Wahrheiten und Mehrheiten
TRIER. Die Politik darf sich nach Ansicht von Norbert Lammert nicht als ein „Vollzugsorgan wissenschaftlicher Empfehlungen“ verstehen. Das erklärte der Bundestagspräsident am Sonntagabend in der ehemaligen Reichsabtei St. Maximin in Trier.
Lammert, der seit 2005 an der Spitze des Deutschen Bundestags steht, sprach als Hauptredner des Festakts anlässlich der Generalversammlung der Görres-Gesellschaft. Diese tagt noch bis zum Mittwoch in Trier. Rund 350 Mitglieder sind in die Moselstadt gekommen, zu den prominentesten Referenten zählt der frühere Verfassungsrichter und kurzzeitige Schatten-Finanzminister von Angela Merkel, Professor Paul Kirchhoff, der am Dienstag sprechen wird.
Zu den Mitgliedern der Görres-Gesellschaft zählt seit 1957 auch ein gewisser Joseph Ratzinger, heute Papst Benedikt XVI. Weil Lammert an Benedikts letzter Messe im Rahmen von dessen Deutschlandbesuch teilnahm, kam er leicht verspätet nach Trier, wo er in seinem Festvortrag zum Thema „Wahrheiten und Mehrheiten“ auch auf die Bedeutung der Religionen für Gesellschaft und Politik einging. Religion sei zwar in erster Linie Privatsache, doch müsse sie auch mehr sein, so Lammert. Wie die Politik sei auch die Religion der Versuch, „Gewalt zu domestizieren“, was beiden indes nur „partiell geglückt“ sei. Lammert ging ausführlich auf das Spannungsverhältnis von Politik und Religion ein. Während erstere von Interessen geleitet sei, handele letztere von Wahrheiten. Religion sei „nicht die einzige, aber eine unverzichtbare Quelle von Werten und Überzeugungen, die über die eigene Person hinausreichen“.
Zugleich sparte Lammert aber auch nicht mit kritischen Worten: Während der Papst in seiner Rede im Bundestag auf die immer stärkere Komplexität von Fragestellungen mit ethischen Dimensionen hingewiesen habe, vermisse er diese Einsicht in vielen kirchlichen Stellungnahmen. Diese seien stattdessen oft vor allem vom „Anspruch der Eindeutigkeit, Zweifellosigkeit und Unbestreitbarkeit“ geprägt. Aufgabe der Politik sei es, Menschenrechte zu achten und zu schützen, und das „notfalls gegen Kirchen und Religionsgemeinschaften“.
Weitere Informationen: Hochkarätig besetzte Tagung
von Marcus Stölb
