Würde Jesus Facebook nutzen?
Meist trifft man ihn auf seinem Fahrrad an, rund 5.000 Kilometer legt er jedes Jahr mit seinem Velo zurück. Doch auch auf Facebook ist Pater Aloys Hülskamp viel unterwegs. Der Pfarrer von Trier-West/Pallien wartet nicht, bis die Menschen auf ihn zukommen. Mit seiner offenen Art erreicht er viele, die mit der Kirche nichts am Hut haben. „Seelsorge spielt sich auf den Straßen, in den Häusern und Kliniken, aber auch im Gefängnis ab, überall dort, wo Menschen leben“, lautet sein Credo. Also auch in sozialen Netzwerken. Ob Jesus heute Facebook nutzen würde? „Er hat alle Wege und Möglichkeiten genutzt, um mit Menschen in Kontakt zu treten“, kontert der Pater, der im Westen der Stadt seine Heimat gefunden hat.
TRIER. Die Unterhaltung dauert erst wenige Minuten an, da klingelt schon das Handy. Der Anruf kommt aus einem Altenheim. Ob der Pater zufällig Zeit für eine Krankensalbung habe? Selbstverständlich wird er das einrichten, in einer Dreiviertelstunde sei er da, sagt er der Anruferin zu. Kaum hat Aloys Hülskamp aufgelegt, da konzentriert er sich wieder voll auf das Interview. Dass er wenig später einem schwer erkrankten, möglicherweise sterbenden Menschen begegnen wird, beschäftigt ihn in diesem Moment nicht. Er lasse sich immer auf den Menschen ein, mit dem er es im jeweiligen Moment zu tun habe, erklärt der 46-Jährige seine Unaufgeregtheit; „und jetzt bin ich hier“.
Es ist ein Gespräch über Gott und die Welt, und natürlich über den Pater, das wir an diesem Nachmittag am Hauptmarkt führen. Sich immer wieder auf neue Situationen einstellen, für Aloys Hülskamp ist das Alltag.“Das, was ich mache, ist ja keine Arbeit, sondern mein Leben“, sagt er und ergänzt: „Ich will es so!“ Er hat es so gewollt, in den 90ern, als er entschied, sich den Salesianern Don Boscos (SDB) anzuschließen. Dabei schien für den gebürtigen Niedersachsen zunächst ein anderer Weg vorher bestimmt: Aufgewachsen in einem landwirtschaftlichen Betrieb unweit von Cloppenburg, absolvierte er nach der Realschule eine Ausbildung zum Landwirt. Er machte den Gesellenbrief und besuchte auch eine weiterführende Fachschule, bevor er in seinem Heimatdorf Calhorn auf die SDB aufmerksam wurde. Dass diese einen Schwerpunkt ihrer Arbeit auf die Sorge um junge Menschen legten und es sich obendrein nicht um einen kontemplativen Orden handelte, sagte ihm zu. So kam er zu den Salesianern und schließlich auch nach Lantershofen, in ein Priesterseminar für Spätberufene. Da war Hülskamp gerade mal 25 Jahre alt. Nach verschiedenen Stationen kam er 1997 als Kaplan nach Trier-West, wohin er nach einem dreijährigen Intermezzo auf dem Helenenberg auch wieder zurückkehrte – nun als Pfarrer.
„Ich fühle mich dort total akzeptiert“, sagt Hülskamp, den die meisten nur als „Pater Aloys“ kennen. Die Menschen in seinem Stadtteil erlebe er als „echt authentisch, unkompliziert, offen und direkt“. Eigenschaften, die man dem Ordensmann auch attestieren würde – und die zu einem wesentlichen Teil seine Popularität ausmachen dürften. Es sei für ihn wichtig, sich auf jeden Menschen einzulassen. „Wenn jemand Knasterfahrung hat, dann habe ich das nicht zu beurteilen. Ich nehme ihn erst einmal so, wie er ist“. Von Trier-West bis zur JVA in Euren ist es nicht weit, hin und wieder schaut der Pater im Gefängnis vorbei. Dorthin, wie zu fast allen seinen Terminen, fährt er auf zwei Rädern. „Das Fahrrad ist für mich ein wichtiges pastorales Hilfsinstrument“, scherzt er und meint es doch auch ernst. Denn der Pater weiß: Würde er mit dem Auto fahren, fiele es ihm schwerer, mit anderen in Kontakt zu treten. „Gestern habe ich an einer Ampelschaltung einen Tauftermin ausgemacht. Die Mutter war mit dem Kinderwagen unterwegs, wir haben uns zufällig an der Ecke Römerbrücke getroffen“, erzählt er.
