„Ist das jetzt der Papst?“

TRIER. Vereinzelte Unmutsäußerungen und einiges an Aufsehen erregte am Samstagnachmittag ein „Walk Act“ durch die Trierer Innenstadt. Als Hitler und Papst Pius XII verkleidet zogen Wolfram P. Kastner und Linus Heilig auch zum Domfreihof.

Auf ihrem knapp zweistündigen Rundgang machten die beiden Aktionskünstler sowie die Veranstalter, die Tufa und die Giordano-Bruno-Stiftung (GBS), auf das in abgewandelter Form noch heute gültige Reichskonkordat aufmerksam. Die Vereinbarung zwischen der NS-Diktatur und dem Vatikan wurde im Sommer 1933 geschlossen. Wenige Wochen später fand die erste Heilig-Rock-Wallfahrt des 20. Jahrhunderts statt. An der Aushandlung des Konkordats nahm vonseiten der katholischen Kirche federführend der damalige Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli teil. Pacelli war zuvor Apostolischer Nuntius im Deutschen Reich, 1939 wurde er zum Papst gewählt. Ebenfalls an der Aushandlung des Konkordats beteiligt war der aus Trier stammende Prälat Ludwig Kaas, der 1933 als Chef der katholischen Zentrumspartei dem Ermächtigungsgesetz der Nazis zustimmte.

Mit der Kunstaktion „Papst trifft Hitler“ habe man dazu „anregen“ wollen, „über das Verhältnis von Freiheit und Religion, Staat und Kirche nachzudenken“, heißt es auf dem Flyer, der am Samstag von Aktivisten der GBS an Pilger und Passanten verteilt wurde. Kastner forderte, das Konkordat müsse abgeschafft und eine konsequente Trennung von Kirche und Staat auch in Deutschland vollzogen werden. Der gesellschaftliche Einfluss der christlichen Kirchen sei nach wie vor zu groß. Zudem seien Hunderttausende Arbeitnehmer faktisch zur Kirchenmitgliedschaft gezwungen, weil es in Deutschland etwa 1,2 Millionen Arbeitsplätze in sozialen Einrichtungen gebe, zu denen nur Kirchenmitglieder Zugang hätten.

Erwartungsgemäß sorgten Kastner und Heilig bei ihrem Rundgang, der sie von der Tufa durch den Palastgarten, vorbei an der Basilika auch zum Dom führte, für Aufsehen. Vor allem auf dem Domfreihof, der zu selben Zeit den ersten richtig großen Ansturm von Pilgern erlebte, äußerte einige Passanten verbal ihren Unmut: Von „unanständig“ über „das ist schmutzig“ bis „miese Masche“ reichten die Kommentare. Einigen Gesichtern war auch eine gewisse Fassungslosigkeit anzusehen. Ein Beobachter wähnte sich dem Papst und Charlie Chaplin gegenüber. Eine ältere Dame fragte, ungläubig staunend: „Ist das jetzt der Papst?“ Alles in allem verlief die Aktion jedoch friedlich und ohne Zwischenfälle. Dass Pilger ob der Provokation die Contenance verloren hätten, ist jedenfalls nicht überliefert. Vielmehr zeigten sich zahlreiche Passanten auch erheitert über die Kunstaktion, manchen Touristen diente sie als originelles Motiv für Urlaubsfotos.

Auch die Polizei sah dem von einem starkem Medienaufgebot begleiteten Treiben entspannt und gelassen zu. Einige Beamte begleiteten die Künstler bei ihrem Rundgang. In der Palaststraße nahm die Polizei dann dennoch die Personalien der beiden auf. Ein Passant habe gemeldet, dass er einen „angedeuteten Hitlergruß“ gesehen habe, begründete einer der Beamten im Nachhinein die Maßnahme. Nach einer Viertelstunde konnten Kastner und Heilig ihren Rundgang fortsetzen. GSB-Sprecher Michael Schmidt-Salomon zeigte sich zufrieden mit der Resonanz auf die Aktion und attestierte der Trierer Polizei, sich „professionell verhalten“ zu haben. Der falsche Papst und der unechte Hitler spazierten schließlich samt Medientross in die Brückenstraße, wo sie der Enthüllung der angeblichen Unterhose von Karl Marx beiwohnten, die seit Samstag im Schaufenster des Zupport zu sehen ist – nur wenige Meter vom Geburtshaus des berühmtesten Sohns der Stadt entfernt.

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