„Beste Hälfte der Saison“
Ob er wusste, dass er mit einem blauen Auge davon gekommen war? So schelmisch grinste Henrik Rödl zumindest bei der Pressekonferenz und betonte ausdrücklich, dass er äußerst glücklich über diesen Erfolg sei. „Auswärtssiege zählen in dieser leistungsmäßig so engen Liga immer doppelt“, freute sich der Europameister von 1993. Lediglich die Bänderverletzung von Point Guard Dru Joyce könnte zum Wermutstropfen werden.
GÖTTINGEN. Leistungsmäßig war der TBB Trier beim 71:60 (40:20)-Erfolg bei der BG Göttingen gewiss nicht am Limit, wenngleich der Coach der Moselstädter darauf verwies „die beste Hälfte der Saison“ gespielt zu haben. Das mag über die ersten fünf Minuten auch der Fall gewesen zu sein, danach legte aber eher der extrem schwache Gegner für die Gäste auf. Nicht auszudenken, wie hoch der Erfolg mit einer akzeptableren Dreierquote (6/22 – zum Teil freieste Würfe) hätte ausfallen können.
Wie immer extrem gut vorbereitet, wusste Taktik-Fuchs Rödl um die Schwächen der Universitätsstädter. Zu Beginn sollten der schnörkellos erfolgreich spielende Center Maik Zirbes sowie sein Pendant auf der Power-Forward-Position, Dragan Dojcin, in Szene gesetzt werden. Die defensivschwachen Göttinger agierten dagegen über den gesamten Spielverlauf ohne jegliche Chance. Schnell setzte sich die TBB auf 14:3 ab, Zirbes brillierte förmlich als Dreh- und Angelpunkt im Trierer Spiel sowie mit insgesamt vier Assists. Auch defensiv konnte Rödl nicht klagen. Lediglich sieben Zähler gestatteten seine Schützlinge den erschreckend schwachen Göttingern in Abschnitt eins.
Und dennoch: Übermäßigen Glanz versprühte auch die TBB-Defense nicht. Zu oft schlossen die Hausherren in unmittelbarer Korbnähe ab, angelten sich übers ganze Spiel 14 Offensiv-Rebounds. Die Gäste profitierten in dieser Phase von der fast unglaublichen Ladehemmung Göttingens. Selbst einfachste Korbleger wollten nicht den Weg durchs Netz finden, Back-Up Center Andreas Seiferth war ein ums andere Mal im Glück, dass der rastabelockte Raymond Sykes mit Korberfolgen geizte und Defensiv-Ass Damian Saunders das Miss-Match verweigerte. Ernsthafte Sorgenfalten mussten trotzdem nicht aufkommen. Auch mit der kurzzeitig probablen Göttinger Ganzfeldpresse besaß Joshiko Saibou, der Aufbau-Hirn Dru Joyce eine kurze Verschnaufpause gestattete, keinerlei ernsthafte Probleme. Im schlimmsten Fall brachte eben Shooting Guard JR Bynum den Ball, um dann immer wieder den Leader zu suchen: Philip Zwiener. Der ehemalige Nationalspieler zeigte keineswegs Anzeichen der erst vor Kurzem überwundenen Verletzung. Ganz im Gegenteil. Den als ausgewiesenen Defensiv-Spezialisten bekannten Paris Horne vernaschte der Small Forward förmlich. Ob Back-Door-Cut nach Anspiel von Zirbes, Drive zum Korb oder langer Zweier. Zwiener brachte das komplette Paket, garniert mit starken zehn Rebounds.
Dass die Stimmung in der mit 2720 Zuschauern nicht ausverkauften Göttinger Sparkassen-Arena nicht verstummte, verdankten die Trierer zum Großteil der eigenen Achtlosigkeit. Sowohl mit der Wurfauswahl als auch im Umgang mit dem Spielgerät ging das Rödl-Team viel zu sorglos um. Zur Quittung verkürzte der Gastgeber unter Rookie-Coach Stefan Mienack Mitte des dritten Viertels auf 15 Punkte. Die bittere Pille in dieser Phase musste Point Guard Dru Joyce schlucken. Kurz zuvor am Fuß umgeknickt, machte sich das Fehlen des umsichtig und seine Mitspieler glänzend einsetzenden Spielmachers angesichts von 14 Ballverlusten zu sehr bemerkbar. „Dru hat entschieden, dass er weiterspielen möchte“, statuierte Henrik Rödl mit uneingeschränkter Achtung. Eine genauere Diagnose der Verletzung lag noch nicht vor.
Mit der Einwechselung des LeBron-James-Buddys kam auch wieder ein wenig mehr Ordnung ins bei weitem nicht mehr überragende Trierer Spiel. Freie Würfe fanden in der Zwischenzeit längst nicht mehr ihr Ziel, zudem hatte John-Redder Bynum in der Offense einen schwarzen Tag erwischt. Wie gut, dass sich der TBB in diesen Phasen neben den Anführern Joyce und Zwiener auch immer wieder auf den 35-jährigen Dragan Dojcin verlassen konnte. Nahezu jeden Lauf der BG beantwortete der Serbe eiskalt per Dreier oder tödlichem Pass. EJ Gallup schien die Göttinger Defense ebenso wenig auf dem Plan gehabt zu haben, was die Schlafwagen-Einlagen in der Help-Verteidigung zeigten.
„Die zweite Halbzeit war sicherlich nicht mehr so stark, da haben wir nicht mehr konsequent als Team agiert“, resümierte Rödl auf der Pressekonferenz und dachte dabei vor allem ans Schlussviertel. Wie geladen und nervös der Ex-Berliner immer noch war, zeigte eine Szene bei noch gut fünf zu spielenden Minuten und einer eigentlich komfortablen konstanten zweistelligen Führung. Gallup netzte für drei unbedrängt aus der Ecke ein, was Rödl mit einem Gefühlausbruch sowie einem lautstarken „Yes“ inklusive der Siegerfaust genüsslich kommentierte. Auf weitere Dolchstöße verzichtete der TBB in guter Gastfreundschaft und ließ das Ergebnis aus Göttinger Sicht noch ein wenig versöhnlicher aussehen. Um die Playoff-Plätze kämpfen die Trierer aber gegen andere Kaliber aus Göttingen. Dass sich seine Mannschaft gegen stärkere Gegner nicht so durchmogelt wie an der Leine wird wohl auch Henrik Rödl wissen.
Rupert Fabig
BG Göttingen: Grimaldi (3 Punkte), Bailey (6), Ahelegbe (4), Dale (13), Horne (7), Noch, Weber, Saunders (6), Sykes (19), Mafra (2).
TBB Trier: Linhart, Joyce (7), Saibou, Zwiener (17), Dojcin (11), Seiferth (2), Gallup (15), Zirbes (16), Bynum (3).
Viertelstände: 7:18; 20:40; 41:56; 60:71
Zuschauer: 2720
von 16vor
