Laas‘ Letters from London… #2
Was für ein Traum. Ich liege im Bett und neben mir sitzt Karl Marx im Schneidersitz und liest mir aus „Das Kapital“ vor. Nur unwirklich kann ich verstehen, was er liest. Seine Stimme ist leise und obwohl er so dicht bei mir ist, dass sein Bart an meiner Stirn kitzelt, fällt es mir schwer, ihm zu folgen. Ich wache leicht benommen auf und schaue in die Augen meiner Katze. Mir wird klar, dass ich nur geträumt habe und weiß nun auch, was mich da gekitzelt hat. Guten Morgen Nada (meine Katze heißt so und nein, das ist nicht spanisch, sondern kroatisch und bedeutet Hoffnung) und guten Morgen London. Aufstehen und frühstücken ist angesagt, denn mein Traum kam nicht von ungefähr. Heute werde ich das berühmteste Stadtkind von Trier besuchen: unseren Karl Marx.
Geboren an der Mosel und begraben auf dem Highgate Cemetery in Nord-London. Ich fahre mit der Tube und steige bereits Hampstead aus, damit ich mir noch ein wenig die Gegend anschauen kann. Wirklich angenehm hier. Viele kleine Läden, es ist fast wie in einem kleinen Dorf und das mitten in der Stadt. Doch genug der Bummelei, ich habe ja noch etwas vor. An einer Bushaltestelle frage ich eine ältere Dame, welche Station ich aussteigen muss, um zum Friedhof zu kommen. „Swain’s Lane“, antwortet sie und ergänzt: „Sie gehen bestimmt zu Karl Marx, der wohnt da nämlich!“ Ich wundere mich über den Begriff „wohnen“ und spreche sie darauf an. Sie lächelt und meint nur, weil er doch so viel Besuch bekomme aus aller Welt. Was für eine süße, alte Dame. Wir haben noch ein nettes Gespräch, bis der Bus C11 anhält und ich einsteige.
Natürlich umrunde ich dann den halben Friedhof zu Fuß, weil ich doch an der falschen Stelle ausgestiegen bin. Egal, gleich bin ich bei Karl und freue mich. Aber es gibt auch noch eine schlechte Nachricht zuvor: Anfang Oktober haben Vandalen die Grabbüste mit Farbe beschmiert und so bin ich auch gespannt, wie sie jetzt aussieht.
Endlich am Eingang angekommen werde ich von Gordon, dem Parkwächter, begrüßt. Er arbeitet dort ehrenamtlich und fragt mich, wo ich denn herkomme. Aus Trier, aber ursprünglich aus Berlin, antworte ich. Marx‘ Geburtsort kennt er natürlich („of course“) und erzählt mir, dass er gestern noch in Berlin war. Seine absolute Lieblingsstadt. Ich muss schmunzeln, erwähne auch die Vorzüge von Trier und London, bevor ich ihn bestätige und freue mich, dass sich hier mal wieder der Kreis zwischen meinen drei Lebensstandorten schließt. Stolz zeigt er mir ein Foto in seinem Smartphone, auf dem er vor dem Marx-Engels-Monument am Alexanderplatz posiert. Zufälle gibt’s?! Die Szene mit ihm fand ich so witzig, dass ich ihn noch einmal für mich posieren lasse, inklusive Smartphone. Thanks, Gordon. Nun aber zu Karl Marx, der sicherlich bereits auf mich wartet.
Wow! Was für eine Grabstelle! Ich bin wirklich beeindruckt von der Büste. Vom Farbanschlag keine Spur mehr. Opium sei Dank! Hier wird unser Karl gut gepflegt. Ich setze mich zu ihm, wie er es zuvor in meinem Traum tat, und lasse erst einmal die Atmosphäre auf mich wirken. Selbstverständlich erzähle ich ihm von meiner Kolumne und dass ich, genau wie er, nun auch in London lebe. Den Traum verschweige ich. Hier ruht er nun, unser Karl mit seiner Jenny, vereint für die Ewigkeit – ein wahres Ehrenmal. Ein aufkommender Regenschauer zwingt mich, meinen Besuch früher als geplant abzubrechen. Ruhig und innerlich gelassen begebe ich mich auf den Rückweg und verlasse die Pilgerstätte.
Auf dem Weg zur Tube-Station komme ich an einem kleinen Buchladen vorbei und besorge mir noch „Das Kapital“, ein Werk, welches wir alle zu dieser besonderen Zeit mal wieder lesen könnten und sollten. WORKERS OF ALL LANDS UNITE, aber vielleicht nicht nur die Arbeiter – ALLE MENSCHEN! Macht’s gut.
Euer Laas
P.S. Bei meiner neu erworbenen Bettlektüre höre ich ein leichtes Schnurren und ratet mal, von wem. Die Hoffnung stirbt zuletzt…
HIGHGATE CEMETERY: Tube-Station Hampstead Heath, kleiner Fußweg, Bus C11 Richtung Archway, Haltestelle Swain´s Lane
TIPP: 2013 wird es übrigens eine große Karl-Marx-Ausstellung im Stadtmuseum Simeonstift geben. Darüber hinaus besteht der Wunsch, die Ausstellung im Anschluss auch hier in London zu zeigen. Den Karl würde es sicherlich freuen…
Der Berliner-Trierer Konzeptkünstler Laas Koehler berichtet alle 14 Tage für 16vor aus London. Mehr Informationen unter: http://www.laaskoehler.tumblr.com.
von 16vor
