Wahnsinn als Methode

Krimis sind das wohl beliebteste Genre der Literatur. Ein wahrer Meister dieser Disziplin war Friedrich Dürrenmatt, der vor allem mit seinem abgründigen Roman „Das Versprechen“ diese Form von Unterhaltungsdichtung durch neue, bis dahin unübliche Perspektiven ergänzte. So stellt die verstörende Geschichte als Bühnen-Adaption eine besonders große Herausforderung dar. Dem Kollektiv des freien Theaters „Kulturlabor e. V.“ jedenfalls ist es am Samstagabend im Großen Saal der Tufa gelungen, in einer zwar manche Schwächen aufweisenden, insgesamt aber soliden Inszenierung eine vom Publikum umjubelte Premiere zu feiern.

TRIER. Wenn Jack Nicholson erst einmal eine Rolle der Weltliteratur übernommen hat, dann ist es fortan für jeden eine undankbare Aufgabe, die gleiche Figur auf der Theaterbühne zu mimen. In Trier wurde das zuletzt vor zweieinhalb Jahren evident, als Michael Ophelders am hiesigen Stadttheater den Randle McMurphy in „Einer flog über das Kuckucksnest“ darstellte. Wenn der Regisseur der Leinwandproduktion dann aber auch noch Sean Penn heißt, so liegt die Messlatte richtig hoch. Beide Umstände treffen auf eine US-Verfilmung von Dürrenmatts „Das Versprechen“ aus dem Jahr 2001 zu. Wer den Film kennt, schaut sich das Stück mit entsprechenden schauspielerischen und inszenatorischen Erwartungen an.

So fällt bei der Aufführung von Alexander Ourth schnell auf, dass die Hauptrolle des Kommissär Matthäi mit Herbert Wandschneider bestens besetzt ist. Der Kölner verkörpert den anfangs als reines Klischee (mürrisches Gemüt, kein Privatleben, Kettenraucher) angelegten, sich später jedoch zum psychisch Labilen, geradezu zum Wahnhaften wandelnden Charakter des Ermittlers mit erstaunlicher Präzision. Man nimmt ihm den alternden und verbitterten Kommissar umstandslos ab, weil es dem Mittfünfziger gelingt, dem Zuschauer die innere Zerrissenheit des durch ein schlechtes Gewissen geplagten Mannes in ihrer Entwicklung zur buchstäblichen Besessenheit von der Jagd nach einem Mörder durch sein variantenreiches Spiel adäquat zu vermitteln.

Dadurch überträgt sich die zentrale Intention Dürrenmatts mustergültig auf die Bühne: Der Schweizer Autor hat den Roman explizit in der Absicht verfasst, das Pädagogische aus der ursprünglichen, von ihm mit erarbeiteten Filmfassung („Es geschah am hellichten Tag“) zu entfernen und den poetischen Scheinwerfer weniger auf das zu klärende Verbrechen, als vielmehr auf die Hauptfigur des Kommissärs Matthäi zu legen. Nicht zuletzt hat er der literarischen Nachbereitung den Untertitel „Requiem auf den Kriminalroman“ verpasst und damit die wesentlichen Charakteristika des Genres selbst grundlegend in Frage gestellt.

Der Kommissär Matthäi beginnt seinen letzten Arbeitstag vor seiner Versetzung nach Jordanien. Da ruft der Hausierer von Gunten (Sebastian Gasper) im Büro an und berichtet von seinem Fund der Leiche eines kleinen Mädchens in Mägendorf. Matthäi übernimmt den Fall trotz seiner bevorstehenden Reise. Das Opfer, wie Jahre zuvor zwei weitere Mädchen mit einem Rasiermesser ermordet, rettet den in Verdacht stehenden von Gunten vor der Lynchjustiz des Dorfes und verspricht der Mutter des Kindes (Elke Reiter) „bei seiner Seele“, den Täter zu finden – wohl wissend, dass er das Versprechen nur einhalten kann, wenn er nicht nach Jordanien fliegt.

Nach einem harten, zwanzigstündigen Verhör durch Matthäis Assistenten Henzi (Ingo Paulick) legt von Gunten ein Geständnis ab und erhängt sich daraufhin in seiner Zelle. Henzi betrachtet den Fall ebenso wie Polizeidirektor Dr. Geissbühler (Guillaume Karl) als abgeschlossen. Nicht aber Matthäi, der keinen Zweifel an der Unschuld des Hausierers hegt. Der Kommissär bleibt gegen den Willen seiner Kollegen vor Ort, scheidet jedoch aus dem Dienst aus und pachtet eine Tankstelle in der Nähe von Mägendorf.

