„So muss Theater sein“

Im Trierer Theater gibt es an diesem Samstag gleich zwei Premieren. Zum einen wird um 19.30 Uhr im Großen Haus zum ersten Mal in dieser Spielzeit das Drama „Hedda Gabler“ gezeigt. Zum anderen inszeniert der Intendant Gerhard Weber erstmalig ein Stück von Henrik Ibsen. Im Gespräch mit 16vor kündigt er an, dicht am Original zu bleiben. „Dieses Stück hat nach wie vor eine zeitliche Relevanz und berührt auch ohne textliche Änderungen heute noch.“

TRIER. Die Generalstochter Hedda Gabler hat den aufstrebenden Historiker Jörgen Tesman geheiratet. Um seiner anspruchsvollen Frau etwas bieten zu können, hat er sich Geld geliehen und eine Villa gekauft. Seinen Nebenbuhler, den attraktiveren und begabteren Lövborg, hat Hedda abblitzen lassen, weil dieser gerne in einschlägigen Etablissements seinen Verstand mit Drogen betäubte, und somit finanziell und gesellschaftlich keine aussichtsreiche Perspektive für sie gewesen war.

Jetzt kehrt Hedda ernüchtert und gelangweilt aus den Flitterwochen zurück und muss erfahren, dass Lövborg mittlerweile sein Lotterleben aufgegeben hat. Er hat ihre Abwesenheit genutzt, um ein aufsehenerregendes kulturgeschichtliches Buch zu schreiben. Dessen überwältigendes Echo lässt die Berufung ihres Ehemanns zum Professor plötzlich mehr als fraglich erscheinen. Hedda zerrinnt ihr Lebensplan zwischen den Fingern. Gegen ihre Neigung hatte sie sich für ein Leben nach bürgerlichen Prinzipien entschieden. Als diese Prinzipien nun nicht halten, was sie versprachen, nämlich ökonomische Sorglosigkeit, beginnt sie, sich und ihre Umwelt zu hassen und zeigt dies auch. Beim Versuch, Ihren Status zu wahren, geht sie über Leichen.

Henrik Ibsen schrieb das Drama 1890. Die ersten Kritiken waren überwiegend negativ. Man tat sich vor allem mit der Gestaltung der Hauptfigur schwer. In der Rezension im norwegischen Morgenbladet hieß es: „Alles in allem kann Hedda Gabler kaum etwas anderes als eine grässliche Ausgeburt der Phantasie genannt werden, ein vom Dichter selbst hervorgebrachtes Ungeheuer in Frauengestalt ohne entsprechendes Vorbild in der realen Welt.“ Zumindest in der Literatur war eine machtversessene Ehefrau kein Novum. So trieb beispielsweise Lady Macbeth ihr Unwesen bereits knapp dreihundert Jahre früher. Neu war allerdings, dass Hedda Gabler nicht den oberen Schichten entstammte.

„Sie hat eine sehr starke Labilität. Sie lebt sehr an der Kante des Lebens. Deshalb auch diese starke Affinität zum ähnlich gearteten Philosophen Lövborg. Insofern war sie vielleicht für die normale Welt des 19. Jahrhunderts etwas Unbegreifliches“, sagt Gerhard Weber. „Heute ist sie eine Figur, die man immer wieder findet. Auf der einen Seite ein Mensch, der sich nicht in Schubladen zwängen lässt. Auf der anderen Seite ist sie sehr egozentrisch. Sie pfeift auf gesellschaftliche Normen, die sie aber auch nutzt, indem sie beispielsweise die Ehe als Versorgungsanstalt sieht. Aber ihre Rechnung geht nicht auf, weil sie diesen Spagat emotional nicht schafft.“

„Hedda Gabler“ ist das erste Stück von Ibsen, in dem Weber Regie führt. 35 Jahre, nachdem er Peter Zadeks Inszenierung in Bochum gesehen hat. Wenn er seinem Ensemble davon vorschwärme, komme er sich vor, wie der Opa, der vom Krieg erzähle. „Darin spielten Rosel Zech, Hermann Lause und Ulrich Wildgruber – alle schon tot“, sagt der 62-Jährige und muss angesichts seines Alters selbstironisch lachen. Zadeks Inszenierung hat Eindruck hinterlassen: „Das war eines meiner großen Erweckungserlebnisse. Da dachte ich: So muss Theater sein.“

Er habe schon lange beabsichtigt, „Hedda Gabler“ zu inszenieren. „Aber so ein Stück kann man nur machen, wenn man die geeignete Besetzung hat. In dem Neuengagement von Alina Wolff und der Konstellation mit Klaus-Michael Nix habe ich für mich die richtige Besetzung gefunden.“

Die geeigneten Darsteller sind jedoch nicht alles: „Der zweite Grund war, dass ich Stücke wie ‚Hedda Gabler‘, psychologisches Theater, für das Kerngeschäft des Theaters halte. Das betreiben wir viel zu wenig.“ In dem Vierakter geht es vor allem um Frage: Wie groß ist der gesellschaftliche Zwang, bestimmte Dinge eingehen zu müssen, um zu überleben? „Das war früher sicherlich noch rigider als heute. Aber auch heute darf man gesellschaftliche Vorgaben nicht unterschätzen.“

Das Stück sei für Weber zeitlos, weil es die gesellschaftlichen Auswirkungen einer Beziehung zwischen zwei Menschen thematisiere. „Was bedeutet eine Beziehung, was bedeutet eine Ehe? Eine Karriereleiter aufsteigen zu wollen, indem man jemanden heiratet? Gerade Ende des 19. Jahrhunderts war dies eine der entscheidenden Fragen. Ibsen warf sie erstmalig auf.“ Seitdem sind Aufstiegsdenken und Angst vor einem sozialen Abstieg in der Gesellschaft nicht weniger geworden.

Aber nicht nur die Thematik, sondern auch ihre Präsentation gefällt Weber an dem Werk. „Es ist großartig bei Ibsen, dass er Skandalthemen als normal life beschreibt. Das ist sein Markenzeichen, dass die schockierenden Dinge geradezu en passant passieren. Das schätze ich.“

Obwohl sich die sozialen Bedingungen geändert haben, inzwischen auch „Bürgerliche“ Prinzen heiraten dürfen und es heute für Frauen mehr Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung gibt, ändert Weber nichts an gesellschaftlichen Konstellation, die Hedda Gabler zu ihrem Handeln treibt. „Ich versuche, am Text zu bleiben. Bei den Proben merkte ich, dass das Stück auch ohne Änderungen heute noch funktioniert und berührt.“

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