„Für mich gibt es keine Utopien“

Einem breiten Publikum ist der Hamburger Schauspieler und Synchronsprecher Rolf Becker neben zahlreichen Spielfilmen auch aus TV-Serien wie „Sachsenklinik“ oder „In aller Freundschaft“ bekannt. Am morgigen Freitag (19 Uhr) wird der Vater von Ben und Meret Becker in literarischer Mission im Karl-Marx-Haus gastieren und aus dem „Manifest der Kommunistischen Partei“ von Karl Marx und Friedrich Engels lesen. 16vor sprach mit dem 76-Jährigen vorab über das Werk, den Kommunismus und sein eigenes politisches Engagement.

16vor: Herr Becker, haben uns Karl Marx und Friedrich Engels auch heute noch etwas zu sagen?

Rolf Becker: Angesichts der fortschreitenden Wirtschafts- und Überproduktionskrise wäre es für jeden von uns gut, mal wieder in ihre Schriften reinzuschauen. Nicht, weil ich sie für ein Dogma halte, sondern weil sich die beiden der Methode bedienen, die Welt aus Widersprüchen zu verstehen. Ich meine, dass uns dies helfen könnte, vernünftiger mit dem umzugehen, was uns aktuell bedroht.

16vor: Einer der zentralen Texte ist das 1848 entstandene „Manifest der Kommunistischen Partei“. Wie und warum kam es dazu, dass Sie damit auf Lesetour gegangen sind?

Becker: Im Zusammenhang mit den ökonomischen Krisenschüben. Zum ersten Mal während der Ölkrise um 1974/75, und dann wieder seit Anfang dieses Jahrtausends mit der Erhöhung der Arbeitslosenzahlen, den Betriebsstilllegungen und den Krisenschüben, die auch den kleinen Sparer schließlich erfassten, kam der Argument-Verlag mit der Anfrage auf mich zu, ob ich nicht mal für eine kleine Auflage das „Manifest“ als Hörbuch sprechen könnte, gratis, weil der Verlag damals finanzielle Probleme hatte. Was als kleine Auflage geplant war, entwickelte sich aber ab 2005/06 schnell zu einem Verkaufserfolg, mit dem erstaunlichen Ergebnis, dass das Hörbuch in der Wertskala beim Hessischen Rundfunk auf Platz drei landete und – man höre und staune – beim Bayerischen Rundfunk auf Platz zwei! Seitdem kann ich nicht mehr alle Anfragen positiv beantworten.

16vor: Die Anfrage des Karl-Marx-Hauses Trier haben Sie nicht angelehnt. Was verbinden Sie persönlich mit der Geburtsstadt von Karl Marx?

Becker: Bisher leider noch nichts, denn es wird mein erster Besuch in Trier sein. Ich komme aber mit großer Neugier nach Trier und werde auch so rechtzeitig fahren, dass ich mir die Stadt noch ansehen kann sowie auch die Ausstellung im Marx-Museum selbst, auch um zu lernen.

16vor: Haben Sie eine Lieblingsstelle im „Manifest“?

Becker: Zunächst einmal halte ich es als für einen wunderbaren Text, es ist wirklich ein einzigartiges Stück Literatur, die in gutem Verhältnis steht zu den inhaltlichen Analysen. Meine Lieblingsstelle ist eine, auf die sich schon Stephan Hermlin bezogen hat, was man in seinem „Abendlicht“ nachlesen kann. Er habe immer sinngemäß aus dem „Manifest“ zitiert, dass es Marx und Engels um eine Gesellschaft gehe, in der das Wohlergehen aller die Voraussetzung für das Wohlergehen des Einzelnen ist. Und er habe erst nach vielen Jahren seines Lebens in der DDR bemerkt, dass der Text genau umgekehrt lautet: „An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“ Wenn wir diesen Demokratieentwurf als Grundvoraussetzung unserer heutigen Gesellschaft hätten, könnten wir das Problem der Massenarmut lösen.

16vor: Sie sind schon lange neben Ihrer künstlerischen Tätigkeit auch ein politisch engagierter Mensch. Was treibt Sie dabei immer wieder an?

Becker: Der tiefste Anlass ist die Zeit, die ich als Kind habe miterleben müssen. Ich war zehn Jahre alt, als die Nazizeit und der Zweite Weltkrieg endeten, also noch jung genug, um nicht mitschuldig zu sein. Das ist – wie Günter Gaus und nicht Helmut Kohl gesagt hat – die „Gnade der späten Geburt“. Ich möchte meinen Kindern ersparen, was ich damals erlebt habe. Was ich mit zunehmender Sorge sehe, ist, dass sich – wenn auch in anderer Form – schon bald wieder Ähnliches ereignen könnte.

16vor: Sie haben sich jahrelang für die Begnadigung des ehemaligen RAF-Mitglieds Christian Klar eingesetzt und ihm 2003 einen Praktikumsplatz beim Berliner Ensemble von Claus Peymann verschafft. Nun spielen Sie zugleich auch in vorrangig vom konservativen Publikum geliebten Serien wie „Sachsenklinik“ mit. Gab es wegen Ihres sozialen Engagements auch schon Anfeindungen?

