Ein reines Liebesdrama

Mit der Industriehalle Bobinet in Trier-West fand die Premiere des Musical-Klassikers „West Side Story“ am vergangenen Samstag einen ungewöhnlichen Spielort, der als Ausweichquartier für die Stammstätte am Augustinerhof herhalten muss, die derzeit saniert wird. Die pompöse Inszenierung des Trierer Tanztheater-Direktors Sven Grützmacher mit über 100 Mitwirkenden auf der Bühne geriet zwar von der inhaltlichen Aufmachung her wenig innovativ, dafür aber formal und choreographisch akkurat. Das Publikum applaudierte nach der Aufführung begeistert im Stehen.

TRIER-WEST. Gesellschaftliche Ausgrenzung und Chancenlosigkeit kennen keine Nation – die Liebe jedoch ebenso wenig. So einfach ist die wesentliche Aussage der „West Side Story“ zusammenzufassen. Die Kunst besteht nun darin, dies bei der Aufführung auch entsprechend zu vermitteln. Was der künstlerischen Leitung hier jedoch nur mäßig gelungen ist. Denn um zu verdeutlichen, was uns das Stück noch heute zu sagen hat, wäre eine inhaltliche Zuspitzung auf jene Szenen nötig gewesen, welche die Liebesgeschichte vor allem in ihren sozialen Rahmen bettet. Stattdessen legte Sven Grützmacher mehr Wert auf die starke Charakterisierung der inneren Widersprüche der Protagonisten. So kommt eine Inszenierung heraus, die formal tadellos sein mag, den eigentlichen Kern aber verfehlt.

Die Autoren (Buch: Autor Laurents, Liedtexte: Stephen Sondheim, Musik: Leonard Bernstein) übertragen den Stoff von Shakespeares „Romeo und Julia“ in das New York der 1950er Jahre. Zwei rivalisierende Teenie-Banden liefern sich einen infantilen, aber gefährlichen Krieg: die US-amerikanischen Jets und die puerto-ricanischen Sharks. Riff (Eric Rentmeister) schlägt seiner Gang einen Kampf gegen die Widersacher vor, der den Revierstreit beenden soll. Dafür reaktiviert er seinen Freund Tony (Carsten Lepper), den früheren Anführer der Jets und fordert Bernardo (Luis Lay), den Caudillo der Sharks, in einer Disco zum ultimativen Fight heraus.

Just an diesem Ort jedoch sehen sich Tony und Bernardos Schwester Maria (Joana Caspar) zum ersten Mal – und es funkt sofort heftig. Was dem Alphatier der Sharks natürlich auf das Äußerste missfällt. Der fällige Zweikampf, den Tony auf Marias Wunsch ursprünglich doch noch verhindern wollte, ufert schließlich aus: Erst ersticht Bernardo Riff, worauf Tony Bernardo ermordet. Maria liebt Tony jedoch weiterhin, obwohl er ihren Bruder auf dem Gewissen hat. Bernardos Geliebte Anita (Sabine Brandauer) bekommt Wind von der Beziehung und lässt sich nach anfänglicher Skepsis überzeugen, Maria zu helfen. Was jedoch gehörig misslingt.

Die Art und Weise, wie die Geschichte ihr (angesichts der literarischen Vorlage wenig überraschendes) tragisches Ende findet, bildet den dramatischen Höhepunkt des Werkes und zeigt in der Trierer Fassung aufgrund ihrer Längen manche Schwäche. Warum etwa wird der Szene zwischen Anita und Maria derart viel Raum geboten, während die Frage, warum die Jets relativ schnell von Officer Krupke (Michael Ophelders) freigelassen werden, nur relativ kurz (wenn auch mit einem wunderbaren Song) thematisiert wird? Die Auslassung eines für die Urfassung essentiellen Parts am Ende lässt nämlich den Schluss zu, dass die Macher durchaus (auch) als Gesellschaftskritiker agieren möchten, doch wird dies in den zweieinhalb Stunden zuvor nicht stringent nachvollziehbar gemacht.

