Laas‘ Letters from London… #3
Was gibt es Schöneres als die herzerquickende Weihnachtszeit? Sie beginnt Mitte Oktober, wenn die ersten Kekse in Engelsform die Supermarktregale erreichen und endet erst, wenn auch wirklich alle ungeschickt ausgewählten Geschenke umgetauscht sind, also Mitte/Ende Februar. Nach den Keksen kommen die Schokoweihnachtsmänner, dann die fröhlichen Sponge-Bob-Adventskalender und endlich, endlich, im dunklen November werden die Lichter angeschaltet.
Jetzt beginnt der Höhepunkt des Jahres für alle, die Angst im Dunkeln haben, Kinder sind oder geblieben sind und das Shopping lieben. Überall Rabatte: „BUY ONE GET ONE FREE“, „30% Off“, „shop ´till you drop“ und die Werbung macht uns mit ihrer bunten und verlockenden, aber dennoch sehr aggressiven Art und Weise unmissverständlich klar: Wer nichts verschenkt, muss ein Arschloch sein!
Wie wirbt ein deutscher Elektronikhändler in diesem Jahr? „Weihnachten wird unterm Baum entschieden“, habe ich mir sagen lassen. Das sind doch mal klare Worte. Wie gut, dass ich gar keinen Baum zu Weihnachten aufstelle, weil ich allergisch auf Tannennadeln reagiere. Mein Körper wird schon wissen, wovor er mich schützt.
Aber nun genug der Kritik und schauen wir doch lieber auf das Positive, das Schöne, wenn das Fest der Liebe ansteht. Es ist sicherlich eine besinnliche Zeit und ich persönlich liebe die Lichter, das Leuchten und die Verpflichtung, mindestens einmal im Jahr nett zu sein oder es wenigstens zu versuchen. Man macht sich Gedanken, was gekocht wird, es wird gebacken, die Wohnung dekoriert und man überlegt, wie die Feiertage begangen werden sollten. Es gibt Traditionen und die Freiheit, diese zu überprüfen. Eigentlich doch eine schöne Zeit, oder? Dass der meiste Stress selbstgemacht ist, muss ich wohl als Klugscheißer hier nicht erwähnen!
Whatever. Kommen wir zum Licht zurück. Es wird ja nun schon immer sehr früh dunkel und es ist ein herrlicher Anblick, auf der Millenium Bridge zu stehen und die Skyline von London zu betrachten. Die St Paul’s Cathedral, wie sie illuminiert heraussticht (dort gibt es übrigens kostenlose Weihnachtskonzerte), und die vielen, vielen Menschen zu beobachten, wie sie ihren Weg nach Hause finden, nachdem sie noch im Pub waren (das meinte ich mit Tradition).
Und weil das alles irgendwie mein inneres Kind berührt, habe ich nun richtig Lust auf einen Weihnachtsmarktbesuch. Zur Auswahl habe ich das Winter-Wonderland im Hyde Park, aber dazu müsste ich jetzt mit der Tube fahren und das mitten in der Rush-Hour. Immerhin werben sie mit dem Slogan: „Nach Deutschem Vorbild!“. Aber nach U-Bahn ist mir jetzt gerade nicht, würde auch die Stimmung wieder senken. Ich entschließe mich, zum Southgate Center zu laufen, wo ein angeblicher Kölner Weihnachtsmarkt aufgebaut ist.
Die Luft ist klar und frisch und ich begebe mich auf den Weg, an der Tate Modern vorbei (einer meiner Lieblingskunstorte), wo gerade eine große Retrospektive des deutschen Malers Gerhard Richter gezeigt wird. Dort war ich bereits drei Mal – absolut sehenswert! Weiter geht’s an der Themse entlang und immer im Blick die leuchtende Skyline der Stadt.
Von weitem kann ich bereits das London Eye (Riesenrad) sehen und bin gleich da, am Southgate Center. Meine Erwartungen sind groß und meine Erfahrungen mit dem Original sind gegeben, und ich bin gespannt, was die Engländer zu bieten haben. Okay – der sogenannte Kölner Weihnachtsmarkt ist klein, aber sehr niedlich mit vielen Holzbuden und Schildern auf Deutsch. Mein Herz schlägt höher, und ich habe das Gefühl von Heimat… irgendwie. Sollte ich auch mal eine Kolumne drüber schreiben.
Als erstes muss der Bratmaxe getestet werden, der German Bratwurst für 4 GBP anbietet. Werde ich wohl als Spesen abrechnen. Teuer, aber lecker! Danke 16vor. Mit der Wurst in der Hand geht es weiter zum Flammkuchenhaus, dessen Besitzer seine Ware mit „Flammkuchen – the German Pizza“ anpreist. Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen und wende mich dem Stand mit aus Holz geschnitzten Häusern zu, die alle Original 19th Century German sind. Es ist doch immer wieder interessant, worauf wir Deutschen reduziert werden. Aber immerhin haben sie keine geschnitzten Hakenkreuze oder Runen im Angebot und das ist doch schon mal was!
Fast wie bestellt ertönt eine deutsche Schulklasse mit dem Lied „O Tannenbaum“ und ich kann nicht heraushören, ob es am Stimmbruch der Pubertierenden oder am Alkohol liegt, aber irgendetwas klingt schräg. Glühwein heißt hier übrigens „Mulled Wine“ und spricht sich nach vier Tassen dann doch wie „Glühwein“ aus. Getrunken wird viel, gegessen auch und da bekannterweise die Liebe durch den Magen geht, ist auch dieser deutsche Weihnachtsmarkt beliebt und gut besucht und sicherlich eine gute Alternative zu den Einkaufsmeilen on Regent Street, Oxford Street oder Covent Garden.
Mein Highlight des Abends war sicherlich das nostalgische Kinderkarussell, mit dem ich gefahren bin, während gerade eine Reportage für MTV gedreht wurde. Ja, so ist das hier, immer was los.
In echter Weihnachtsstimmung und mit einem Lächeln im Herzen begebe ich mich auf den Heimweg. Am London Eye vorbei, gehe ich gerade über die Westminster Bridge, als die Glocke im Big Ben schlägt und ich merke, wie glücklich ich bin. Ich spüre tiefe Dankbarkeit, hier zu sein, in dieser englischen Metropole, in dieser Weltstadt und die Möglichkeit zu haben, meine Erfahrungen mit Euch zu teilen. Schnief – Trief – Schmalz – aber es stimmt nun mal!
Ich wünsche Euch allen eine schöne und stressfreie Weihnachtszeit. Genießt die Feiertage mit Freunden und Familie und lasst das Schlechte einfach mal ein paar Tage ruhen. Be nice. Be gentle. Merry Christmas Trier!
Euer Laas
TIPP: Weihnachten in London
Der Berliner-Trierer Konzeptkünstler Laas Koehler berichtet alle 14 Tage für 16vor aus London. Mehr Informationen unter: http://www.laaskoehler.tumblr.com.
von 16vor