Er ist besessen davon, sein Versprechen einzuhalten und versteigt sich in die Suche nach dem Phantom, von dem er als einzigen Anhaltspunkt eine Kinderzeichnung besitzt, die den mutmaßlich wahren Täter als „Riesen“ zeigt, der den potenziellen Opfern „kleine Igel“ schenkt. Für seinen Haushalt engagiert er Frau Heller (Judith Kriebel), die ihre achtjährige Tochter Annemarie (Lena Reiter) mitbringt – was sich als Strategie Matthäis herausstellt, dem Mörder durch das Auswerfen eines „Köders“ eine Falle zu stellen. Sein Psychiater attestiert ihm „Wahnsinn als Methode“, was seinen Zustand exakt bezeichnet; vor allem, wenn man den geistigen Zustand des Kriminalisten in seiner ganzen Entwicklung betrachtet.

Packende Story mit revolutionärem Ende und tiefem Sinn

Schauspielerisch glänzt neben Wandschneider vor allem Judith Kriebel, die die Klaviatur der Emotionen perfekt beherrscht und im zweiten Teil des Stückes die ehemalige Prostituierte Heller hervorragend zwischen naiv-unwissendem Vertrauen und – nachdem der Groschen des Ausnutzens durch Matthäi gefallen ist – tieftraurig-verzweifelter Enttäuschung spielt. Problematisch gezeichnet sind dagegen zwei männliche Figuren. Ingo Paulick stellt Henzi zwar angemessen als vom reinen Karrieredenken dominierten Menschen dar, treibt das „Guter Bulle – Böser Bulle“-Spiel im Wechsel mit Matthäi aber viel zu sehr auf die Spitze. Passt es doch so überhaupt nicht in die kluge Konzeption der Story, welche die starre Struktur ewig wiederkehrender und immer gleicher Elemente des Kriminalromans aufbrechen will.

Auch Guillaume Karls Dr. Geissbühler überzeugt nicht. Er wirkt geradezu so, als sei er ob seiner vermeintlichen Blödheit zum Chefposten gekommen wie die berühmte Jungfrau zum Kinde. Seine gestelzte Mimik mutet inmitten der dramaturgisch stringenten Rolle des Kommissärs und des aggressiven Henzi bisweilen sogar slapstickhaft an, was diese in der Romanvorlage altmodisch-gepflegt daherkommende und überdies wichtige Figur auf der Bühne zum bloßen Quotenclown abkanzelt. Großes Lob gebührt Lena Reiter. Die Trierer Schülerin meistert die teilweise schauspielerisch äußerst herausfordernde Rolle der kleinen Annemarie beeindruckend und verhaspelt sich sogar – im Gegensatz zu den professionellen Mitspielern – kein einziges Mal. Auf Kulissen wurde weitgehend verzichtet, während Ourth mithilfe von Bildprojektionen die jeweiligen Schauplätze einträglich illustriert.

Ohne es vorweg zu nehmen, kann das Ende des 1958 erschienenen Romans im Gegensatz zum vorangegangenen Film mit Heinz Rühmann für das Krimi-Genre als revolutionär bezeichnet werden; und es tut gut, dass die Trierer Inszenierung es nicht verfälscht hat. Insbesondere am Ende schleicht sich aber aufgrund der nun in einem wilden Bildsalat zusammengewürfelten Videoprojektionen und des uninspiriert dargebotenen Finales (das auch die begleitend abgespielte spannungsgeladene Filmmusik von „28 Weeks Later“ nicht kompensieren kann) unweigerlich das Gefühl ein, dass da doch arg dick aufgetragen wurde. Zumal es sich überhaupt nicht erschließt, was damit eigentlich bezweckt werden soll.

Als Mittel zum Zweck einer Verstärkung der verstörenden Grundstimmung wird es deshalb nicht benötigt, weil die Leistung des Protagonisten selbst hinreichend wirkt. Als Anregung „fürs Auge“ ist es zumindest an dieser Stelle zum Schluss deutlich übertrieben, weil die Fähigkeiten zu Aufmerksamkeit und Konzentration der Zuschauer ihre Grenzen haben. Als Entertainment für die Schulklassen, die die Gruppe in ihre Aufführungen locken will, könnte die Medienschlacht freilich durchaus funktionieren. Wobei zu hoffen bleibt, dass diese nicht den Clou und den tiefen Sinn der Story zerstören, zumal sie durch Ourths unterhaltsame Inszenierung jenseits mancher auf Leinwand geworfener Bilder in völlig angemessen subtiler Weise vermittelt werden.

Weitere Aufführungen: Heute, Montag (10 Uhr); Dienstag, 18. Oktober (10 Uhr und 20 Uhr); Mittwoch, 19. Oktober (10 Uhr); Donnerstag, 20. Oktober (10 Uhr und 20 Uhr); jeweils im Großen Saal der Tuchfabrik.

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