„Sie glauben mir hoffentlich“
TRIER. Im Zusammenhang mit dem Bekanntwerden neuer Missbrauchsfälle im Bistum Trier hat Bischof Stephan Ackermann „gravierende Fehler“ eingeräumt. In einem offenen Brief nimmt er umfassend Stellung zu den Vorgängen.
Vor allem der Fall eines Geistlichen, der sich in der Pfarrei Saarbrücken-Burbach wiederholt an Minderjährigen vergangen hat, trug Ackermann schwere Kritik ein. Denn obwohl das Bistum bereits im Januar umfassend über die Missbrauchsvorwürfe informiert war, konnte der Pfarrer noch bis Oktober weiter Gottesdienste halten. Ein Pastoralreferent sowie die Katholische Studierende Jugend (KSJ) griffen den Bischof ungewohnt scharf an und warfen der Bistumsleitung Zynismus sowie den Versuch, weiter vertuschen zu wollen, vor (wir berichteten).
Nun meldete sich Ackermann in einem für den katholischen Klerus bemerkenswert selbstkritischen Schreiben zu Wort. In einem offenen Brief heißt es: „Die Veröffentlichung von zwei neuen, wenngleich Jahrzehnte zurückliegenden, Fällen sexueller Gewalt an Minderjährigen durch Priester hat viele Menschen in unserem Bistum erschüttert und verwirrt“. Er habe sich in den vergangenen Tagen und Wochen mit Fragen konfrontiert gesehen, deren Tenor gelautet habe, ob die Kirche noch immer nichts aus den Vorgängen gelernt habe und er selbst Opfer seines eigenen Anspruchs geworden sei. „Solche und ähnliche kritischen Fragen wurden und werden an mich gestellt. Sie treffen mich sehr, zumal ich mich seit mehr als anderthalb Jahren mit einem hohen Maß meiner Kräfte und meiner Zeit dafür einsetze, der schmerzlichen Tatsache von sexueller Gewalt im Raum der Kirche ehrlich ins Auge zu schauen, Meldungen von Opfern vorbehaltlos aufzunehmen und ihnen nachzugehen und mich mit allen Kräften für einen wirksamen Schutz von Kindern und Jugendlichen engagiere“, schreibt Ackermann.
Angesichts der Ereignisse in Saarbrücken-Burbach müsse er aber eingestehen: „Es gab gravierende Fehler. Wir haben die in den sogenannten Leitlinien für den Umgang mit sexuellem Missbrauch Minderjähriger formulierten Vorgaben nicht so konsequent umgesetzt, wie wir dies hätten tun müssen. Wir haben im Januar erste Hinweise erhalten auf das Vorliegen von sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch den Pfarrer. Das hat uns auch veranlasst, ihn zu einer Selbstanzeige zu drängen. Von dem vollen, uns heute bekannten Umfang der Vergehen, wie sie auch in der Frankfurter Rundschau öffentlich wurden, haben ich und die Verantwortlichen im Bischöflichen Generalvikariat erst im Sommer, nach meiner Rückkehr vom Weltjugendtag in Madrid, erfahren. Dennoch hätten die im Januar an uns ergangenen Hinweise der Polizei und das dem Personalverantwortlichen gegenüber gemachte anfanghafte Geständnis des Täters genügt, um eine Beurlaubung aussprechen zu können und die Pfarrei unsererseits gezielter informieren zu müssen“.
Weiter schreibt Ackermann: „Warum war es nicht dazu gekommen? Der Täter selbst war am Heiligen Abend 2010 aufgrund eines brutalen Überfalls im Pfarrhaus schwer verletzt worden. Er war daher gar nicht im Dienst, als die ersten Vorwürfe bekannt wurden, und ist offiziell bis zum Eintritt in den Ruhestand am 1. September auch nicht mehr in den aktiven Dienst zurückgekehrt. Wir müssen feststellen, dass, als sich seit April sein Gesundheitszustand derart besserte, dass er wieder an Messen teilnehmen und im Juni sogar bei einer Kindergarten-Einweihung auftreten konnte, unsere Kontroll- und Aufsichtsmechanismen nicht so gegriffen haben, wie sie hätten greifen müssen. Sie können sich vielleicht vorstellen und glauben mir hoffentlich, wie sehr ich das bedauere“.
Ackermann versicherte, dass es „für mich kein Abweichen von der Linie einer Nulltoleranz gegenüber dem schändlichen Verbrechen sexueller Gewalt gibt.“ Zugleich gelobte der Bischof Besserung: „Ihnen zu versprechen, dass ab heute nie wieder Fehler in der Aufarbeitung von Fällen sexueller Gewalt passieren, wäre vermessen. Ich verspreche Ihnen aber, dass ich zusammen mit meinem Generalvikar, den beiden Missbrauchsbeauftragten und meinem Beraterstab für Fragen sexuellen Missbrauchs, den Personal- sowie den Kommunikationsverantwortlichen im Generalvikariat alles daran setzen werde, aus den begangenen Fehlern zu lernen für einen noch angemesseneren Umgang mit den Opfern, aber auch den betroffenen Gemeinden“.
Ackermann kündigte an, zu Beginn des kommenden Jahres alle Interessierten, insbesondere die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter des Bistums, zu einem konstruktiven Meinungsaustausch ins Bischöfliche Generalvikariat einladen. Zudem werde im neuen Jahr eine neue Fachstelle für Kinder- und Jugendschutz ihre Arbeit aufnehmen.
von Marcus Stölb
