Getwitter im Hörsaal

Es soll Studierende geben, die während der Vorlesung SMS schreiben oder ihr mitgebrachtes Notebook für vieles nutzen, nur nicht zum Mitschreiben des Unterrichtsstoffs. Mitunter müssen Dozenten auch eingreifen, weil jemand in der Veranstaltung munter drauf lostelefoniert. Einzelfälle zwar, doch bislang einmalig ist auch, was Professor Hans-Jürgen Bucher seinen Studenten bietet: Twittern und SMS versenden ist in den Vorlesungen des Medienwissenschaftlers nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht. Bucher und seine Mitarbeiter am Lehrstuhl wollen so erreichen, dass sich die Zuhörer stärker in die Vorlesungen mit einbringen. Schließlich dürften gerade schüchterne Hochschüler gehemmt sein, im voll besetzten Hörsaal das Wort zu ergreifen, und manches würde man seinen Professor ohnehin kaum fragen wollen.

TRIER. Dienstagvormittag, Hörsaal 2 auf Campus I: Kaum mehr als 50 Studierende sind gekommen, auf dem Programm steht eine Vorlesung für Erstsemester. Grundlagenwissen. Hans-Jürgen Bucher ruft eine Power-Point-Folie nach der anderen auf, eilt durch sein Lehrpensum. Auf der Twitterwall bleibt es derweil ruhig. Erst nach einer Viertelstunde geht eine erste Nachricht ein, die allerdings nur bedingt mit der Vorlesung zu tun hat. Um 11.17 dann der nächste Tweet: „Wieso sind denn dann die Zitate auf ihren Folien nicht im Blocksatz“, postet ein anonymer Zuhörer, das Fragezeichen vergessend. Noch bevor Bucher die an ihn gerichtete Frage aufgreifen kann, meldet sich um 11.20 ein Kommilitone: „Macht für das Lesegefühl in diesem Fall kaum einen Unterschied“.

Viel mehr wird sich an diesem Tag auf der Twitterwall nicht mehr tun. Lediglich Formalien und Termine sind gefragt, inhaltlichen Fragen muss sich der Professor heute nicht stellen. Die Resonanz auf das Angebot schwanke denn auch erheblich, räumt Buchers Mitarbeiter Philipp Niemann ein. Sogleich berichtet er von der Veranstaltung mit einem besonderen Gast: Ein Verleger stand Rede und Antwort, und es entspann sich ein lebhafter Dialog, der zu einem Großteil über Textnachrichten geführt wurde. Kaum hatte der Gast eine Behauptung aufgestellt, wurde diese von einigen Zuhörern via Google überprüft – und auch schon mal widerlegt. Die Korrektur erschien auf der Twitterwall.

Nicht erst seit diesem Semester setzen Bucher und sein Team auf ein Angebot, das vielen Dozenten noch reichlich suspekt sein dürfte: Auf drei digitalen Kanälen können sich die Studenten zu Wort melden und Fragen loswerden. Patryk Kubek ist nicht schüchtern. Sich im Hörsaal Gehör verschaffen, fällt dem 19-Jährigen nach eigener Aussage nicht schwer. Dass er sich mit Textnachrichten in die Vorlesung einklinken kann, findet er dennoch eine „ziemlich gute Sache“. So könne er seine Fragen loswerden, ohne die Veranstaltung unterbrechen oder bis zu deren Ende warten zu müssen. Mit Laptop und Smartphone in den Hörsaal – im Fach Medienwissenschaft ist das erwünscht. Noch während Bucher vorträgt, können Studierende per Twitter, SMS oder über ein Eingabeformular auf der Homepage des Fachs Nachfragen stellen und Anmerkungen machen. Die digitalen Textnachrichten erscheinen, für alle sichtbar doch anonymisiert, auf der Twitterwall.

Im Kern gehe es darum, die Möglichkeiten der Digitalisierung für die Vermittlung von Wissen zu nutzen, erläutert Bucher im Gespräch mit 16vor. Schließlich sei eine Vorlesung – trotz ihrer Vorzüge – die „anachronistischste Form“ der Wissensvermittlung. Philipp Niemann ergänzt: „Aus dem Monolog soll stärker ein Dialog zwischen dem Dozenten und seinen Studierenden werden“. Hemmschwellen sollen abgebaut, die Parzipation gesteigert werden. Das gelingt mal mehr, mal weniger. An manchen Tagen tut sich wenig, an anderen gehen schon mal ein Dutzend und mehr Textnachrichten ein. Und natürlich gibt es auch mal unqualifizierte Tweets. „Ich habe die Twitterwall auch schon abstellen müssen“, berichtet Bucher. Zuvor seien Botschaften wie „Julia, ich liebe dich“ aufgetaucht. Ein Ausnahmefall, wahrscheinlich „von außen gesteuert“, mutmaßt Bucher.

Der Professor entscheidet, wann er auf die Fragen eingeht. Bucher ist überzeugt: Viele der Studenten, die twittern oder simsen, würden sich sonst nicht zu Wort melden. Im Hörsaal vor versammelter Mannschaft Fragen stellen, ist schließlich nicht jedermanns Sache. Und manches würde man seinen Professor ohnehin nicht fragen – weil die Frage vermeintlich dumm klingen könnte oder schlicht die Traute fehlt.

Natalie Hoffmann weiß das Angebot zu schätzen: „Es gibt Leute, die sind schüchtern und melden sich nicht“. Auch sie wollte schon simsen, doch hat ihr Smartphone im Hörsaal keinen Empfang. Bucher weiß um dieses Problem. Dass die Nutzung von Laptops und Smartphones für besondere Unruhe in seinen Vorlesungen sorgt, lässt sich derweil nicht beobachten. Dabei gibt der Professor mit der Twitterwall einen Teil seiner Autonomie auf. „Ich kann die Kontrolle über die Veranstaltung verlieren, wenn die interaktive Ebene den Vorlesungsbetrieb zu massiv beeinflusst“, erläutert er. Das Ganze sei ein Experiment, das mit jedem Semester neu starte und ihn ansporne. Der 58-Jährige spricht von einem „direkten Online-Feedback-Kanal“. Buchers Mitarbeiter Niemann sagt über seinen Chef:“Er steht unter einer anderen Beobachtung“.

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1 Leserbrief | RSS-Abo

  1. alex bermann schreibt:

    Ich denke, dieses Konzept wird zukunftsweisend sein, denn bei einer Vorlesung kommen auch viele kleine Fragen auf, die Kommilitonen schnell beantworten können. es sind die kleinen Ungereimtheiten, die man sich nicht zu fragen traut, weil sie nur unnötig Zeit kosten würden und den meisten Studierenden nichts bringen würden – und wenn die Vorlesung vorbei ist, hat man diese Fragen bereits vergessen und beredet sie mit den Kommilitonen nicht.

    Statt also für eine Trivialität den Faden zu verlieren, bekommt man so schon eine schnelle Antwort ohne dabei den Fluss der Vorlesung zu stören.

    Dieses kleine Gadget ersetzt keine Diskussionen oder mündlichen Fragen, doch es hat potentia, eine sinnvolle Ergänzung zu sein.

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