„Wir können schließlich nicht überall sein“

Anlässlich des Welt-AIDS-Tages heute prangen seit Wochen Plakate an Bushaltestellen, die zur Kampagne „Positiv zusammen leben. Aber sicher!“ der Deutschen AIDS-Hilfe e.V. und weiterer Initiatoren gehören. Ziel ist es, für mehr Respekt, Toleranz und Unterstützung zu werben und gegen Unwissenheit und Gleichgültigkeit vorzugehen. Dieses Anliegen verfolgt das ganze Jahr über auch die Trierer AIDS-Hilfe. Der Verein betreibt aber nicht nur Aufklärungsarbeit bei Jugendlichen, sondern gibt seine langjährige Erfahrung auch an die weiter, die mit dieser Zielgruppe arbeiten (werden). So bietet er mit dem Fachschaftsrat Pädagogik in diesem Semester zum dritten Mal die sexualpädagogische Seminarreihe „Ich bin der Sex, wer passt zu mir?“ an. Die spielerischen Methoden kommen bei den überwiegend weiblichen Teilnehmern gut an.

TRIER. „Welche Kompetenzen Sexualpädagogen für ihre tägliche Arbeit mitbringen müssen, sollen die je achtteiligen sexualpädagogischen Seminarreihen des Fachschaftsrat Pädagogik und der AIDS-Hilfe Trier e.V. klären. Und zwar nicht aus Lehrbüchern, sondern aus der Praxis heraus!“, hieß es in der Presse-Einladung für die Veranstaltung. Der Verfasser dieses Beitrages musste beim letzten Satz sofort an die Szene „Sexualkundeunterricht“ in Monty Pythons „The Meaning of Life“ denken, in der ein Lehrer mit seiner Ehefrau ein praktisches Beispiel zum Ablauf des Geschlechtsverkehrs gibt. Natürlich geht es in dem Seminar aber darum, Themen und Methoden der sexualpädagogischen Arbeit zu vermitteln.

Und wenn man sich einmal die „Fragen des Tages“ an einen fiktiven Arzt auf der Homepage eines bekannten Teeniemagazins anschaut, tut Aufklärung offensichtlich immer noch not. „Ist vorher rausziehen sicher?“ wollte beispielsweise „Bea“ vor einer Woche wissen. Die Aufklärung über Verhütung und sexuell übertragbare Krankheiten scheint unzureichend zu sein, denn weltweit gehen Jugendliche fahrlässig mit ungeschütztem Geschlechtsverkehr um. Das zeigt die Studie „Clueless or clued up: Your right to be informed about contraception“, die die Stiftung Weltbevölkerung gemeinsam mit zehn weiteren international tätigen Organisationen vor zwei Monaten vorgelegt hat.

Demnach ist die Zahl der Jugendlichen, die ungeschützten Geschlechtsverkehr praktizieren sowohl in Entwicklungsländern als auch in Europa alarmierend hoch. 42 Prozent der befragten Jugendlichen in Europa gaben an, schon einmal mit einem neuen Partner ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt zu haben. Laut Studie ist eine der Ursachen für dieses fahrlässige Verhalten, dass vielen jungen Menschen ausreichendes Wissen über effektive Verhütungsmethoden fehlt. Etwas weniger als die Hälfte der europäischen Jugendlichen gibt an, dass sie sich bei den verschiedenen Verhütungsmöglichkeiten für sehr gut informiert halte.

Um das zu verbessern, bietet die AIDS-Hilfe Trier mit dem Fachschaftsrat Pädagogik seit einem Jahr zwei achtteilige sexualpädagogische Seminarreihen an der Trierer Universität an. Damit will der Verein Wissen, das man sich in 20 Jahren Präventionsarbeit in Schulen und anderen Bereichen angeeignet hat, an Multiplikatoren wie zukünftige Lehrer oder Erzieher weitergeben. „Wir können schließlich nicht überall sein“ sagt Bernd Geller, der eines der beiden Seminare leitet.

Zwei Veranstaltungen zum Thema „Menschenbilder und Definitionen zur Sexualpädagogik“ und „Rahmenbedingungen sexualpädagogischen Arbeitens“ haben bereits stattgefunden, der Vater dieser Zeilen nimmt an der ersten Praxiseinheit „Körper- und Sexualaufklärung“ teil. In einem Kreis sitzen 16 Studentinnen. „Männer sind in der Sexualpädagogik unterrepräsentiert“, erklärt Geller.