Becker: Aber ja, sogar erhebliche. In wenigen Fällen musste ich sogar juristisch bremsen, wenn einzelne Blätter zu massiv wurden. Mein ganz einfacher Gedanke schien einfach nicht nachvollziehbar. Christian Klar hatte, als ich ihn zum ersten Mal besuchte, zwanzig Jahre Haft hinter sich. Die RAF hatte sich bereits selbst aufgelöst. Wenn nun die Gesellschaft nicht mehr geschützt werden muss, dann schlägt Strafe in Rache um, und dagegen wende ich mich entschieden. Den Schutz der Gesellschaft halte ich für notwendig, aber wenn diese Notwendigkeit erkennbar entfällt, dann sollte man einen Menschen freilassen. Deshalb habe ich mich dafür eingesetzt, bei aller Kritik an der Geschichte der RAF. Im Übrigen stand ich damit nicht allein, sondern als Mitglied eines Arbeitskreises meiner Gewerkschaft Verdi, in der damals die Mehrzahl der Kolleginnen und Kollegen diese Haltung einnahm.

16vor: Der im „Manifest“ propagierte Kommunismus hat heute einen so schlechtem Ruf wie seit den wildesten Zeiten des Kalten Krieges nicht mehr, wie jüngst deutlich wurde, als die LINKE-Vorsitzende Gesine Lötzsch den Begriff in einer Rede verwendete. Sollte man heute noch terminologisch vom Kommunismus als Ziel sprechen?

Becker: Wladimir Majakowski hat mal gesagt: „Kommunismus, das traumferne Wort“. Keiner weiß, was eigentlich genau damit gemeint ist. Dem Sinn nach ist es eine Gesellschaft, die ihre Geschicke und Wege selbst bestimmt aufgrund einer gemeinsamen Planung politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entscheidungen. Das ist sozusagen die allgemeine Größe. Ansonsten unterscheiden sich aber alle Gruppen in ihren Wegen dorthin. Worin wir uns hingegen einig sind, ist, dass die aktuelle Gesellschaftsform mit ihren Kriegen, mit ihren Verhungernden, mit ihren Wirtschaftskrisen der Änderung bedarf.

16vor: Welche Perspektiven haben nichtkapitalistische Utopien heute überhaupt noch?

Becker: Für mich gibt es keine Utopien. Ich versuche auszugehen von den tatsächlichen Kräfteverhältnissen, versuche dazu beizutragen, dass sie eine sozialere Welt mit mehr wirklicher Demokratie im Sinne von Volksherrschaft wird. Das ist ein konkreter Prozess, bei dem sich kein Endziel definieren lässt.

16vor: Von linker Seite wird jene Unterhaltung, für die Sie selbst teilweise auch stehen, als Ablenkung von sozialen Problemen betrachtet. Ist Ihr politisches Engagement eine Kompensation dieses Defizits?

Becker: Ganz eindeutig ja! Ich könnte nicht leben ohne meine Lesungen. Das „Manifest“ ist ja nur ein Teil dessen, was ich an Themen aufgreife. Ich mache auch heute noch in gewissen Abständen Heinrich-Heine- oder Bertolt-Brecht-Abende; ebenso Veranstaltungen, die sich konkret auf aktuelle politische Ereignisse beziehen, in denen ich dann von mir zusammengestellte Texte vorlese. Dafür bekomme ich oft wenig oder kein Geld, aber ich brauche es als Ausgleich, um mich einbringen zu können, was in unseren Medien immer schwieriger wird. Wir sind als Schauspieler ohnehin immer konfrontiert mit vorgegebenen Textbüchern und Stoffen und dementsprechend weisungsgebunden. Erschwerend kommt aber heutzutage im Vergleich zu den 60er, 70er Jahren noch hinzu, dass die Stoffe, in denen Film und Fernsehen die Probleme aufgreifen, die den Leuten in ihrem Alltag wirklich auch den Nägeln brennen, immer seltener werden.

16vor: Im „Manifest“ findet sich eine interessante Definition: „Mit einem Wort, die Kommunisten unterstützen überall jede revolutionäre Bewegung gegen die bestehenden gesellschaftlichen und politischen Zustände“. Sind Sie diesem Verständnis zufolge ein Kommunist?

Becker: Wenn ich heute überhaupt noch jemanden als Kommunisten bezeichnen würde, wäre er Mitglied einer dezidiert kommunistischen Partei oder Organisation. Ich bin noch nie Mitglied einer Partei gewesen. Wichtig sind nicht die Begriffe, sondern eine Bewegung, in die wir uns einbringen können, von der aber trotz aller aktueller Proteste noch gar keine Rede sein kann. Trotzdem akzeptiere ich natürlich den Satz und verstehe ihn so, dass es um jeden Ansatz einer Bewegung gehen muss, die die jetzigen Zustände positiv zu einer menschlicheren und sozialeren Welt hin bewegt.

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