Zwar tauchen zu Beginn typisch kapitalistisch-ablenkende Spaltungslinien zwischen Ethnien statt zwischen sozialen Klassen auf (Jets: „Die Sharks sind Schuld daran, dass es mit unserer Wirtschaft bergab geht“), doch verliert sich dies schon bald im in die Länge gezogenen romantischen Liebesgeplänkel. Das wiederum eine ordentliche Kürzung vertragen hätte, um stattdessen beispielsweise durch eine Konzentration auf die Feind-Dynamik der Banden eine Fokussierung der sozialen Gegebenheiten zu bieten, die diese Liebe ja gerade erst verunmöglichen. So vermag bisweilen der Eindruck zu entstehen, als sei die nationalistisch-traditionalistisch aufgeladene Fehde zwischen Jets und Sharks nicht der entscheidende Grund für die scheiternde Beziehung, sondern lediglich ein intervenierender Nebenschauplatz, inmitten dessen zwei aufrichtig Liebende ihre Zuneigung ganz zufällig nicht ausleben können.

Jenseits der inszenatorischen Mängel sind die Leistungen der Akteure auf und hinter der Bühne allerdings mehrheitlich imponierend. Choreographisch überzeugen vor allem die Mädchen der Sharks (Magali Schmid, Cecile Rouverot, Minja Anusic, Natalia Grützmacher, Cynthia Nay, Erin Kavanagh) – insbesondere angesichts des mit seinen Kanten und Schlaglöchern widrigen Bodens ist aber die Leistung des gesamten Tanzensembles von ausgesprochener Professionalität und Qualität geprägt. Das von Dirk Immich arrangierte Bühnenbild ist wohltuend sparsam gehalten und akzentuiert gekonnt jene Stellen am besten, die die Fabrikhalle nun so wirken lassen, als sei sie für die „West Side Story“ wie geschaffen.

Mit den Kostümen, für die Alexandra Bentele verantwortlich zeichnet, wird diese Atmosphäre treffend ergänzt. Neben dem Philharmonischen Orchester der Stadt Trier und dem Opernchor des Theaters sind es musikalisch zuvorderst die überragend spielenden Joana Caspar und Carsten Lepper, die Hits wie „America“, „Maria“ und „Tonight“ in herausragender Manier darbieten. Ideal wäre es hier gewesen, wenn sämtliche englische Songs konsequent eingedeutscht worden wären, um sprachliche Barrieren für Nicht-Anglophone zu überwinden, da gerade in einigen Liedern kritische Perspektiven transportiert werden.

Als Einleitungsstück zur neuen, etwas uninspiriert mit dem Navigationsgeräte-Spruch „Sie haben Ihr Ziel erreicht“ betitelten Spielzeit, ist die „West Side Story“ in dieser Form wohl ein Publikumsmagnet, aus künstlerischer Sicht hingegen mutlos. Was aber unter rein ökonomischen Aspekten verständlich erscheint. Ist das Projekt doch auch eine Imagekampagne der Entwicklungsgesellschaft Petrisberg (EGP), die als Inhaberin des knapp vier Hektar großen Geländes ihr Areal gehörig aufpeppen will, um es in aller Bälde zum modernen Dienstleistungs- und Wohnviertel aufzurüsten.

Weitere Infomationen zum Stück und zum Catering-Angebot finden Sie hier.

Weitere Aufführungen: Donnerstag, 1. September, 20 Uhr; Sonntag, 4. September, 19.30 Uhr; Dienstag, 6. September, 20 Uhr; Donnerstag, 8. September, 20 Uhr; Samstag, 10. September, 19.30 Uhr; Sonntag, 11. September, 19.30 Uhr; Freitag, 16. September, 20 Uhr; Samstag, 17. September, 19.30 Uhr; Sonntag, 18. September, 18 Uhr, u.a.

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