Eine Frage treibt den Kirchenmann immer wieder um: „Wie würde Jesus in meiner Situation in Trier-West handeln?“ Eine Antworten hat er schon parat: „Er würde viel unterwegs sein“. Denn auch wenn ihm sehr viel an einer würdigen Liturgie liege – „Seelsorge spielt sich auf den Straßen, in den Häusern, im Hospiz und Krankenhaus und auch im Gefängnis ab – überall dort, wo Menschen sind“. Und damit auch in sozialen Netzwerken. Der Salesianer ist viel auf Facebook unterwegs. 2239 „Freunde“ zählt er hier – Stand Mittwochabend. Täglich werden es mehr. Wer Teil seines Netzwerks ist, dem gratuliert er zum Geburtstag; nicht mal eben nur mit einem „Glückwunsch“, sondern oft auch mit einem Gedanken, den einem dann tatsächlich zu denken gibt.
Pater Aloys: Die Menschen erwarten nicht auf alles eine Antwort
Natürlich kennt er die Kritik an Foren wie Facebook: zu oberflächlich, nichts, was für eine tiefer gehende Auseinandersetzung taugt. „Es sind ja einige kritisch, die nichts damit zu tun haben“, sagt Pater Aloys jetzt, und dass es sich um ein Medium handele, „wo sich junge Leute heute bewegen“. Er habe schon mehrfach erlebt, dass seine Präsenz auf Facebook auch manchen dazu ermutigte, sich an ihn zu wenden. Ein gewisser „seelsorgerischer Austausch“ könne in diesem Rahmen durchaus stattfinden. Ob auch Jesus Facebook nutzen würde? „Jesus hat ja selbst nichts geschrieben, das spricht dagegen“, antwortet der Theologe, um dann zu ergänzen: „Aber er hat alle damals möglichen Wege und Möglichkeiten genutzt, um mit Menschen in Kontakt zu stehen und die Botschaft Gottes zu leben“. Soll wohl heißen: Hätte es damals schon „soziale Netzwerke“ gegeben, Jesus hätte sie womöglich auch genutzt.
Doch ist der Pater nicht nur online unterwegs. Täglich greift er mehrfach zum Hörer, gratuliert Menschen, denen er in den letzten Jahren in unterschiedlichsten Momenten begegnet ist. Wen er getraut hat, den ruft er am Hochzeitstag an – was schon mal dazu führt, dass die Eheleute im letzten Moment an diesen Tag erinnert werden. Letztens habe ihn ein Ehemann gar gebeten: „Mensch Aloys, kannst du nicht einen Tag früher anrufen?!“ Auch zu Geburtstagen gratuliert er und meldet sich in besonders tragischen Fällen auch an Todestagen – bei den Hinterbliebenen von Menschen, die in den vergangenen Jahren verstorben sind. Bei seinen Rundrufen an Hochzeits- und Geburtstagen gehe es ihm „um einen kurzen Gruß. Die Leute haben meistens Gäste und deshalb keine Zeit zum Quatschen“, sagt er und berichtet: „Ich rufe auch bei denen an, die aus der Kirche ausgetreten sind“. Ob er dann versuche, diese wieder zurück zu gewinnen? „Ich akzeptiere grundsätzlich diese Entscheidung, und ich will auch niemanden in der Kirche, der nur aus Druck bleibt“.
Konkrete Erwartungen hege er keine, stellt der Pater klar, aber ganz so selbstlos, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag, sei die Kontaktpflege dann auch nicht. „Aus jeder Begegnung lerne ich etwas, das lässt mich reifen“. Nicht selten wechseln sich freudige und tragische Momente binnen kurzer Zeit ab: „Ich hatte schon mal einen Tag, da war ich vormittags als Notfallseelsorger bei einer Familie, deren Tochter sich das Leben genommen hatte; und nachmittags musste ich ein Paar trauen“. Wie er mit solchen Situationen umgeht? Er versuche immer mit den Gedanken bei den Menschen zu sein, die ihn erwarteten. In besonders schmerzhaften Situationen fehlten allerdings auch ihm schon mal die Worte. „Aber die Menschen erwarten auch nicht auf alles eine Antwort“.
von Marcus Stölb
