Laas‘ Letters from London… #5

2012. Zweitausendundzwölf wird sicherlich ein spannendes und ereignisreiches Jahr werden. In Trier eröffnet am Freitag, den 13. April, eine Wallfahrt zum Heiligen Rock. Im Juli geht es weiter und London veranstaltet eine Wallfahrt zu den Olympischen Spielen. Und ganz zum Schluss haben wir dann noch eine Wallfahrt der ganz besonderen Art, wenn nach esoterischen „Kenntnissen“ im Dezember die Welt untergehen wird. Nachdem nun das Motto für 2012 feststeht und ich tatsächlich vor lauter Vorfreude kaum schlafen kann, habe ich mir zur Überbrückung der Zeit eine Pilgertour durch die Londoner Galerieszene vorgenommen und nehme Euch heute mit!

Starten möchte ich bei der Hamiltons Gallery, welche die fotografischen Arbeiten von Annie Leibovitz unter dem viel versprechenden Titel „PILGRIMAGE“ ausstellt. Die Galerie liegt im reichen Mayfair und hat es anscheinend nicht mehr nötig, mit einem Schild oder einer wirklich sichtbaren Hausnummer aufzufallen (siehe Foto). Der Bau an sich wirkt schon fast sakral und steigert meine Erwartungen. Innen wirkt alles fast klein und dunkel, was sicherlich auch an den kleinen Formaten und der spärlichen Beleuchtung liegen kann. Ein Spitzdach mit viel Glas lässt an diesem stürmischen, dunklen Tag kaum Licht herein und gibt den Arbeiten zusätzlich eine Aura, welche dazu einlädt, die Reise anzutreten und sich mit Leibovitz‘ Fotokunst auseinanderzusetzen.

Ich entdecke den Hut und die Handschuhe, die einst von Abraham Lincoln getragen wurden, die wohl berühmteste Couch von Sigmund Freud und den Fernseher von Elvis Presley mit Einschussloch. Die am meisten beeindruckende Arbeit ist jedoch ein in Holz eingelassener Kompass von Lewis‘ und Clarks erster amerikanischen Überlandexpedition (1804 – 1806), der in einer Nische mit Altarambiente gezeigt wird und uns in der heutigen, manchmal orientierungslosen Zeit, gute Dienste erweisen könnte – wäre er real und nicht nur ein Abbild, eine Fotografie.

Ich verlasse die Ausstellung und pilgere weiter in Richtung Green Park Station. Der Wind ist so stark, dass ich fast getragen werde und dem heranrasenden Taxi nicht genug Aufmerksamkeit schenke. Ist ja noch mal gut gegangen! Mein Schutzengel? Gegenüber der Royal Academy of Arts liegt die Duke Street. Eine Galerienstraße, voll mit alten Meistern des 17. bis 19. Jahrhunderts, und ich werde positiverweise daran erinnert, das die Kunst vor Marcel Duchamp und Jonathan Meese noch ganz anders ausgesehen hat.

Trotz der meisterlichen Qualität und Schönheit zieht es mich weiter zur White Cube Gallery (Mason’s Yard), bei der ich mir die Fotografien von Jeff Wall ansehen möchte. Wie der Name der Galerie anmuten lässt, ist es tatsächlich ein schlichter Kastenbau mit weißen Wänden, welcher sich zurücknimmt und der Kunst den Vortritt lässt. Ich bin überrascht und erfreut, wie passend die Werke zu meiner heutigen Pilgertour interpretierbar sind und merke, dass ich mich auf dem richtigen Weg befinde. Im ersten Raum sind zum Beispiel zwei Landschaftsaufnahmen, welche auch auf dem Camino entstanden sein könnten, und an der Stirnwand hängt die Fotografie einer Grabstelle. Leben und Tod und die Zeit dazwischen… ist es nicht genau das, worum sich alles dreht?

Warum pilgern eigentlich die Menschen zum Heiligen Rock? Was für Erwartungen, Hoffnungen haben sie? Wie kann man auch philosophisch die Olympischen Spiele betrachten? Wow! Was die Kunst so alles für Gedanken auslöst!

Weiter geht’s und im Untergeschoss finde ich eine Fotoserie, bestehend aus vier Arbeiten, in denen ein Mann in ritueller Weise einen Kasten öffnet. Er betrachtet ein sich darin befindendes Dokument, welches Bezug zu einem Stück aus dessen Sammlung nimmt. Ein Hemd mit Bügel. Welcher Trierer würde dabei nicht sofort an den Rock denken?!

Die Fotografie „Boy falls from tree“ zeigt einen Jungen, der von einem Baum fällt (lag ja fast auf der Hand) und gerade bei diesem Motiv empfinde ich einen starken religiösen Bezug. Wie heißt es? Jesus ist auch für Dich am Kreuz gestorben oder so ähnlich. Bevor ich aber nun völlig sentimental werde und eine Firmung beantrage, verlasse ich lieber die White Cube Gallery und gehe in der Church of Coffee (COSTA) einen Kaffee trinken.

Zuhause lässt mich das heutige Thema noch nicht völlig los und ich bin irgendwie ganz hibbelig. Ich sehe mir zur Entspannung den Film „The Way“ an, der mich auf den Camino nach Santiago de Compostela führt und damit einen wunderbaren Pilgertag abschließt. Meine Vorfreude auf die Wallfahrt im April hat sich allerdings nur noch verstärkt und ich hoffe, auch Ihr seid in Stimmung für das, was denn da in diesem Jahr 2012 kommen möge.

Omnes viae Romam perducunt – alle Wege führen nach Rom… über Trier!

Euer Laas

TIPPS:

http://www.hamiltonsgallery.com/
http://whitecube.com/exhibitions/jeff_wall_1/
http://www.costa.co.uk/
http://theway-themovie.com/
http://www.pilger-weg.de/orte/london.html

Der Berliner-Trierer Konzeptkünstler Laas Koehler berichtet alle 14 Tage für 16vor aus London. Mehr Informationen unter: http://www.laaskoehler.tumblr.com.

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