Alter schützt vor Kühnheit nicht
Tabuthemen gibt es heutzutage kaum mehr. Der Umgang mit Tod und Sterben ist noch ein solches, dem sich die aus 13 Senioren bestehende Laiengruppe „Bühne 60+“ unter der Regie von Sylvia Martin couragiert angenommen hat. Am vergangenen Wochenende brachten sie im ausverkauften Studio des Trierer Theaters mit „Witwendramen“ von Fitzgerald Kusz die Premiere ihrer zweiten Produktion überzeugend, weil äußerst beherzt aufs Parkett.
TRIER. Bereits die Reaktionen des Großteils der Besucher lassen auf ein Durchschnittsalter der Anwesenden schließen, das sogar noch deutlich über dem der „gewöhnlichen“ Theaterbesucher liegt. Nicht nur, dass solche Stellen die meisten Lacher ernten, die aus Sicht unverheirateter Jünglinge eher spießig anmuten und vielmehr eine langjährige Ehe-Erfahrung mit ausgiebigen und bitteren Mann-Frau-Scharmützeln erfordern („Weißt du, warum Männer immer ein reines Gewissen haben? Weil sie es noch nie benutzt haben!“ / „Eine Witwe ist eine Frau, die immer weiß, wo ihr Mann gerade ist“). Auch werden während der Vorstellung in nahezu jeder Reihe immer wieder Pointen für die offenbar schwerhörige Nebenperson wiederholt – und das in für die normal hörenden Zuschauer deutlich hörbarer Lautstärke.
Ein Umstand, der wahrlich schade ist, denn diese Inszenierung hätte im Auditorium bedeutend mehr Vertreter jüngerer Altersklassen verdient. Inhaltlich ist „Witwendramen“ zwar eine wilde Mischung verschiedenster Sequenzen rund um das Spiel mit dem klischeebehafteten Thema der Hinterbliebenenromantik, über die naturgemäß fast nur ältere Menschen wirklich aus eigenem Erleben mitreden können. Doch hat das Stück auch jungen Leuten viel zu sagen. Urkomische Zankereien eines Ehepaares wechseln sich etwa schlagartig mit tieftraurigen Reflexionen ab über die Lücke, die der Tod des geliebten Menschen in das Leben reißt.
Besonders erstere wirken bisweilen wie in die Länge gezogene Loriot-Sketche. Dass die darin enthaltene Komik dabei nicht verloren geht, ist das Verdienst des Ensembles, das präzise auf diesen Abend hingearbeitet zu haben scheint. Als Paradebeispiel hierfür firmiert die Szene, in der Sylvia Mertz und Frank Weiland ein verheiratetes Rentnerpaar im Wohnzimmer spielen. Dem Publikum zugewandt, artikulieren sie ihre jeweiligen Gedanken, in denen sie ihr bereits mehrtägig währendes gegenseitiges Anschweigen rechtfertigen.
Bei dieser eindrücklich dargebotenen Szene steckt hinter dem vordergründigen Ulk, wenn er beispielsweise von ihrer Abneigung gegen seinen Biergenuss spricht oder sie genüsslich das ursprünglich für ihn reservierte Kreuzworträtsel in der Fernsehzeitung löst, auch die traurige Botschaft, dass nicht wenige zwischenmenschliche Beziehungen aus vergleichsweise nebensächlichen Gründen (die nicht selten inmitten der infantilen Nicklichkeiten schon vergessen sind) zum Scheitern verurteilt sind. Dazwischen liegen immer wieder Soli, in denen Ensemblemitglieder mehr oder weniger berühmte Witwen mimen.
Wenn Helene Weigel (Monika Born) sich authentisch über die Liebschaften ihres verstorbenen Ehemannes Bertolt Brecht ärgert oder Jackie Onassis (famos: Roswitha Bernard) pikante Details aus dem Ehevertrag mit dem griechischen Großreeder Aristoteles Onassis preisgibt (Anzahl der sexuellen Kontakte, monatliches „Taschengeld“ in Höhe von zwanzig Millionen US-Dollar), erhält das Werk eine makabre Note. Kontrastiert mit dem späteren Auftritt der zu den sechs Millionen gänzlich unprominenten Witwen in Deutschland gehörenden Ingeborg Meier (Madelen Feiten), die von ihren psychischen Problemen seit dem Tod des Gemahls berichtet, kommt eine angenehme Prise Gesellschaftskritik hinzu.
Sätze, die jeder in unterschiedlicher Variation von den eigenen Eltern oder Großeltern kennt („Wenn man alles machen würde, was einem die Ärzte empfehlen, dann kann man sich auch schon gleich beerdigen lassen“), finden sich in Kusz‘ Schaupiel massig. Doch auch Momente, die nachdenklich stimmen, fehlen nicht. Eine in dieser Hinsicht besonders wertvolle Szene ist jene, in der Irmchen Meier und Hildegard Worst in wundervoller Manier zwei Freundinnen verkörpern, die auf dem Friedhof das Leben und den Tod des Mannes einer der beiden Frauen mit einigen Flaschen „Kleiner Feigling“ zwischen beiläufigem Amüsement und offenem Hass feuchtfröhlich Revue passieren lasen.
Regisseurin Sylvia Martin ist es gelungen, mit einer dreizehnköpfigen Gruppe ein nicht einfach zu spielendes Stück so umzusetzen, dass an keiner Stelle Langeweile aufkommt – ganz im Gegenteil: Ein amüsanter und tiefgründiger Theaterabend ist hier garantiert. Damit bleibt zu hoffen, dass das Trierer Theater auch weiterhin den Mut besitzt, einem sich ausschließlich aus spielfreudigen Senioren zusammensetzendes Laien-Ensemble die Möglichkeit zu geben, auf ihre nicht mehr ganz so jungen Tage ihre interessanten Rampensau-Qualitäten zu demonstrieren.
Am morgigen Freitag ist die letzte von insgesamt drei Aufführungen wie die bisherigen beiden ausverkauft. Das Theater überlegt, eine Zusatzvorstellung anzubieten.
von Christian Baron
