Protestanten starten Portal
TRIER. Dass sich Protestanten an einer katholischen Wallfahrt beteiligen, ist ungewöhnlich. Dennoch möchten sich evangelische Christen im Kirchenkreis Trier sowie der Evangelischen Kirche im Rheinland mitmachen bei der Heilig-Rock-Wallfahrt.
Allerdings soll die Beteiligung nicht diskussionslos vonstatten gehen. Der Evangelische Kirchenkreis Trier hat jetzt eine Website zur protestantischen Beteiligung an der Christuswallfahrt an den Start gebracht. Damit wollen die Verantwortlichen dazu beitragen, sich ein eigenes Urteil zu bilden über „eine der spannendsten ökumenischen Debatten der jüngsten Zeit“, wie es in einer Mitteilung des Evangelischen Kirchenkreises Trier heißt.
Superintendent Christoph Pistorius hat die evangelische Beteiligung an der katholischen Wallfahrt als „Ökumenisches Lernen“ bezeichnet. Die bisherigen Erfahrungen hätten Modellcharakter für das Zugehen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) auf das 500-jährige Reformationsjubiläum. Die Evangelische Kirche will 2017 den legendären Thesenanschlag Martin Luthers groß feiern, der den Beginn der Reformation und damit auch der Kirchenspaltung markiert. Bislang ist noch nicht sicher, ob und wie hier eine katholische Beteiligung möglich ist. Die Erfahrungen in Trier machten indes zuversichtlich, so Pistorius, „dass wir nicht nur 2012 als Protestanten mit der Wallfahrt ein uns konfessionsfremdes Ereignis gemeinsam mit den römisch-katholischen Geschwistern feiern können, sondern umgekehrt auch Katholiken 2017 ein für sie konfessionsfremdes Ereignis gemeinsam mit uns begehen können“. Es gehe um die gemeinsame Hinwendung zu Jesus Christus, dem Herrn der Kirche, so der Theologe weiter. Christoph Pistorius: „Das Bild von der Ökumene der Gaben lädt uns ein, uns noch freundschaftlicher miteinander auf den Weg zu machen.“
Der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, hat wiederholt für eine Teilnahme an der Heilig-Rock-Wallfahrt geworben. „Die zeichenhafte Bedeutung des ungeteilten Gewandes Jesu für die eine ungeteilte Kirche ist seit der Alten Kirche übermittelt und begründet erneut diese ökumenische Initiative“, sagte der Präses vor der Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland im Januar in Bad Neuenahr. Schneider sieht eine „neue theologische Durchdringung“ auch in der römisch-katholischen Kirche, die eine Teilnahme von Protestanten möglich mache. „War der Heilige Rock in der Reformationszeit ein Heilsmittel zum ewigen Leben, in den Jahrhunderten darauf eine katholische anti-protestantische Demonstration, so bietet er heute eine Chance, den einen Herrn der Kirche, Jesus Christus, als die gemeinsame Mitte neu zu feiern“, sagte der rheinische Präses.
Der evangelische Kirchengeschichtsprofessor am Fachbereich Geschichte der Universität Trier, Andreas Mühling, hat eine Expertise über Protestantismus und „Heilig-Rock“ in historischer Perspektive vorgelegt. Er kommt zu dem Ergebnis: „Die evangelischen Theologen nicht nur der Reformationszeit lehnen ein Wallfahrtsverständnis ab, welches ein magisches Denken impliziert; die sogenannte Werkgerechtigkeit forciert; Christus aus dem Leben der Gläubigen verdrängt; und kirchenpolitisch als Ausdrucksform eines kämpferischen Katholizismus verstanden wird.“ Diese kritischen Einwände hätten bis heute ihre bleibende Bedeutung, so Mühling. „Wenn solche Tendenzen zu erkennen sind, müssen diese angesprochen werden. Sollten diese kritischen Einwände jedoch ausgeräumt sein, so ergäben sich, zahlreiche evangelisch inspirierte Gestaltungsmöglichkeiten einer christuszentrierten Heilig-Rock-Wallfahrt 2012“, findet der Professor.
Deutlich ablehnender äußert sich da der Professoren-Kollege Thomas Martin Schneider von der Universität Koblenz-Landau, Institut für Evangelische Theologie. Er sieht hinter dem Kirchen-Einheits-Verständnis, das mit der Heilig-Rock-Wallfahrt transportiert werde (Slogan: „Und führe zusammen, was getrennt ist“) schlicht Gleichmacherei. „Wie eine Einheitspartei der Tod der Demokratie ist, so gefährdete eine Einheitskonfession die Vitalität des christlichen Glaubens. Ein Teil der gegenwärtigen Politikverdrossenheit mag wohl auch daher rühren, dass die demokratischen Parteien sich in ihrer Programmatik kaum noch voneinander unterscheiden. Was gerade auch in der Ökumene Not tut, ist Respekt vor dem Anderen und dem Anderssein, also Ambiguitätstoleranz. Wir dürfen verschieden sein, müssen nicht immer gleich nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner suchen, geschweige denn ihn konstruieren.“
Weitere Positionen von namhaften Protestanten zur Heilig-Rock-Wallfahrt finden sich auf folgender Homepage.
von 16vor