In der ersten Übung geht es um „Sexualität und Sprache“. In Kleingruppen sollen die Frauen, die vereinzelt schon in der Jugendarbeit tätig sind, andere Wörter für die weibliche Brust, das männliche Glied und Geschlechtsverkehr zusammentragen. „Ich möchte mit mindestens einem Begriff hier rausgehen, den ich noch nicht kenne“, treibt der Seminarleiter die Runde an. Die Wörter sprudeln förmlich aus den Teilnehmerinnen heraus. „Hupen“, meint eine. „Stimmt“, pflichtet eine andere bei. „Wenn wir ‚Erbsen‘ haben, dann nehmen wir auch ‚Bienenstiche'“, verlangt eine dritte.

Ähnlich engagiert läuft es bei der Synonymsuche für das männliche Begattungsorgan ab. Offenbar etwas voreilig verkündet Geller, der die Wörter auf Zuruf auf Blätter an einer Wand schreibt, noch „Phallus“ ergänzen zu wollen, denn der Protest einer Studentin gegen diese Mithilfe folgt auf den Fuße. „Wir sind ja noch nicht fertig.“ Bei Umschreibungen für Sex ist dann auch die gewünschte Überraschung dabei. „‚Schrauben‘ habe ich noch nicht gehört“, gesteht der Diplom-Psychologe.

Im Anschluss sollen die Teilnehmerinnen mit grünen und roten Klebepunkten angeben, welche Wörter ihnen behagen und welche nicht. Es überrascht kaum, dass sich – anders als vielleicht pubertierende Jungen in einer Schule einer weniger privilegierten Gegend – fast alle für neutrale und gegen umgangssprachliche oder gar abwertende Bezeichnungen entscheiden. Ziel der Übung ist es, beispielsweise in einer Gruppe von Schülern abzustecken, welche Begriffe man im Aufklärungsunterricht verwenden soll.

In der zweiten Übung geht ein undurchsichtiger „Grabbelsack“ herum, aus dem die Pädagogikstudentinnen Gegenstände ziehen und dann erläutern müssen, was dies mit dem Thema zu tun hat. Geller gibt Ergänzungen und macht Anmerkungen dazu. Bei dem Beutel handelt es sich um die „Ab 18“-Version, da er neben einer Computermaus, einer Packung Herpespflaster, einem Paar Handschellen, einem Dildo, einem Kondom für Frauen und einer Dose Vaseline auch die Hülle eines Schwulenpornos enthält. Bei der Übung wird deutlich, dass auch Erwachsene noch etwas dazulernen können.

Die Reaktionen auf diese spielerische Form von Aufklärung fallen in der anschließenden Bewertung sehr positiv aus. Es sei interessant und aufschlussreich gewesen und habe Spaß gemacht, lautet der Tenor. Das kann man auch als Außenstehender bestätigen. Allerdings dürfte je nach Reife derjenigen, bei denen diese Methoden angewandt werden, der Grad des Giggelns und Rotwerdens wesentlich höher ausfallen. In der nächsten Woche geht es um „Verhütung und Schwangerschaftskonflikte“.

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1 Leserbrief | RSS-Abo

  1. Alex Bermann schreibt:

    Ich halte es für einen Fehlschluss, nun auf mangelndes Interesse von Männern zu schließen. Dass in den Seminaren keine Männer waren liegt daran, dass es schlicht viel weniger Männer als Frauen gibt, die Erziehungswissenschaft studieren. Auch unter den männlichen Studierenden der EZ gibt es welche, die an sexualpädagogischen Themen interessiert sind – ich weiss von zwei, die im SchLAu aktiv sind – in dem Bernd Geller auch mitwirkt.

    Generell ist es schon wahr, dass Männer in der Sexualpädagogik unterrepräsentiert sind weil sie in der Pädagogik unterrepräsentiert sind – und wenn das Thema Sexualität bearbeitet wird, kann das zu einem ernsthaften Problem werden. Damit eine produktive Aufklärung möglich ist, muss eine Atmosphäre der Offenheit hergestellt werden, damit sich gerade pubertierende Zielgruppen auf das Thema einlassen und den Mut aufbringen, Fragen zu stellen.

    Die Methoden der AIDS-Hilfe können dieser Offenheit zuträglich sein – und wenn die Offenheit durch ein befreites „Giggeln“ zu Stande kommt ist das auch gut.

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