeichen, also Musik, Schauspieler, Text, Kostüm, versuche ich, wenn möglich, so zu benutzen, dass jedes als Kunstform für sich stehen kann. So dass zwischen diesen Elementen eine Reibung, eine Spannung entsteht. Das heißt, wenn das Kostüm schon etwas Bestimmtes erzählt, müssen das nicht unbedingt die Schauspieler nochmal spielen oder ich brauche das Gleiche nicht noch einmal im Bühnenbild. Das heißt, im Idealfall habe ich einen Reichtum aus unterschiedlichen Künsten, die auf der Bühne zusammenkommen.

Ich bin jedenfalls nicht derjenige, der ein Botschaftstheater inszeniert. Als wüsste ich, wie es laufen muss… Das mag ich alles gar nicht. Mir geht es um einen Reichtum an ästhetischer Erfahrung und der Zuschauer soll sich selber Sachen rausziehen.

16vor: Sie machen also Angebote, es ist nicht einfach ein l’art pour l’art?

Popp: Nein, es ist nicht nur Kunst um der Kunst willen! Wir wollen schon wohin. Und mir ist es schon drum, dass man sagt: „Liebe Leute, was unseren technischen Fortschritt angeht, sind wir, wenn man ihn vielleicht als Logarithmus sieht, momentan an einem Punkt, wo die Kurve ganz steil nach oben geht.“ Der technische Fortschritt führt dazu, dass – historisch einmalig – fünf Generationen gleichzeitig in vollkommen unterschiedlichen Lebenswelten leben. Damit müssen wir uns jetzt beschäftigen: Wohin wollen wir damit eigentlich? Wir rennen der Entwicklung ja selber hinterher. Keiner entwirft uns eine Vision oder sagt, was wir mit dem ganzen Scheiß machen, den wir da produzieren. Müssen wir wirklich jedes Jahr ein neues Handy haben oder gibt es nicht eine andere Form von Fortschritt? Darum geht es. Aber ohne dass ich eine Antwort hätte. Ich kann nur Fragen stellen.

16vor: Meine letzte Frage: Was erwartet uns bei der Premiere?

Popp: Es gibt eine Überraschung, was das Bühnenbild betrifft, das einem ja erst einmal so schön und lieblich die Wiese entgegenkommt. Aber damit passiert etwas. (flo)

Premiere ist am Samstag um 19.30 Uhr, Termine und Tickets zu den Vorstellungen finden Sie unter http://theater-trier.de.

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